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Full text of "Forschungen zur neueren Literaturgeschichte"

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University of Toronto 



http://www.archive.org/details/forschungenzurne48muni 



Forschungen 

zur neueren Literaturgeschichte. 

Herausgegeben von 

Dr. Franz Muncker, 

o. ö. Professor an der Universität München. 



XLVIII. 

Sebastian Wild, 

ein Augsburger Meistersinger. 

Von 

Dr. Willy Brand!. 




WEIMAR. 

Alexander Duncker Verlag. 
1914. 



Sebastian Wild, 

ein Augsburger Meistersinger. 



Von 



Dr. Willy Brandl. 




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0' 



1/ 



WEIMAR. 

Alexander Duncker Verlag. 

1914. 



Druck der Rammingschen Buchdruckerei (Inh.: M. Rautenstrauch), Dresden, 



Herrn Professor 

Dr. Julius Petersen 

in verehrungsvoller Dankbarkeit. 



Inhalt. 

Seite 

Vorwort 1 

Einleitung 3 

Das Weihnachtsspiel 15 

Übrige geistliche Dramen 56 

Halbgeistliche Dramen 68 

Dramen nach Volksbüchern 90 

„Asinus vulgi" 125 

Reimchronik und Meistergesänge 139 

Bühnenverhältnisse 152 

Nachwirken Wilds 161 

Benützte Literatur 165 



Der Verfasser wollte ursprünglich seiner Arbeit noch ein reich- 
haltiges Register beigeben. Doch machte der Ausbruch des Krieges, 
der ihn mitten aus der Korrektur dieser Bogen ins Feld rief, die Aus- 
führung seiner Absicht unmöglich. 



Vorwort. 



Das Wort Grillparzers aus dem „Armen Spielmann": 
„Man kann die Berüiimten nicht verstehen, wenn man die Obskuren 
nicht durchgefühlt hat" könnte man als Programm für die kom- 
mende literarhistorische Forschung über das 16. Jahrhundert 
aufstellen. Denn trotz all der großen und bedeutenden Arbeiten, 
die uns heute über Luther und Hütten, über Sachs und Fischart 
vorliegen, ist das 16. Jahrhundert im ganzen noch ziemlich 
unbekannt. Uns fehlt die Einsicht in die durchschnittlichen 
künstlerischen Fähigkeiten dieser Zeit, und doch bestimmt gerade 
der Durchschnitt den Geist einer Epoche, nicht das Genie. So- 
lange man diese mittelmäßigen und kleinen Geister nicht kennt, 
ist an eine zusammenfassende Literaturgeschichte dieser Zeit nicht 
zu denken, die eine der vordringlichsten Aufgaben unserer Wissen- 
schaft ist. Denn erst die Erkenntnis des Durchschnittes kann uns 
auch zeigen, wie hoch sich Sondererscheinungen, wie Sachs oder 
Fischart oder Wickram, über das allgemeine Niveau erheben. 

Schon seit einigen Jahren beschäftigt sich die Forschung 
mit genauen Untersuchungen über unbedeutendere Persönlich- 
keiten; über Knaust, über Greff und über Holzmann liegen uns 
heute ausführlichere Werke vor. Aber noch viel mühevolle Klein- 
arbeit ist zu leisten, bis einmal diese Ergebnisse zusammengefaßt 
werden können zu einem gewaltigen Bilde jener stürmischen, 
kampfesfrohen Zeit. Vorerst sind darum alle Arbeiten über ein 
Gebiet des 16. Jahrhunderts Vorarbeiten, und als solche möge 
auch dieser Versuch gelten, einen der „Obskursten" in die wissen- 
schaftliche Forschung einzuführen. 

XLVIII. Brandl, S.Wild. » 



— 2 — 

Angeregt wurde ich zu der vorliegenden Arbeit durch Herrn 
Professor Dr. J. Petersen-Basel; aber nicht nur bei dieser Ge- 
legenheit erfuhr ich weitgehendste Unterstützung und Beratung 
von ihm, immer stand er mir mit Rat und Tat zur Seite; die Wid- 
mung dieses Buches möge meinem herzlichen Dank öffentlich 
Ausdruck verleihen. Nicht minder aber schulde ich aufrichtigsten 
Dank meinem hochverehrten Lehrer Herrn Professor Dr. Muncker; 
seiner Unterstützung und fördernden Anteilnahme durfte ich mich 
bei jeder Gelegenheit erfreuen. 

Von den vielen, denen ich Anregungen und Nachweise zu 
meiner Arbeit verdanke, möchte ich hier nur Herrn P. Dr. Expe- 
ditus Schmidt 0. F. M., Herrn Professor Dr. F. Wilhelm und 
Herrn Dr. K. Trautmann nennen. Ich hätte meine Arbeit nie 
in diesem großen Umfange vollenden können ohne die selbstlose 
Hilfe, die ich bei den Herren Beamten der Münchener Universi- 
tätsbibliothek fand; neben ihrem Vorstand, Herrn Oberbiblio- 
thekar Dr. Gg. Wolff, muß ich mit ganz besonderem Danke noch 
Herrn Bibliothekar Dr. Chr. Ruepprecht nennen. Auch auf der 
Münchener Staatsbibliothek fand ich jederzeit das größte Ent- 
gegenkommen. Die Bibliothek Augsburg, deren Vorstand, Herrn 
Dr. Schmidbaur, ich auch einige Hinweise verdanke, ermöglichte 
mir meine Arbeit dadurch, daß sie mir Wilds Werke 1^ Jahre lang 
zur Benützung in München überließ. Seltene Bücher bekam ich 
von den Bibliotheken in Berlin, Dresden, Göttingen (Universität), 
Königsberg (Universität), Stuttgart und Wien. 

Allen diesen Helfern sei auch an dieser Stelle nochmals mein 
herzlichster Dank gesagt. 



Einleitung. 



Bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts galt der Literaturge- 
schichte die Persönlichkeit des Hans Sachs als identisch mit dem 
Meistergesang; in der Wertschätzung wie in der Verachtung Hans 
Sachsens spiegelt sich die Stellung der verschiedenen Zeiten zu dieser 
Periode einer bürgerlichen Kultur. Wenn Joh. Joach. Schwabe 
1741 in einem „Deutschen Dichterkrieg" den Sachs auftreten läßt, 
umgeben von einem großen Schwärm der Meistersinger, ,,der nicht 
zu übersehen war", so ist er sich noch nicht des großen Abstandes 
bewußt, der Hans Sachs von seinen bürgerlichen Singkollegen 
trennt. Erst August Wilhelm Schlegel hat diese unbedeutenden 
Meistersinger für sich allein betrachtet und scharf genug verurteilt. 

Aber schon ehe Schlegel den kleineren Zeitgenossen des 
Hans Sachs seine Aufmerksamkeit schenkte, hatte das Gottsched 
getan, wenigstens so weit sie in dramatischer Form geschrie- 
ben hatten. So findet sich in seinem trotz aller Mängel sehr ver- 
dienstlichen und noch immer sehr brauchbaren , »Nötigen Vorrat 
zur Geschichte der deutschen dramatischen Dichtkunst von 1450 
an"i) auch die erste Erwähnung Sebastian Wilds. Aber die dort 
befindlichen Angaben sind vollständig durcheinander gebracht: 
im zweiten Teil wird auf Seite 223 unter dem § 84 der Titel der 
Sammlung Wilds genannt und über die Vorrede und das Weih- 
nachtsspiel gesprochen. In § 85 wird eine Tragödie ,,Dido" er- 
wähnt, im § 86 eine Straßburger Übersetzung der „Menaechmi" 
des Plautus. Erst §§ 87—97 beschäftigen sich wieder mit Wild. 
Den Druckort gibt Gottsched nicht an. 

1) Teil I erschien 1757, Teil II 1765 in Leipzig. 



Daraus schließt Erduin Julius Koch (1764 — 1834) in seinem 
„Compendium der deutschen Literaturgeschichte" (1795), daß 
Wilds Werk ,,s. 1." erschienen ist. Daß das Buch in Augsburg ge- 
druckt wurde, konstatiert zum ersten Male Friedr. Rassmann 
in seinem „Literarischen Handwörterbuch der verstorbenen deut- 
schen Dichter" Leipzig 1826. 

Wild wurde in der Literaturgeschichte erst bekannt durch 
Aug. Hartmanns Untersuchung über das Oberammergauer 
Passionsspiel (1880). Infolge dieses Zusammenhanges beschäftigte 
sich die Forschung hie und da mit ihm; die Aufsätze von Bolte, 
Holstein und Lier werden an den betreffenden Stellen genannt 
werden müssen. Hier seien nur die Untersuchungen von Max 
Radlkofer genannt: im „Bayerland" 1900 und in seinem Buch 
„Die schriftstellerische Tätigkeit der Augsburger Volksschullehrer" 
Augsburg 1903. 

Wer über die Literaturgeschichte Augsburgs im 16. Jahr- 
hundert arbeiten will, wird sich auf diesen vortrefflichen Kenner 
der damaligen Verhältnisse berufen müssen; man wird ihm Dank 
schulden, auch dann, wenn man seinen Anschauungen entgegen- 
treten muß. 

Die Daten, die Radlkofer aus Wilds Leben beibringen konnte, 
sind leider überaus spärlich. Es ist darum nicht möglich eine wirk- 
liche Monographie über diesen Mann zu schreiben, denn die Be- 
ziehungen zwischen Dichten und Leben bleiben verborgen. Aller- 
dings groß ist der Schaden wohl nicht, denn Wilds Schaffen ist so 
unpersönlich, daß man annehmen kann, Dichten und Leben war 
für ihn etwas völlig Getrenntes i). 

Aber es sei der Versuch unternommen, die sozialen Bedin- 
gungen kurz zu skizzieren, in denen sich Wild befand, also die Ver- 
hältnisse eines protestantischen Volksschullehrers in Augsburg in 
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Denn so wenig wie seine 



Wie meistens bei den Meistersingern; der Merkwürdigkeit halber 
sei hier eine Begebenheit erwähnt, wo das Gegenteil der Fall war. In ,, Ale- 
mannia" XV. 68f. teilt K. Trautmann mit: in Ulm sei 1608 ein Meister- 
singer wegen eines Mordes hingerichtet worden; dazu „hete er ihm selbst 
ein trauergesang gemacht" „vnd haben die Meistersinger ihme auch zum 
gedächtnuss etliche schöne Trauer- vnd frewden lieder noch mehr her- 
nacher gesungen". 



— 5 — 

dichterische Begabung wird sich auch sein Leben über den Durch- 
schnitt erhoben haben. 

Die Reformatoren schätzten den Lehrerstand außerordentlich 
hoch ein; Luther erklärte geradezu in „Ein Sermon oder Predigt, 
daß man solle Kinder zur Schule halten": „Ich weiß, daß dieses 
Werk nach dem Predigtamt das allernützlichste, größte und beste 
ist, und weiß dazu noch nicht, welches unter den beiden das beste 
ist". Melanchthon war mit Leib und Seele Lehrer^). Aber trotz- 
dem nehmen die Lehrer in den Jahren nach der Reformation eine 
sehr niedere soziale Stufe ein 2); Melanchthon klagt darüber in 
,,De miseriis paedagogorum", Nikodemus Frischlin in seiner 
Braunschweigischen Antrittsrede. 

Meistens waren eben auch die Personen, welche sich dem 
Lehrberuf widmeten, nicht sehr verehrungswürdig; besondere 
Kenntnisse waren nicht vorgeschrieben — die Lehrer an den 
Lateinschulen sollen hier übergangen werden. Wenn einer 
schreiben und lesen und den Katechismus lehren konnte, durfte 
er gewöhnlich eine Privatschule eröffnen. So drängten sich viele 
Leute zu diesem Berufe, die sonst nirgends ihr Fortkommen finden 
konnten. In Augsburg wurde es erst durch die Verordnungen von 
1543 und 1551 verboten, neben der Schule noch ein Handwerk 
auszuüben: An dieser Sitte war die elende Bezahlung der Lehrer 
schuld; den größten Teil ihres Einkommens machte das Schulgeld 
aus, das niedrig genug bemessen w^ar und wahrscheinlich nur von 
den Reicheren ganz bezahlt wurde. Einigen finanziellen Vorteil 
hatten die Lehrer auch von dem sogenannten Holzgeld: im Winter 
mußte jeder Schüler zur Heizung des Schulzimmers entweder Holz 
mitbringen oder eine bestimmte Summe dafür zahlen. Unter diesen 
Umständen ist es begreiflich, wenn die Lehrer sich Nebenerwerb 
suchten; häufig beschäftigten sie sich in ihren Nebenstunden mit 
Schreiberarbeiten für Notare. Kam einmal ein Fest, so gab ihnen 
dies willkommene Gelegenheit, es genau zu beschreiben und dafür 
von den verschiedenen Festgästen, die alle ausdrücklich genannt 
sein wollten, ,, Verehrungen" zu empfangen; so läßt sich wohl der 
häufige Übergang der Meistersänger zu dem später so vielfach 



^) Vgl. Kochs Arbeit über die „Schola privata". 

*) Vgl. die Abhandlungen von Hans, Joachimsen und Mertz. 



— 6 — 

verspotteten Pritschmeister- Gewerbe erklären. Am meisten aber 
verdienten die Lehrer durch Aufführungen von Theaterstücken 
mit ihren Schülern. 

Die Schulkomödie hatte Luther^) sehr empfohlen, und alle 
protestantischen Schulmänner teilten seine Ansicht. Die Schüler 
sollten auf diese Weise möglichst viel auswendig lernen und auch 
lernen, sich geschickt auf der Bühne zu bewegen. Irgendwelche 
Kunstinteressen waren dabei nie im Spiel. Manchmal wurde Ein- 
trittsgeld erhoben, das freilich niedrig genug war 2); dann aber 
spielten die Lehrer mit ihren Schülern auch vor dem Rat, manch- 
mal sogar vor einzelnen hohen Privatpersonen; bei diesen Gelegen- 
heiten bekamen die Lehrer eine größere oder kleinere „Verehrung" 3). 
Erfreuten sich dann die Komödien einer Schule großer Beliebt- 
heit, so durfte der Lehrer auch vielleicht auf einige Schüler mehr 
rechnen, die im nächsten Jahre seine Schule besuchten. So er- 
scheint der Verdienst der Schulmeister als der wichtigste Grund 
zur Abhaltung von Schulkomödien; dieser Gesichtspunkt wurde 
meines Erachtens von der literarhistorischen Forschung zu wenig 
beachtet. 

Von diesem Gesichtspunkt aus werden wir auch das Schaffen 
Sebastian Wilds zu betrachten haben, dessen Komödien vor 1566 
in seiner Schule aufgeführt wurden. Im 16. Jahrhundert waren 
die Menschen aller Stände von einer beispiellosen Theaterfreudig- 
keit. Alle wichtigen Tagesfragen, religiöse wie politische, spiegeln 
sich in dem Repertoire der Theater dieser Zeit. Besonders in den 
freien Reichsstädten blühte auch dieser Zweig des öffentlichen 
Lebens. Unter diesen hatte in Süddeutschland Augsburg die 
Führung; seine ausgedehnten Handelsverbindungen ermöglichten 
eine große Beeinflussung durch fremde Kunst ^), seine berühmten 
Buchdruckereien sorgten für eine verhältnismäßig umfassende 
Bildung der Bürger. 



1) Vgl. S. 16. 

2) Für Augsburg ist dies allerdings nicht nachgewiesen. 

^) Diese Eintragungen in die städtischen Rechnungsbücher haben 
ein gutes Stück Theatergeschichte bis in unsere Zeit erhalten; nur sind 
die Archive noch in zu wenig Städten erforscht. 

*) Das macht sich hauptsächlich bemerkbar mit dem Eindringen 
der italienischen Komödianten. 



— 7 — 

Den wichtigsten Einschnitt in der Theatergeschichte Augs- 
burgs im 16. Jahrhundert bedeutet das Auftreten des Sixt Birck, 
der am neugegründeten Gymnasium zu St. Anna die Aufführung 
lateinischer Schuldramen einführte. 

Das deutsche Schauspiel wurde durch die Meistersinger ge- 
pflegt, die keine anderen Aufführungen zulassen wollten; beson- 
ders die Schulkomödien suchten sie zu verhindern, wenn nicht die 
Lehrer ihrem Verbände angehörten. So treffen wir in Augsburg 
auch keine Handwerkertruppen wie zum Beispiel in Nördlingen. 
Allen Konkurrenten gegenüber rühmten sie sich, daß sie schon 
seit 1534 die alten heidnischen Historien und Fabeln in ihren 
Stücken abgeschafft und dafür biblische Darstellungen auf die 
Bühne gebracht hätten^). 

Die Augsburger Meistersingerschule ist eine der ältesten; in 
Mainz soll die erste bestanden haben 2), aber aus Augsburg haben 
wir die erste sichere Nachricht in einem Jubiläumsgedichte von 
1450 3); dann erst folgten Nürnberg und Straßburg. Wir wissen 
auch, daß die Augsburger Meister ihr erstes Theaterstück 1550 
spielten, und zwar „Die 5 betrachtnussen"*). Der Übergang der 
Meistersinger von der Schule auf das Theater wurde schon viel- 
fach diskutiert; vielleicht spielte dabei folgender Grund eine Rolle: 
Die Singschule konnte nie populär werden; zuerst machte sie wohl 
infolge des Reizes der Neuheit großes Aufsehen, aber Einfluß auf 
das öffentliche Leben wird sie nicht lange gehabt haben. Bei der 
schon erwähnten Begeisterung für das Theater konnten die Meister- 
singer durch dramatische Aufführungen viel stärker wirken und 
das Publikum so für ihre puristische Kunst gewinnen. 

Der berühmteste Meister der Augsburger Schule war der 
frühere Professor am Gymnasium zu St. Anna und spätere Notar 



^) In Nördlingen wurde 1578 die Aufführung von „Florio und Bian- 
ceffora" (wahrscheinlich von Sachs) verboten, „weyl es khain geistliche 
sondern bulerische fabel ist". Nach Trautmanns Mitteilungen AfLG XIII 
(1884). 

2) Die Meistersinger von Mainz brachten merkwürdigerweise sensa- 
tionelle Tagesereignisse auf die Bühne. 

3) Münchener SB 193, 153 (Creizenach III, 228). 

*) Wahrscheinlich eine Bearbeitung des Dramas von Kolroß 
(1532). 



Joh. Sprengt), der als erster Homers „Ilias"^) und des Palin- 
genius „Zodiacus vitae" (1564) übersetzte; dann Vergils 
„Aeneis"^) und Ovids „Metamorphosen" (1564)*) und mit Zach. 
Münzer zusammen den Josephus(1569). Er hat in dem Verzeich- 
nis der Augsburger Meistersinger^) den ehrenden Beinamen „Tich- 
ter"; das war eine besondere Auszeichnung, die nur sehr wenigen 
verliehen wurde: neben Hans Vogel und Weidmer, über die ich 
nichts Näheres zu sagen w'eiß, wurde sie dem Maler Daniel Holz- 
mann und unserem Sebastian Wild verliehen. D. Holzmann ist 
bekannt durch seine Bearbeitung der Fabeln des Cyrillus unter 
dem Titel „Spiegel der natürlichen Weisheit" (1571)^). 

Wild wird auch sonst rühmend erwähnt: Spreng nennt ihn 
in seinem Meisterlied über die Augsburger Schule als einen der 
zwölf ersten Meister'); Johannes Genich er, der „aus Liebes 
prunst" die hohe Gesangskunst sich erwählt hat, sagt von ihm 
im „Lobspruch über den Psalter Davidts gesangsweiß nach art 
der Meistersinger an statt eine Vorred" ^): 

,, Sebastian Wild war der Viert 
ein gutter Dichter wolgezirt 
machet vil schöner Thön mit fleiß 
Hat im gedieht groß Lob vnd Preiß". 
Über Wilds persönliche Verhältnisse wissen wir sehr wenig. 
Im Verzeichnis wird er als , Schneider" bezeichnet; Greift nennt 
ihn unter den Schulmeistern, die mit ihren Schülern Komödien 
aufführten. In der Einleitung zu der Ausgabe seiner Werke be- 
tont er den Nutzen des Theaterspielens für die Jugend. So scheint 
er sein Handwerk mit dem Lehrberuf vertauscht zu haben. In 



^) Skizze von Fr. Keinz und Roethe in der ADB; neue Unter- 
suchung von Rudolf Pfeiffer (Augsburg 1914). 

2) Der Alünchener Stadtschreiber S. Schaidenraisser (Minervius) 
übersetzte nur die Odysse (in Prosa). Augsburg 1537 (Goedeke IF, 319). 

3) 1610 mit der llias zusammen nach seinem Tode erschienen. Die 
Aeneis hatte 1515 Th. Murner übersetzt: „Vergilij maronis dryzehe Aenea- 
dische Bücher". 

*) Vorher bearbeitete sie J. Wickram nach Albrecht von Halberstadt. 
5) Veröffentlicht von Keinz, Münchener SB 193. 
®) Westermanns Dissertation ist eine langweilige Registrierung. 
') Abgedruckt bei Hartmann S. 191; Original in Cod. Aug. 218. 4». 
«) In Cod. Aug. 218. 4°. 



— 9 — 

dem Verzeichnisse, das Greift von den Augsburger Lehrern gibt, 
wird Wild selbst nicht erwähnt, wohl aber seine ,, Hausfrau". Wahr- 
scheinlich hatte er noch als Schneider die Lehrerin geheiratet, 
welche ihn dann seinem neuen Berufe zuführte. 

Unter den Meistersingern gehörten die Lehrer sicher zu den 
angesehensten Mitgliedern; verfügten sie doch über eine größere 
Bildung, als sie der größte Teil der Handwerker hatte. Vor allem 
taten sie sich durch Verfertigung von Dramen hervor i). Von Daniel 
Holz mann ist uns in Cgm 4061 eine — übrigens sehr langweilige 
— ,, Hochzeit zu Kana" erhalten (aus dem Jahre 1576); von Hans 
Rogel, der auch ein Gedicht über die Zerstörung Jerusalems 
schrieb 2), wurde 1552 ein Drama „Die 10 Alter" aufgeführt, das 
er wohl nach Gengenbachs „10 Altern" (1515) bearbeitet hatte. 
Leider sind uns außer den Dramen Wilds und dem einen von 
Daniel Holzmann keine Dramen der Augsburger Meistersinger er- 
halten; dieser Verlust macht sich besonders bemerkbar, wenn man 
Wilds Stellunginnerhalb dieses Kreisesgenauer kennen lernen möchte. 

Den wichtigsten Abschnitt in Wilds Leben bildete das Interim 
mit seinen Folgen. Im Jahre 1548 wurde dadurch das (protestan- 
tische) demokratische Regiment aufgehoben und an seine Stelle 
trat das (katholische) aristokratische Geschlechterregiment, wie 
es vor der Reformation bestanden hatte. 1551 wurden diejenigen 
protestantischen Geistlichen, die sich den neuen Anordnungen 
über den Religionsunterricht nicht fügen wollten, verbannt. Die 
Lehrer, die nicht gehorchen wollten, wurden abgesetzt; unter diesen 
wird als letzte „L. S. Wilden Hausfrau" genannt. Ob das Ehepaar 
von Augsburg fortzog oder hier sein kümmerliches Dasein fristete, 
läßt sich nicht sagen 3). 1552 wurden die Lehrer wieder zu Gnaden 
aufgenommen, weil ,,bei andächtigen, gottesfürchtigen Bürgers- 
leuten gross Trauerns und Klagens war, indem sie mußten sehen, 
dass ihre Seelsorger und getreuen Schulmeister ihnen entzogen 
und sie also darin beraubt wurden". 



1) Seit 1581 durften drei Komödien im Jahre gespielt werden. 

2) Vgl. S. 143. 

3) Die obige Mitteilung stützt sich auf Greiff. Er widerspricht sich 
aber selbst, wenn er in seinem Verzeichnis Wilds Hausfrau zu denen zählt, 
die noch 1551 Schule hielten. Schellhorn nennt unter den protestierenden 
Lehrern Wilds Frau nicht. 



— 10 — 

Im Jahre 1573 heiratete Wild zum zw^eiten Male, und zwar 
Elisabeth St edel in von Sontheim. Nehmen wir noch dazu, daß 
Wild 1547 zu den Kranzbewerbern gehörte, die zu St. Stephan 
sangen, und daß er 1583 zum letzten Male im Steuerprotokoll 
erwähnt wird, so haben wir alles zusammengestellt, was über sein 
Leben direkt bekannt ist. 

Aus seinen Werken können wir nicht viel mehr schließen. 
Seine protestantische Gesinnung tritt nicht verletzend hervor. 
Augsburg war eben eine durchaus paritätische Stadt; als Bischofs- 
stadt des hl. Ulrich war sie — nach W. H. Riehls treffendem 
Wort^) — die Hochburg des Katholizismus, als Geburtsstadt der 
Augsburgischen Konfession die Hochburg des Protestantismus. 
Naogeorg, den der Augsburger Rat an die Stadt fesseln wollte 2), 
hätte sich hier ebensowenig lange halten können, wie er es später in 
Kaufbeuern getan hat. Denn war auch der Rat und der größte 
Teil der Stadt entschieden protestantisch, hinter den Katholiken 
standen als Schützer die bayerischen Kurfürsten. Allerdings muß 
in Wilds Dramen eine einzige Stelle erwähnt werden, an der er 
sich scharf gegen Rom ausspricht 2). 

Seine Dramen tragen durchaus didaktischen Charakter, wie 
es sich für eine rechte Schulkomödie ziemt; die Lehren werden 
oft sehr aufdringlich gegeben und stehen oft in äußerst geringem 
Zusammenhang mit der Handlung des Dramas. Daß es Wild auch 
an Standesbewußtsein nicht fehlte, zeigt eine Stelle im ,, Goldenen 
Kalb", wo er die Lehrer neben die Apostel stellt^). Einen Schluß 
auf seine persönlichen Verhältnisse dürfen wir vielleicht doch 
machen: er liebt es, bei jeder Gelegenheit irgend ein Sendschreiben 
oder sonst ein offizielles Aktenstück in sein Drama einzufügen. 
Er folgt ja darin einem Zuge seiner Zeit: S. Birck bringt neben den 
Ratsversammlungen und Gerichtsszenen auch solche Mandats- 
verkündigungen in seine Dramen; Jak. Mennel gab sogar die 
Passion in Form eines Gerichtshandels heraus s). Aber bei der un- 

^) In den „Augsburger Studien", enthalten in ,, Kulturstudien aus 
drei Jahrhunderten", Stuttgart 1859. 

2) Einmal sollte der bekannte Feldherr Schertlin von Burtenbach 
für die Berufung Naogeorgs sich verwenden. 

3) Vgl. S. 124. 
*) Vgl. S. 66. 

*) ,, Das ist der Passion So der hochgelert herr Johann Geyler von 



— 11 — 

geheueren Anhäufung derartiger Schreiben bei Wild, denen er 
sichtlich die größte Mühe zuwendete, darf doch vielleicht geschlos- 
sen werden, daß er in seinen Nebenstunden, deren er nach Aufgabe 
seines Handwerks wohl genug hatte, für einen Notar Schreiber- 
arbeit leistete und so mit der Form gerichtlicher Schreiben sehr 
vertraut war. 

Bei diesen dürftigen Nachrichten über die Persönlichkeit 
Wilds war es eine Hauptaufgabe einer Monographie über diesen 
Schriftsteller, seine Quellen möglichst genau anzugeben, um da- 
durch den geistigen Horizont dieses Mannes und damit eines Durch- 
schnitts-Meistersingers zu bestimmen. Hier waren die Angaben 
Radlkofers fast alle von der Hand zu weisen; er hatte die geistige 
Bildung Wilds weit überschätzt. Nur Drucke, niemals aber Hand- 
schriften waren seine Quellen; lateinisch verstand er nicht. Das 
zeigen die Casusformen der Eigennamen; dann aber auch das stets 
wiederkehrende „actis" für alle Casus von „actus". 

Was nun die Abhängigkeit von H. Sachs betrifft, die schon 
Gottsched betonte, so möge hier nur gesagt sein: selbstverständ- 
lich sind alle Meistersinger von dem Stile des Hans Sachs beein- 
flußt; direkte Entlehnungen konnte ich aber bei Wild nirgends 
finden; überhaupt hält er sich — und das ist eine große Ausnahme 
bei den Dichtern des 16. Jahrhunderts — von Plagiaten voll- 
ständig frei. Daß er seine Dramen fast immer schließt: ,, Spricht 
vnd lehrt Sebastian Wildt", geht natürlich auf das Beispiel von 
Sachs zurück; aber dies scheint dann allgemein Sitte geworden 
zu sein, denn auch Daniel Holzmann schließt seine ,, Hochzeit 
zu Cana" mit den Versen: Man solle auf Gott vertrauen, es gehe 
demjenigen gut, 

,,wer auff in setzt sein Zuuersicht 
Also Daniel Holzmann spricht". 

Die Werke Wilds sind 1566 erschienen in Augsburg bei Mattheus 
Francke; dieser scheint kein bedeutender Buchdrucker gewesen 



Kaisersperg / Doctor vnd Predicant der Stadt Straßburg / seine kinder 
daselbs / hett geprediget. In form ains gerichts handeis / darjn missiuen / 
Kauffbrieff / Vrtailbrieff / vnd anders gestellt sein / gar nützlich zelesen 
den JVlenschen". Landshut 1520. Anonym. Die ganze Passion ist in 
diesem Buche durch Sendschreiben der verschiedenen Richter aneinander 
usw. wiedergegeben. 



— 12 — 

zu sein, denn die Buchdruckergeschichten von L. E. Meyer und 
Zapf kennen ihn nicht i). Dagegen wird er in dem sogenannten 
„Codex Nundinarius" 2) erwähnt. Im Jahre 1568 werden drei 
Drucke aus seiner Werkstatt verzeichnet; 1569 wurde ein Buch 
gedruckt bei „Mattheus Francken Erben"; 1576 erschienen da- 
gegen zwei Bücher, die wieder den Vermerk ,, Mattheus Francke" 
tragen. Anscheinend hat der beim Tode des Vaters unmündige 
Sohn jetzt das Geschäft inne. 

Der Titel von Wilds Dramen lautet^): 

„Schöner Co-/ medien vnd Trage-/dien zwölff: Auß 
heiliger/ Göttlicher schrifft / und auch auß etlichen Historien 
gezogen. / 

Alle sehr lieblich vnd annem-/lich/ etwa trawrig 
vnd frölich z u -/hören vn zulesen/ In den der Welt lauf f / gründt- 
lich fürgebildet vnnd angezeigt/ wirt / Welche auch Christlich/ 
auffer- / bawlich / vnd nutzlich/ sonderlich für die Jugendt / zur 
Übung /zuhalten vn zu lesen sind. Auffs new in Truck verfertiget/ 
Durch/Sebastian Wilden. MDLXVl". 

Auf der dritten Seite folgt das Register: 
„1. Erstlich die Geburt Christi. 

2. Die versteinigung Stephani. 

3. Der Passion vnnd die Aufferstehung Christi. 

4. Der Belial fürt ein recht mit Christo. 

5. Der Junger gefengknuß. Act. 5. 

6. Der Nabott im 3. Buch Regum am 21. 

7. Das Gesetz Mose / vnnd vom guldin Kalb / Exodj 
vom 20. an biß ins 33. Capitel. 

Historien. 

1. Vom krancken Keyser Thito. 

2. Vom Keyser Octauiano. 

3. Die siben weysen Maister. 

^) L. E. Meyer ,,Die Buchdruckerkunst in Augsburg bei ihrem Ent- 
stehen", Augsburg 1840; Zapf ,, Annales Typographiae Augustenae", 
Augsburg 1778. 

2) Herausgegeben von Gustav Schwetschke, Halle 1850. 

^) Augsburger Stadtbibliothek D. L. 342. Die gesperrt gedruckten 
Stellen sind im Originale rot gedruckt. Außerdem noch Exemplare in 
Dresden und in Celle. 



— 13 — 

4. Die schön Magelona / vnd Ritter Peter. 

5. Der Doctor mit dem Esel / vnnd Spiegel der Wellt". 
Das Buch ist „Dem Edlen vnd Ernuesten Herrn Melchiorem 

Lincken / Burger zu Augspurg / zu sondern Ehren vnd wolge- 
fallen / mit fleyß verfertiget". 

Über M. Linck weiß ich nichts anzugeben; nur daß ihm noch 
zwei Augsburger Lehrer ihre Werke widmeten: Abraham Schieß 
seine 1588 vollendete, nur handschriftlich überlieferte Reim- 
chronik und Georg Mair^) sein 1567 erschienenes Buch: „Etliche 
hundert schöner, lustiger vnd gemeiner Teütscher Sprüchwörter". 

Wild betont in seiner Vorrede den Nutzen der Komödien für 
die Jugend: sie könnte sich dabei ,,kurtzweilen"; sie hätte davon 
auch „ein gute Memorij oder gedechtnuß"; dann lerne sie sich 
bewegen und ausdrücken und sich selbst einen Spiegel vor- 
halten und auch sonst ein richtiges Urteil fällen; also die typische 
Auffassung von den Schulkomödien! Unterschrieben ist diese 
Vorrede am ,,1. Tag Januarii Tausend / fünfhundert sechzig vnd 
sechs Jar". ,,E. Ernust vnderthenig gehorsamer Sebastian Wild / 
mitburger daselbst." 



Es möge mir gestattet sein, an dieser Stelle einige Worte 
über die Einteilung des ganzen Buches zu sagen. 

Das Weihnachtsspiel durfte so eingehend behandelt werden, 
weil es das einzige Stück Wilds ist, das noch einigermaßen auf die 
volkstümliche Tradition zurückgeht und noch am deutlichsten 
den Einfluß einer früheren Periode zeigt. Die geistlichen Dramen 
sind belanglose Reimereien. Beim „Titus" und ,,Belial", wie 
später beim ,,Asinus vulgi", mußte, da die Dichtungen unbedeutend 
sind, die Stoff geschichte einen größeren Raum einnehmen, zumal 
in den früheren Arbeiten, soweit überhaupt solche vorlagen, diese 
nicht genügend geordnet und unübersichtlich ist. Den Inhalt 
der Volksbücher glaubte ich nicht als bekannt voraussetzen zu 
dürfen, darum wurde er kurz skizziert — außer der leicht zu- 
gänglichen ,,Magelone" — , wenn dabei auch Wiederholungen 
unvermeidlich waren. Über die anderen Kapitel ist nichts Wei- 
teres zu sagen. Es lag mir ferne, die sprachlichen Eigentümlich- 

1) Vgl. Frank in der ADB XXI, 136 f. 



— 14 — 

keiten Wilds in aller Ausführlichkeit zu behandeln; das hätte den 
Rahmen dieser Abhandlung bedeutend überschritten. Denn für 
die Literaturgeschichte im eigentlichen Sinne sind nur die Verse 
von Wichtigkeit, während die anderen Untersuchungen zur Sprach- 
geschichte gehören. Das Register, das nicht nur Eigennamen, 
sondern auch die verschiedenen Stoffe und Motive berücksichtigt, 
möge das Büchlein zu einem brauchbaren Nachschlagewerk machen ! 



Das Weihnachtsspiel. 



In der Geschichte des geistlichen Schauspiels bedeutet 
Luthers Auftreten einen wichtigen Wendepunkt, ganz ähnlich 
wie in der Religionsgeschichte. Hier hatte er Licht und Klarheit 
gebracht und hatte aufgeräumt mit einer vollständig verwilderten 
Tradition, mit den Legenden usw., er führte seine Anhänger auf 
das Evangelium zurück, unbewußt getreu dem Motto Machiavellis 
für die neue Zeit: ,,Ritornar al seno". 

Im geistlichen Schauspiel vollzieht sich also eine ganz analoge 
Erscheinung. 

Im Laufe der Jahrhunderte hatte es sich immer weiter von 
seinem liturgischen Ursprung entfernt, es gewann dadurch an Leben 
und Innerlichkeit 1); aber je mehr es sich von der Kirche eman- 
zipierte, desto mehr wurde die Handlung mit profanen und derben 
Elementen durchsetzt; für die Entwicklung des Weihnachts- 
spieles zeigt sich dies am deutlichsten im niederhessischen Weih- 
nachtsspiel 2). Hier trat nun der Umschwung ein. Es liegt in der 
Natur der Sache, daß nicht mit einem Schlag alles Traditionelle 
und Apokryphe aus den Spielen verschwand. Aber eifrig schloß 

1) Hauptsächlich durch die Beteiligung der Laien; einer der wich- 
tigsten Beweise für die Teilnahme der Laien findet sich in dem bei Du 
Meril (S. 163) abgedruckten „Autre Mystfere de l'Adoration des Mages": 
,,Postea surgentes invitent populum circumstantem ad adorandum infantem, 
dicentes turbis vicinis: Venite venite, adoremus Dominum, quia ipse est 
salvator noster". 

2) Wilken zählt dieses Spiel zu denen, bei welchen „kirchliche Auf- 
führung anzunehmen geraten erscheint". Diese Hypothese ist wohl ab- 
zulehnen; das derb-possenhafte Element überwiegt doch zu sehr. 



— 16 — 

man sich dem lauteren Evangelium (nach Luthers Übersetzung) 
an; damit fielen auch die zahlreichen, gesuchten Allegorien und 
Configurationen fort. 

In den Schulen wurde jetzt das geisthche Spiel auf Empfeh- 
lung Luthers^) und noch viel mehr Melanchthons sehr ge- 
pflegt. 

In der Zeit vorher gab es mehr Passions- als Weihnachts- 
spiele; das zeigt uns die Tatsache, daß viel weniger Stücke der 
letzteren Art uns erhalten sind. Ein Grund hierfür mag in der 
Ungunst der Jahreszeit zu suchen sein; denn die Spiele mußten — 
mit sehr wenig Ausnahmen — an Weihnachten in der Kirche 
abgehalten werden, standen also immer unter der Kontrolle der 
Geistlichkeit, welche die schlimmsten Exzesse nicht zuließ. So 
wurden beim Volk die Osterspiele, die viel weniger auf die Geist- 
Hchkeit Rücksicht zu nehmen brauchten, beliebter, zumal es 
dabei ja auch mehr zu sehen gab. Außerdem wurden die Weih- 
nachtsszenen vielfach an Fronleichnam, ja sogar im Osterzyklus 
mitgespielt. 

Die Reformation brachte hier einen Umschwung; denn die 
Reformatoren waren gegen eine Darstellung des Leidens und Ster- 
bens Christi; sie sahen lieber die volkstümlich-innigen Szenen 
der Weihnacht, wobei auch Derbes und Lustiges bei den Hirten- 
szenen mit unterlaufen durfte. 

So haben wir nach der Reformation eine große Reihe von 
Weihnachtsspielen: 



1) Die wichtigste Stelle bei De Wette (V, 553f). „Mandatum est 
Omnibus hominibus, ut verbum Dei Patris provehant et propagent, qui- 
buscunque id fieri potest rationibus, non tantum voce, sed scriptis, pictura, 
sculptura, psalmis, cantionibus, instruinentis musicis, sicuti inquit Psal- 
mus: laudate eum in tympano et choro, laudate eum chordis et organo! 
Et Moses ait: Ligabis ea, quasi Signum in manu tua, eruntque et move- 
buntur inter oculos tuos, scribesque ea in limine et ostiis domus tuae. Vult 
cogitari et moveri inter oculos verbum Dei Moses, quod qua ratione possit 
fieri commodius et illustrius quam taiibus rationibus gravibus tamen et 
moderatis, non histrionicis, ut olim erant in papatu? Incurrunt enim 
talia spectacula in oculos vulgi, ac interdum plus movent, quam con- 
ciones publicae. . . Cum igitur bono consilio et studio provehendae veritatis 
evangelicae tales actiones, graves dico et moderatae, instituuntur, minima 
sunt damnandae. (5. IV. 1543.) 



— 17 — 

Birck^) um 1538; Knaust 1541; Leo 1553; Funckelin 
1553; Sachs 1557; Wild 1566. 

H, Zieglers ,,Infanticidium" 1555 (übersetzt von W. Her- 
rn an 1557) gehört nicht in diese Reihe; Verfasser und Übersetzer 
sind Katholiken und stehen auf einem ausgesprochen katholischen 
Standpunkt. 

In all den anderen Spielen vor H. Sachs sehen wir das Be- 
streben, sich von unevangelischen Zutaten frei zu halten; doch 
gelingt das noch nicht ganz. So berichtet noch Knaust von der 
13 tägigen Reise der hl. drei Könige (4, 3); diese erscheinen aber 
in allen Spielen als die „Weisen aus dem Morgenland"; auch wird 
die Begegnung derselben nicht auf den Kalvarienberg verlegt; 
die symbolische Bedeutung ihrer Opfer zeigt sich noch bei Funcke- 
lin — allerdings verschwommen; ein leiser Anklang ist in Knausts 
Drama bei Melchior (V,l ) zu bemerken; dagegen hat Leo die 
ganz nüchterne Erklärung: 

„Denn solches alles wie jr wist 
Bey jn gar mechtig seltzam ist". 

Er hat aber mehrere komische Episodenfiguren beibehalten: 
den Wirt, den Hausknecht, den Bürger von Jerusalem, der nichts 
vom neuen König, desto mehr aber vom guten Wein weiß, und 
den komischen Knecht des Herodes-). 

Polemik ist in diesen Werken nicht zu finden, wenn man den 
Spott über den Reichtum der Geistlichen (natürlich sind die katho- 
lischen gemeint) bei Leo nicht dazu rechnen will. Protestantischen 
Geist verrät auch Funckelin, wenn er Gehorsam gegen die von 
Gott eingesetzte Obrigkeit verlangt ; es ist selbstverständlich, daß der 
moralische Zweck nicht nur in dieser Szene so offen zu Tage tritt. 

Im übrigen sind die Verfasser bemüht, sich genau an das 
Evangelium zu halten. Viel konsequenter ist darin H. Sachs, 
der sich in seiner neunaktigen ,,Comedia" mit peinlicher Sorgfalt 
an den Bibeltext hält. Davon weicht er nur ab, wenn er Maria 
vor der Verkündigung die Bibelstelle Esaias VII lesen läßt, wenn 
er die symboHsche Bedeutung der Geschenke der Weisen aus 
dem Morgenland beibehält, und wenn er den Elessarus Herodes 

^) Das Spiel Bircks scheint verloren zu sein; auch die Auskunfts- 
stelle der deutschen Bibliotheken in Berlin konnte es nicht nachweisen. 
2) Vgl. Mone I, 135. 
XLVni. Brandl, S.Wild. 2 



— 18 — 

zum Kindermord überreden läßt. Ebenso ist die Ausdehnung der 
Klage nach dem Kindermord eine traditionsmäßige Erweiterung; 
ist ja doch dieser Teil, dessen organische Verknüpfung den Dich- 
tern sehr selten gelingt, der letzte Rest des alten Spieles am Fest 
der unschuldigen Kinder (28. Dezember) i). 

H. Sachs hat, ebenso wie Funckelin, keine Teufel in sei- 
nem Spiele veru'^endet; die anderen Dichter wollten sie nicht ent- 
behren. Die Teufel waren bei den Zuschauern sehr beliebt, konn- 
ten besser als jede andere Figur das derb-komische Element 
übernehmen und waren zudem Luther nicht verdammenswert 
erschienen, der im Innersten eben an den Teufel glaubte 2). 

An Sachs schließt sich dann Sebastian Wilds erstes Spiel 
an. Es nimmt eine merkwürdige Mittelstellung ein: größtenteils 
folgt Wild der Erzählung des Evangeliums, dann aber in vielen 
Teilen den apokryphen Evangelien und Legenden; einige Szenen 
verraten — allerdings ziemlich undeutlich — den Einfluß der 
alten volkstümlichen Tradition. 

Eingeleitet wird das ganze Spiel sehr geschickt durch eine 
kleine Szene zwischen Simeon und Hanna, welche von den 
Weissagungen über die Ankunft des Messias sprechen. Das ist 
wohl ein kleiner Rest der großen Prophetenspiele, die noch im 
Bewußtsein des Volkes weiterlebten. Schon mit Rücksicht auf 
das bedeutend kleinere Schauspielerpersonal 3) mußten diese 
feierlichen Einleitungen im Schuldrama fortgelassen werden. 
Wild ist der einzige aller Dichter des 16. Jahrhunderts, der 
wenigstens eine Andeutung dieses alten Bestandteiles des geist- 
lichen Spieles ins neue Drama mit herübernahm. 

Ähnlich steht es mit der dramatischen Ausgestaltung des 
Gebotes des Kaisers Augustus. Allerdings sind uns nur 
wenige Spiele überliefert, die eine solche Szene enthalten. 

So tritt im Egerer Spiel ein Ausrufer in die Mitte des Platzes 
und verkündet das Edikt: jedermann müsse in seine Stadt gehen 

^) Dies ist am besten von Wilken dargestellt. 

2) Vgl. die vielen Tischreden (III, 4—96); daneben Goethe „Ge- 
schichte der Farbenlehre" (Cottasche Jubiläumsausgabe 40, 165f.) und 
Heine „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" 
(Inselausgabe von Walzel VII, 215). 

3) Ein Hauptunterschied zwischen Volks- und Schuldrama; vgl. 
Exp. Schmidt, Teil I, § 3. . 



— 19 — 

und einen Pfennig zahlen; der Kaiser wolle sehen, wieviel Volk 
er habe. 

Von den neueren Dichtern verwertete das Gebot zuerst Fun- 
ckelin: zwei Juden, Saraph und Mored, jammern über die hohe 
Steuerlast, die durch das neue Edikt ihnen auferlegt werde; 
sie geben ihrer Feindschaft gegen den Nicht- Juden Herodes Aus- 
druck, bis der Priester Jozarus sie zum Gehorsam gegen die Obrig- 
keit ermahnt. 

Bei Wild möchte Augustus im fünfzigsten Jahre seiner Regie- 
rungwissen, wieviel Untertanen er habe; sein Kanzler und Marschall 
sind der Ansicht, er müsse von jedem „einen Schatzpfennig" 
verlangen; sonst würden sich viele nur ihm zu Gefallen eintragen 
lassen. Der Kaiser lehnt diesen Vorschlag zuerst ab, weil er fürchtet, 
in den Ruf der Habgier zu kommen; stimmt aber dann doch zu. 

Die verhältnismäßig viel zu große Ausdehnung dieser Szene 
läßt vermuten, daß Wild hier einem nicht mehr bekannten älteren 
Spiel folgte. 

Noch einmal bringt diesen Auftritt des Augustus ein 1612 
in Greifswald gedrucktes Spiel von Johannes Seger ,,Bona 
Nova seu Deliciae Christi Natalitiae Das ist Weynachtfreyd vnd 
gute newe Mehre / von dem Kindtlich grossen vnd Göttlichen 
Geheimnuß des geoffenbahrten Sohnes im Fleisch" usw.^). Hier 
hält Augustus eine ganz modern anmutende Rede: Kriege und 
Kriegsrüstungen haben so viel Geld gekostet, daß dem Volk eine 
Steuer auferlegt werden muß. 

Sonst konnte ich kein Spiel finden, in das dieser Auftritt auf- 
genommen wurde. 

Der wichtigste Teil des alten Weihnachtsspieles sind die 
Hirten Szenen, wenn auchdieMagierszenen sicher der ältere Bestand- 
teil sind. Bei Wild tritt dieser Teil des Spieles aber ganz zurück: 
die drei Hirten sprechen einige korrekte Verse — während in diesen 
Szenen der Dialekt am längsten erhalten blieb — , sind auch sonst 
ganz schablonenhaft und farblos gezeichnet; im ganzen haben sie 
bei der Verkündigung 16 Zeilen zu sprechen. Ein klein wenig besser 
ist die Anbetung des Christkindes. Mit würdigen Worten begrüßen 
sie es und die Mutter und danken Gott, daß sie diese Zeit erlebt 
haben. 

1) Exemplar in der ,, Bibliothek der Stadt Stralsund" (A 507). 

0* 



— 20 — 

Selbstverständlich traten die Reformatoren der Verwilderung 
gerade dieser Szenen entgegen; wenn auch das Hessische Weih- 
nachtsspiel mit seinen parodistischen und burlesken Elementen 
diesen Standpunkt begreiflich erscheinen läßt, so lag doch die 
Gefahr nahe, daß dadurch zugleich viel Gutes und Volkstümliches 
vernichtet wurde. 

Knaust, Leo und Funckelin halten sich von dieser Gefahr 
frei; sie bringen hübsche, volkstümliche Szenen ohne die derben 
und komischen Zutaten. 

Wie Wild hat auch Sachs hier gar keinen Sinn für das Volks- 
tümliche; dieser Mangel zeigt sich ja bei all seinen ernsten Dramen. 
Beide bringen die Hirten nur auf die Bühne, weil das Evangelium 
von ihnen spricht, beide suchen den Vers 17 des 2. Kapitels des 
Lucas-Evangeliums zu dramatisieren: „Sie breiteten das Wort aus". 
Sachs: ,,Was wir haben gehört und gesehen, 

Das wöll wir iedermann verjehen." 
Wild: ,,Drumb lasst vns seinen Namen ehren. 
Vnd die geschieht aussbreyten than." 
Ebenso begehen beide die Geschmacklosigkeit, den Vers 
(Luc. 2, 19) ,, Maria aber behielt alle diese Worte in ihrem Herzen" 
in den Dialog hineinzuflicken. 

Sachs: „Ich hab behalten in mein hertz 
Gar alle dise werck vnd wort. 
Die ich von hirten hab gehört, 
Und hab sie auch bewogen wol".' 
Wild: ,,Die wort so hie sagten die allten 

Will ich in meim Hertzen behalten". 
Damit soll natürlich nicht irgend welche Abhängigkeit Wilds 
von Sachs behauptet werden, sondern es sollen die gleichen ästhe- 
tischen Anschauungen charakterisiert werden — soweit man im 
16. Jahrhundert überhaupt von solchen reden darf. 

Ähnlich schablonenhaft ist das Suchen der Herberge in 
Bethlehem; es tritt nur ein Wirt auf, dessen Haus überfüllt ist, 
und der Joseph und Maria deshalb in den Stall schickt; die Worte 
Josephs: ^^ ^jj. ^^-^^ ^^^^^ j 

In viel Häusern gewest hierum 
Vnd künden nyendert vnterkum" 



— 21 — 

müssen die sonst so beliebten Unterredungen mit den verschie- 
denen Wirten ersetzen; der eine ist hartherzig, der andere mild, 
steht aber unter der Fuchtel seiner bösen Frau; der dritte ist 
geizig, wieder einer hat beim Anblick des seltsamen Paares mo- 
ralische Bedenken; alle diese volkstümlichen Elemente läßt Wild 
bei Seite. 

So finden wir es auch gar nicht verwunderlich, daß die beiden 
Meistersinger nicht mehr die für die Entstehung des ganzen 
Weihnachtsspieles wichtigste Szene beibehalten haben: die Be- 
gegnung der abziehenden Hirten mit den ankommenden Königen. 

Am engsten an die Tradition schließt sich Wild (und auch 
Sachs) in der Klage der Rachel nach dem Kindermord. Es 
handelt sich um den Vers (Matth. 2, 18) „Rahel beweinte ihre 
Kinder, und wollte sich nicht trösten lassen; denn es war aus mit 
ihnen". Damit waren für diesen Auftritt zwei Personen gegeben: 
Rahel und ein Tröster oder eine Trösterin. 

Die „consolatrix" und Rahel finden wir in dem Freisinger 
„Ordo Racheiis", „Duae consolatrices" im „Massacre des 
saints Innocents" aus Orleans; in den späteren Spielen ist nur noch 
Rahel geblieben, in der St. Gallen er Kindheit Jesu klagt die 
,,christenhait", die sich aber sofort als die „vil arme Rachahel" 
vorstellt; das Egerer Spiel bringt statt der einen Rahel vier 
Weiber, Leo drei Mütter; ebenso auch Hans Sachs, bei dem sie 
Mara, Sara und Rebecca heißen. Wild behält die allereinfachste 
Form bei: Rachel und ein Jude, der die Rolle des Trösters über- 
nommen hat. Ob sich Wild bloß eng an die Worte des Evangeliums 
hielt oder sonst ein Vorbild hatte, weiß ich nicht zu sagen. 

Jedenfalls ist diese Klage die beste Szene des ganzen Spiels; 
der Schmerz der Rahel findet manchmal wirklich dichterischen 
Ausdruck: wie sich der Schmerz in Wut verwandelt, daß sie „der 
Frawen Hauptmann" sein will, die sich an Herodes rächen wollen; 
wie sie über die Fremdherrschaft ergrimmt ist, wie sie sich dann 
auf den jüngsten Tag vertröstet und endlich an den kommenden 
Messias denkt — das alles unterscheidet sich vorteilhaft von den 
übrigen Szenen. Besonders als Schluß ist diese dadurch sehr 
wirkungsvoll: Rahel weiß, daß das Weib, von dem die Hirten 
sprachen, mit ihrem Kinde und einem alten Mann geflohen und 
jetzt in Sicherheit ist. 



— 22 — 

In viel größerem Maße als der traditionellen Überlieferung 
folgt Wild der Bibel, wie sich das ja bei einem protestantischen 
Schullehrer, der zudem noch Meistersinger ist, ganz von selbst 
versteht. Die unevangelischen Zutaten konnte er bloß zur Aus- 
schmückung der biblischen Geschichte verwenden; die Heils- 
tatsachen müssen ihren dogmatischen Charakter auf alle Fälle 
bewahren. So geben auch die Szenen, in denen er sich eng an die 
ersten Kapitel von Matthäus und Lucas anschließt, alle bedeutenden 
Momente der Weihnachtsgeschichte wieder: 

Verkündigung. 

Maria und Elisabeth. 

Josephs Fluchtplan und die Aufklärung durch den Engel. 

Verkündigung bei den Hirten. 

Hirtenanbetung. 

Die drei Weisen vor Herodes. 

Anbetung und Rückreise. 

Darstellung im Tempel. 

Aufforderung zur Flucht nach Ägypten. 

Kindermord. 

Rückkehr aus Ägypten. 

Der zwölfjährige Jesus im Tempel. 

Selbstverständlich sind diese Szenen nicht von jeder Zutat 
frei; die Berichte der Evangelisten sind ja zu kurz, um damit 
mehrere Akte füllen zu können. Eine weitere Schwierigkeit bestand 
darin, die epische Form in Dialog umzusetzen; dabei ergreift der 
Dichter mit Freuden jede Gelegenheit, durch Einschaltung von 
teils bekannten, teils neu erfundenen Zügen die Handlung aus- 
zuschmücken i). 

In keinem der Weihnachtsspiele, die nach Boltes Verzeichnis 
vor unserem entstanden sind, wird Maria auf ihrem Gang zu 
Elisabeth von ihrer Mutter begleitet; auch das große ,,Der 
Heiligen Leben" 2) weiß davon nichts zu erzählen (Winterteil 
f. 285 r. Spalte 2 oben). Dagegen sagt Luther in einer Predigt 
(III, 424): ,,Es ist wohl möglich, sie sei nit allein gangen, sondern 
Joseph und etwa ein Kindermägdlein mit ihr; aber Lucas sagt 



^) Die mit den Apokryphen zusammenhängenden Züge werden 
später behandelt. 

2) Gedruckt bei Hanns Schocnsperger in Augsburg 1489. 



— 23 — 

nur von ihr allein". Kannte Wild diese Predigt — sie steht in 
der 1544 erschienenen Hauspostille i) — , so konnte er leicht auf 
die Begleitung durch Anna kommen. Überhaupt ist die Mutter 
Anna von Wild sehr stark hervorgehoben; darin offenbart sich 
ein ziemliches dramatisches Geschick. Vielleicht tat es Wild auch 
in bewußtem Gegensatz zu der Marienverehrung in den früheren 
Spielen; denn Maria wird dadurch ihres göttlichen Charakters 
einigermaßen entkleidet und gewinnt mehr menschliche Ziige, 
wenn sie sich in allem ihrer Mutter anvertraut und unter deren 
Obhut über das Gebirge zu Elisabeth geht. Ebenso gelingt es Wild 
den Aufbruch zur Flucht nach Ägypten wirklich poetisch 
anziehend zu gestalten durch die ganz selbständige Hereinziehung 
der Anna, die voll Schmerz über den Abschied ihr Enkelkind nicht 
von sich lassen will und es darum wenigstens noch ein Stück weit 
mitträgt. Um so verwunderlicher ist es, daß Wild nicht auf den 
naheliegenden Gedanken kam, das Wiedersehen der hl. Familie 
mit der Mutter Anna bei der Rückkehr zu schildern 2). Denn damit 
erst wäre das Bild dieser alten gütigen Frau vollständig gewesen. 

Das diesen Auftritt abschließende ,,Magnificat", das die 
Frauen singen sollen, ist ein Meistergesang in der ,,Eygen zucht 
weiß"3); ein weiteres Meisterlied ist das ,, Gloria" bei der Ver- 
kündigung an die Hirten^). Das Bestreben, diese Stellen singen zu 
lassen, ist ganz erklärlich. Aus eigner poetischer Kraft konnte 
Wild diese Szene nicht wirksam genug gestalten; doch kam ihm 
dies sicher nicht zum Bewußtsein: diese Lieder gehörten wohl zu 
den am längsten erhaltenen Resten des alten Weihnachtsorato- 
riums; Wild empfand jedenfalls, daß er durch solche Einlagen 
einen besonderen Effekt erzielen könne. 

Sehr früh wurde den Verfassern der Weihnachtsspiele klar, 
daß die Stelle Matthäus 1, 18—22 dramatisch gut ausgenützt 
werden konnte. Joseph ist im Begriffe Maria zu verlassen, die ver- 
schiedensten Empfindungen kämpfen in ihm: Liebe zur Braut, 
Verachtung und Sorge; da erscheint ihm ein Engel, der alles auf- 
klärt und ihm die Geburt des Heilands verkündet; Joseph ist froh 



1) Vgl. S. 25. (München ÜB Inc. D 70 2"). 

2) Vgl. S. 48. 

3) Diese selbst fand ich nirgends. 

4) Vgl. S. 25. 



— 24 — 

darum und bleibt nun bei Maria als ihr Schützer. Wild hat das bei 
Knaust und Sachs vorgebildete Schema übernommen. Zuerst 
kommt ein Monolog Josephs, in dem er seine Empfindungen offen- 
bart; dann erscheint der Engel; von Herzen erfreut über diese 
Nachricht dankt Joseph Gott und gelobt sich, bei Maria als ihr 
getreuer Schützer auszuharren. Hier liegt ein Vergleich zwischen 
Sachs und Wild nahe, der aber sehr zu Ungunsten des letzteren 
ausfällt. 

Sachs ist viel treuherziger und liebenswürdiger; er weiß aus 
Joseph einen treulich besorgten Mann zu machen, der nicht an die 
Schuld seiner Braut glauben kann und sie aufs tiefste bedauert. 
Wild dagegen muß den Leser vollständig kalt lassen, wenn sein 
Joseph sofort in der höchsten Freude sich überlegt, daß er darum 
von Gott zum Gemahl der Maria bestimmt worden sei, weil er von 
Juda stamme; denn aus diesem Geschlecht sollte ja der Heiland 
kommen. 

Dieser wenig erfreuliche Eindruck wird allerdings etwas ver- 
wischt durch den herzlichen Ton der nächsten Szene: 

Anna und Maria sitzen zusammen; Maria befürchtet, Joseph 
habe sie in falschem Verdacht und schenke ihr keinen Glauben. 
Unterdessen kommt Joseph frohen Herzens, er erzählt Maria von 
seinen Zweifeln, von der Botschaft des Engels und seiner Freude 
darüber; das ist dramatisch so ungeschickt als möglich, da wir all 
das gerade selbst auf der Bühne gesehen haben. Dann beschließt 
er bald Hochzeit zu machen und will Vorbereitungen dazu treffen. 

Nach der — schon besprochenen — Beratung des Kaisers 
Augustus mit seinen Räten erzählt Joseph von der notwendig 
gewordenen Reise nach Bethlehem. Maria ist trotz der Sorgen 
Josephs bereit mitzugehen; eine hübsche, ganz selbständige Szene; 
besonders gut ist die Regiebemerkung i): 

„Maria geht ein / hat ein Büchlein in der Hand / list heimlich"; 
natürlich liest sie voll Hoffnung und Glück wieder die Prophezeiung 
des Jesaia. 

Die nächste Anlehnung an das Evangelium zeigt sich in den 
Worten der Engel, die den Hirten die Geburt Christi 
verkünden. Wild überträgt nur die Worte des Lucas-Evange- 



') Vielleicht Einfluß der bildenden Kunst? 



— 25 — 

liums (2, 10 — 12) in seine holperigen Verse; bemerkenswert ist 

der Anfang: 

,,Nit förchtet euch vor vns jr frommen / 
Wir seindt von Hymel zu euch kommen. 
Grosse Frewd zuuerkünden euch." 

Ganz leise tönt hier das alte Lutherlied mit: ,,Vom Himmel hoch 
da komm ich her". Das ist im protestantischen Weihnachtsspiel 
ganz gebräuchlich^). 

Dann singen die drei Engel in der ,,Knabenweyss". 

Schon beim Gloria wurde auf einen Grund hingewiesen, der 
einen Gesang an dieser Stelle erklären konnte; außerdem ließe sich 
hier vielleicht an einen Einfluß Luthers denken; in seiner Haus- 
postille (Nürnberg 1544) liest man in einer Predigt für den Christ- 
tag „Von der Engel Lobgesang" 2): 

„Das ist die köstliche Engelpredig, zu der kommen viel tausend 
andere Engel und heben eine schöne Musica an, daß, gleich wie 
die Predig eine Meisterpredig ist, also folget auch ein schön Meister- 
gesang darauf, ein engelisch Gesang, dergleichen man vor nie in 
der Welt gehört, und lautet also: Ehre sei Gott" usw. 

Luther sagt dann später: ,,Denn da allein können wir lernen 
und gewiß sein, daß Gott ein gnädiger, barmherziger, gütiger Gott 
ist; sintemal er seines eingebornen Sohns nicht verschonet, sondern 
ihn umb unsertwillen hat Mensch lassen werden". 

So findet auch die Anspielung auf das Bibelwort ,,Also hat 
Gott die Welt geliebet" (Joh. 3, 16) in der ersten Strophe des 
Wildschen Meistergesangs ihre Erklärung. 

Es ist wohl überflüssig darauf hinzuweisen, daß Luther das 
Wort „Meistergesang" nur als Parallele zu ,, Meisterpredig" brauchte. 



^) Bei Knaust singt der Engel: 

,, Fürchtet euch nicht o lieben kind 

Denn jr fürwar selige Leute sind, 

Von Himel hoch da komm ich her" 
und dann den Choral. Bei Funckelin geht die Verkündigung in die 
Strophe dieses Weihnachtsliedes über: „Es ist ein kindlein heut geborn"; 
nur Sachs hält sich streng an die Worte des Evangeliums. 

2) I, 176 f. Die Lutherschen Weihnachtspredigten gehören über- 
haupt zu den poetisch reizvollsten Schöpfungen der Literatur des 16. Jahr- 
hunderts. 



— 26 — 

Er dachte wohl an einen Choral, wie er solche selbst der jungen 
Kirche schenkte; sicher nicht an die dürre Reimerei der Meister- 
singer. Vielleicht hat Wild die Stelle falsch verstanden oder er 
konnte sich keine edlere Musica denken als seinen Meistergesang, 
Auch hinter diesem Liede finden sich die Worte in gewöhn- 
lichen Reimen: 

„Gott sei lob in dem höchsten thron / 

Der seiner zusag gnüg hat thon. 
Und frid auff Erd sey aller meist / 

Bey allen Menschen in dem Geist. 
Das sie die gab jren Heyland / 

Mit frewden auffnemen allsand". 
Der nächste Auftritt, der sich an das Evangelium anschließt, 
ist der Empfang der drei Weisen aus dem Morgenland. 
Wild hat im Personenverzeichnis die heiligen drei Könige als die 
,,Drey Weysen" aufgefijhrt. Aber im Spiel selbst erscheinen sie 
in den Überschriften immer als Könige. Das sind sie auch in Wirk- 
lichkeit; sie geben sich nur Herodes gegenüber als Abgesandte der 
drei Könige aus; sie kommen vor ihn „nicht gekrönt" und er- 
zählen ihm: 

„Denn wir sind Astronomias. 
All drey der Kunst bericht ein wenig / 

Vns^) haben aussgesandt drey König 

Diese theten vns Befelch geben / 
Den grossen König zu uerehren". 
Vor Christus treten sie dann als Könige auf: es kommen 
„die drey Weysen gekrönt" und stellen sich als Herrscher vor 2). 
Erst wenn Herodes den vermeintlichen Magiern nachsetzen läßt, 
erfährt er, daß es drei Könige aus dem Orient waren ^). 

Im übrigen folgt Wild ganz der Erzählung des Matthäus. 
Die drei Weisen kommen direkt zu Herodes; sie tauschen 
zuerst einige Höflichkeiten mit ihm und fragen dann gleich nach 
dem jungen König. Wild hat nun den Vers „Da das der König 
Herodes hörte, erschrak er" (Matth. 2, 3) sehr geschickt benützt: 
aus Angst und innerer Unruhe sucht sich Herodes gleich als recht- 

^) So ist zu lesen statt „Vnd". 
2) Vgl. S. 28. 
") Vgl. S. 31. 



— 27 — 

mäßigen Herrscher zu legitimieren, wie um sich vor der Revolution 
schon im voraus zu schützen: 

„Solches ist mir vnbewust da / 
Ich weyß kein andern König mehr / 

In Judea / an mich / dann der 
Römisch Keyser / der hat mir eben / 

Das gantz Judea vbergeben. 
Zu ewiger bsitzung allein / 

Und auch nach mir den Erben mein". 
Das ist anscheinend selbständig; wenigstens konnte ich kein 
Vorbild dazu finden. Die anderen Spiele bringen meistens ganz 
konventionell das Erschrecken i). Herodes läßt nun wie in der Bibel 
die Schriftgelehrten rufen 2); sie zitieren Micha VII; Herodes er- 
sucht die Weisen um Auskunft bei der Rückkehr und setzt naiv 

„Ich wills nit vnuergolten hahn. 
Ich will euch als den weysen allten / 

Gar ein ehrliche Würtschafft halten. 
Ich het es yetzund geren than / 

Dieweyl jr aber eylt daruan. 
So wollen wir es yetzund sparen". 

Kaum sind sie fort, spricht Herodes ,, wider sich selbst", wenn 
die Weisen die Bestätigung von der Geburt des neuen Königs 
brächten werde er alles tun, um sich die Herrschaft zu erhalten. 



1) Als Ausnahmen kommen hauptsächlich in Betracht: Benedikt- 
beurer Ludus: Herodes glaubt die Sache nicht recht, denn er sei 
noch mächtig genug, ,,celum, terram, mare" zu regieren. Leo bringt 
diese Angst vortrefflich in Zusammenhang mit der Befürchtung eines 
Aufstandes der Juden gegen ihn als einen NichtJuden; sie würden alle 
zum Judenkönig abfallen. So auch im Brixlegger-Weihnachtsspiel 
(Pailler, S. 366): Herodes weiß, daß die Juden ihn hassen, weil er ,,ein 
Heide, ein Idumeer, ein Ausländer ist". In einem Weihnachtsspiel aus 
Brück (Zillertal), das ich in dem Weiler Buch bei Schwaz in Tirol (vgl. 
Hartmann S. 335 ff .) fand, ist auch dieser Grund angegeben. Das Stück 
ist allerdings von Brixlegg stark beeinflußt und vollständig in ein Ritter- 
stück umgearbeitet worden, in dem Joseph und Maria nur einmal (bei 
der Suche nach einer Herberge) auftreten. Für die moderne Bearbeitung 
ist charakteristisch, daß sich sogar Zitate aus Schillers „Teil" finden. 

2) In dem von Jubinal mitgeteilten „Jeu des Trois Roys" weiß 
merkwürdigerweise Balthasar die Prophezeiung des Balaam. 



— 28 — 

So hält sich die Dramatisierung eng an die Erzählung des 
Evangeliums, während die anderen Spiele hier gewöhnlich breiter 
werden 1): den Schriftgelehrten wird eine eigene Szene eingeräumt, 
während der die Weisen nicht anwesend sind. Im Egerer Spiel 
geht der Marschalk des Herodes zum Doktor der Synagoge, um ihn 
zu fragen; dieser weiß aber nichts, sondern muß erst nachschlagen 
und überbringt dann die Auskunft dem König. Im Brixlegger 
und Br ucker Spiel (die diese Szene gemeinsam haben) wälzen 
die Schriftgelehrten auf der Bühne ihre großen Folianten, bis sie 
die betreffenden Stellen finden. 

Gemeinsam mit den übrigen Spielen des 16. Jahrhunderts 
nimmt Wild aus der Bibel den Zug, daß Herodes von selbst auf 
den Gedanken der Verstellung und — bei Wild etwas später — 
auf den des Kindermords kommt. Früher vertrug sich das nicht 
mit der Würde des Königs; da mußte ihn irgend jemand auf diese 
Idee bringen. 

Ebenso verzichtet Wild auf die Szene, wo die Weisen hinter 
Jerusalem den Stern wieder erscheinen sehen, und führt uns 
direkt zur Anbetung, die er schlicht und einfach darstellt 2). 
Walthauser^) stellt die Könige vor; sie opfern dann ihre Geschenke 
denen jede symbolische Bedeutung genommen ist^), 
,,Das ist ein König auß dem Landt / 
Thorsis/vnd ist Melchor^) genandt. 
Bringet Myrrhen vnd mancherley / 
Seines Landes gewechß darbey. 
Ist dieser auch ein König da / 
Herr Caspar auß dem Land Saba. 

^) Am ungeschicktesten ist hier der Benediktbeurer Ludus; 
hier fragt Herodes erst die Schriftgelehrten, nachdem er sich von den 
Weisen getäuscht sieht. 

2) Diese Einfachheit berührt vor allem sympathisch im Vergleich 
zum Erlauer Spiel: hier bittet der dritte König den ersten um sein Alter, 
um eher zum Kinde hineingehen zu dürfen; er will ihm seine Jugend dafür 
geben; das geschieht dann tatsächlich. Diese Szene wurde vielleicht ganz 
einfach dargestellt durch Vertauschen der Barte. 

3) Daneben erscheint auch Balthauser (ebenso auch im Brixlegger 
Spiel); beide sind eine oberdeutsche, dem Dialekt angenäherte Form. 

*) Vgl. S. 17. 

s) Diese Namensform findet sich auch im Brixlegger Spiel; im 
Rosenheimcr Spiel ist sie abgeschwächt in ,,Melcher". 



— 29 — 

Bringet Weyrauch / sag ich euch frey / 
Seines Lands gewechß vnd Specerey. 
Vnd ich bin Walthauser genandt / 

Darzu ein König auß dem Landt. 
Arabia / vnd bring herein / 

Silber / Gold / Bärlein / Edelgstein. 
Dessen ich vil in mein Land hab. 
Vnd wir drey König seind vorab" i). 
Dabei beten sie nur das Kind an; im Mittelalter war an dieser 
Stelle sehr bald die Marienverehrung eingedrungen. Den ersten 
Beweis bringt die St. Gallener „Kindheit Jesu", wo Maria 
als Fürbitterin angerufen wird. Später drängt sie das Kind mehr 
und mehr zurück. 

Sodann beschenken die Könige noch Maria und Joseph, wo- 
für dieser mit den hübschen Worten dankt: 

„Was Gott meinem Herrn zu ehrn gschicht 
Werden wir auch abschlagen nicht", 
Maria bedankt sich für die Geschenke und fleht Gottes Segen 
auf die Weisen herab. Aber die Ankunft der Fremden hat sie über- 
rascht, sie will wissen, wer sie hierher gewiesen hat; Melchor er- 
zählt es kurz, und sie nehmen Abschied 2). 

Wilds Unvermögen, den poetischen Gehalt dieser Erzählungen 
zum Ausdruck zu bringen, zeigt sich am deutlichsten, wenn man 
diese Szene mit der entzückend feinen, allerdings etwas sentimen- 
talen bei Leo vergleicht, wie man überhaupt den dichterischen 
Gehalt dieses Werkes nicht genug betonen kann. 

Wie wenig Sinn Wild für eine einigermaßen einheitliche Hand- 
lung hat, zeigen gleich die nächsten Zeilen: die Weisen ziehen ab; 
Maria fordert Joseph auf, mit dem Kind zum vorgeschriebenen 
Opfer in den Tempel zu gehen. Damit verlassen sie den Schauplatz; 
,,Der Engel geht ein / die drey Weysen gleich hinnach". Nun ver- 
kündet er ihnen die Botschaft von Gott, auf einem anderen Wege 
heimzureisen; er werde sie begleiten, worauf sie wieder fortgehen 3). 

1) über ihre Heimat vgl. S. 39. 

2) Einzelne Züge können erst in einem späteren Zusammenhang 
besprochen werden. 

3) Dieses vollständig verfehlte Auseinanderreißen ist sonst nirgends 
zu finden. — Als merkwürdig sei hier erwähnt, daß im Erlauer Spiel 
„vir unus" die Botschaft bringt. 



— 30 — 

Nun bringt Wild die Darstellung im Tempel, ästhetisch 
betrachtet sicher an der unrechten Stelle; nach dem Abzug der 
Könige müßte die hl, Familie sofort fliehen i); direkt neben der Er- 
höhung muß die Erniedrigung stehen; so ist es ja immer im neuen 
Testament, um die Gott-Mensch-Natur Christi zu zeigen. Diese 
Szene wird selten dargestellt, sie ist als selbständiges Spiel am 
Lichtmeßtage aufgeführt worden; ein Beispiel dafür ist das von 
Pich 1er veröffentlichte Spiel. Außer Sachs haben diese Szene 
noch folgende von B o 1 1 e verzeichneten Spiele (es kommen natür- 
lich nur die vollständigen in Betracht): die St. Gallener ,, Kind- 
heit Jesu"; das Egerer Fronleichnamsspiel zeigt dieselbe An- 
ordnung, wie sie Wild hat. 

Hier tritt der Taubenverkäufer auf; wenn er auch nur wenige 
ernste Worte spricht, darf man vielleicht doch annehmen, daß er 
im ursprünglich volkstümlichen Spiel eine ähnlich komische Stel- 
lung einnahm wie in der Passion der Salbenverkäufer. 

Wild hält sich eng an die Bibel; besonders die große Rede 
Simeons ist fast wörtlich Luthers Übersetzung — mit charakte- 
ristischen Verschlechterungen 2). Die ganze Szene ist höchst pro- 
saisch, die Rede der Prophetin Anna ganz phrasenhaft. Aller- 
dings ist zu bemerken, daß mit dieser an und für sich sehr un- 
dramatischen Szene auch die übrigen Weihnachtsspieldichter 
nicht viel anzufangen wissen. Besteht sie doch im Egerer Spiel 
nur aus einem kurzen Gebet Marias und einer langen Rede Simeons. 
Sachs sucht die Szene dadurch zu beleben, daß er die beiden 
Priester zum Glauben an Jesus gelangen läßt. Dieses Motiv, sowie 
die apokryphe Überlieferung, daß Simeon blind war und wieder 
sehend wurde, als er das Kind auf den Arm nahm 3), hat Wild 
nicht benützt. 

Sehr wenig schließt sich an das Evangelium die Aufforderung 
zur Flucht nach Ägypten an: Joseph erzählt Maria die Bot- 
schaft des Engels; diese antwortet gefaßt und bescheiden: 



^) Für diese Anordnung bei Wild ist ein Hinweis auf die Stelle bei 
Hrabanus Maurus, die Klapper in seiner Ausgabe der St. Gallener 
„Kindheit Jesu" (S. 61) zitiert, unbedingt abzulehnen. 

^) Darum ist sie bei der Besprechung von Wilds Reimtechnik 
noch näher zu betrachten. Vgl. S. 147, 

^) Anlehnung an die Longinus-Legende. 



— 31 — 

„Was Gott der Herr wil vnd begert / 
Des wollen wir gehorsam sein"; 
aber Anna, die auch dabei ist, bricht in laute Klagen aus; daß 
Wild hier wirklich Gutes geschaffen hat, wurde schon frijher 
betont. 

Die Herodesszenen sind wieder auseinandergerissen. Hero- 
des sieht, daß er von den Weisen betrogen ist; er hält sie für Kund- 
schafter, darum will er sie verfolgen lassen und hofft jetzt durch 
Gewalt zu erfahren, ob sie das Kind gefunden und vielleicht mit 
sich genommen hätten — das letztere ist eine gute selbständige 
Erfindung. 

Jetzt kommt die eben erwähnte Szene zwischen Maria, Anna 
und Joseph. 

Dann erfährt Herodes die Abfahrt der Weisen über das ,,Thor- 
sis-Meer"; er ist wütend, daß sie ihn durchschaut haben, aber die 
Furcht, sie hätten das Kind entführt, kann sein Herold zerstreuen. 
Er habe in allen Herbergen nachgefragt, aber dabei nur erfahren 
,,Das sie drey gwalltig König send / Vnd herkommen aus Orient" i). 

Nun befiehlt Herodes den Kindermord; sollte man aber den 
jungen König selbst finden, so soll das Gemetzel ein Ende haben. 

In den anderen Weihnachtsspielen wird dieser Auftritt ge- 
wöhnlich auch ganz ohne Zutaten dargestellt, nur einige Aus- 
schmückungen finden sich: Herodes verspricht den Kindern ein 
Geschenk, sie sollten es mit ihren Müttern im Schlosse abholen, 
wo er sie dann umbringen läßt. Diese Szene ist besonders im Volks- 
schauspiel sehr beliebt, denn auf die naiven Zuschauer mußte diese 
Szene einen tiefen Eindruck machen, vor allem, wenn die Mütter 
sich im voraus für das Geschenk bedanken. So in dem von Pailler 
veröffentlichten St. s w a 1 d e r und Brixlegger Weihnachtsspiel ^) ; 
ferner auch in dem aus Brück im ZillertaF). 

Hie und da ist die Unterredung des Herodes mit seinen Sol- 
daten weiter ausgeführt; einer ist dann immer dabei, der dem 
König von der Freveltat abrät, und deshalb in Ungnade fällt. 
Manchmal übernimmt diese Ermahnungen das Weib des Herodes: 



1) Vgl. s. 26. 

2) In diesem beginnt Herodes selbst den Kindermord, indem er 
seinen eigenen Sohn ersticht. 

3) Vgl. S. 27. 



— 32 — 

Mariamne (bei Leo) oder — besonders im Volksschauspiel — Hero- 
dias i). Die meisten Weihnachtsspiele schließen hier mit der Flucht 
nach Ägypten und dem Kindermord; manchmal wird uns dazu 
noch der Tod des Herodes vorgeführt; in den beiden dreitägigen 
Spielen von Eger und Künzelsau und in dem aus dem 15. Jahr- 
hundert, das Bartsch im Auszug Germ. III, 267 mitgeteilt hat, 
schließt den ersten Tag die Szene des zwölfjährigen Jesus im Tem- 
pel ab. Einzig das Benediktbeurer Spiel und die St. Gallener 
„Kindheit Jesu" führen uns noch nach Ägypten, ebenso ganz kurz 
das Brixlegger Spiel. 

Wild ist hier von allen am weitesten gegangen, er bringt die 
ganzen Ereignisse in Ägypten — also durchaus apokryphe Be- 
standteile. Doch ehe wir diese betrachten, müssen wir unsere Auf- 
merksamkeit auf die Schlußszenen richten, die wieder der biblischen 
Erzählung folgen. 

Ein Engel bringt in Ägypten Joseph die Aufforderung heimzu- 
ziehen. Nach der Heimkehr fürchtet er sich vor Archelaus (Matth. 
2, 2), aber der Engel ermutigt ihn und weist ihn nach Nazareth. 
Dann folgt als Schluß der zwölfjährige Jesus im Tempel. 
Die Eltern ziehen mit ihm nach Jerusalem; es kommt ein Engel, 
der dem Knaben den Segen Gottes des Vaters verkündigt 2). 

Hier tritt jetzt die Tendenz des Schuldramas klar zu Tage: 
„Jhesus geht mit eim Schulsack allein ein" und sagt, er sei deshalb 
nach Jerusalem und in den Tempel gegangen, 
,,Das ich der Jugent zum Exempel 
Yetzund will in die Schul gehn eben". 

Dann äußert er seine Neugierde, ob ihn die Schriftgelehrten 
später noch kennen werden, nachdem er sein Predigtamt ange- 
treten habe. Nun kommen diese selbst, und Jesus bittet sie um 
Unterricht. An der Prüfung ist nur von Interesse, daß Jesus eine 
Unzahl von Bibelstellen heruntersagt. Das war natürlich auf die 
jungen Darsteller und Zuschauer berechnet, denen der junge Jesus 
ein Vorbild sein sollte im Auswendigkönnen von Bibelstellen. 



^) Diese bekommt dann Züge vom Weib des Pilatus; so gehört dies 
auch zu den beliebten Parallelen. Vgl. Vordernberg (bei Weinhold), 
St. Oswald, Brixlegg, Brück. 

2) Der Engel, zu dem keine Vorlage aufzufinden war, ist vielleicht 
nur erfunden, um den Monolog Christi einigermaßen zu motivieren. 



— 33 — 

Vielleicht dürfen wir auch daran denken, daß durch das viele An- 
hören auf den Proben auch den anderen Kindern diese Stellen un- 
willkürlich eingeprägt werden sollten i); wie ja dieses Auswendig- 
lernen schon ein Hauptfaktor beim lateinischen Schuldrama war 2). 
Und welchen Eindruck mußte es auf die Schüler machen, wenn 
der Oberste der Schule vom Katheder steigt und den Jungen hin- 
aufsteigen läßt^). 

Nun kommen, wie im Evangelium, Joseph und Maria und 
nehmen den Sohn mit sich. Die Schriftgelehrten sprechen noch 
anerkennend von dem großen Wissen des Knaben, um dann — 
ganz unvermittelt — heimzugehen unter den konventionellen 
Schlußworten: 

Der Oberst: „ Er wirt ein gierten Menschen geben. 

Der Dritt: Er vbertrifft mich yetzund schon. 
(Schriftgelehrte) Wir wollen genn auch zu hauss gohn". 

So haben wir in diesen bibelgetreuen Szenen das Gerippe 
der ganzen Handlung 

,,von der Kindheit Christi an gar 
Seins lebens biß in das zwölfft Jahr", 
wie der Prolog sagt; er fährt dann fort: 

„Dessens vns das new Testament 
Fürnemlichen thut zeygen an / 

Auch etlich Historia schon / 
Reden daruon nach leng mit fleyß / 

Gott dem Herren zu lob vnd preyß". 
Mit diesen Historien, mit denen Wild die evangelische Er- 
zählung ausschmückte, beschäftigten sich schon frühere Arbeiten. 
Der Artikel von Leonh. Li er in der ,, Allgemeinen Zeitung" 
1886 Nr. 243*) beschränkt sich darauf, auf Rud. Hofmanns ver- 
dienstvolles und brauchbares Buch über das ,, Leben Jesu" hin- 
zuweisen; weiter ist die Quellenfrage nicht berührt. 

^) Jedenfalls wurden alle Rollen von Schülern dargestellt; nach 
Boltes Mitteilung über Grimalds Einfluß auf Wild war der Darsteller 
des Christus in Grimalds Spiel, Phil. Rehlinger, damals 14 Jahre alt. 
Eine Andeutung, daß auch Erwachsene zugezogen wurden, konnte ich 
bei Wild nicht finden. 

2) Vgl. Schmidt S. 18ff. 

3) Vgl. S. 52. 

*) So ist die Angabe in der ADB (von Holstein) zu berichtigen. 
XLVIII. Brandl, S. Wild. 3 



— 34 — 

Max Radlkofer gibt im ,, Bayerland" 1900 als Quellen an: 

1. die Geschichte der hl. drei Könige von Johann von Hil- 
desheim 1) ; 

2. die „Kindheit Jesu" von Konrad von Fussesbrunnen 2) ; 

3. das „Marienleben" des Bruders Philipp des Karthäusers 2) 
und 

4. den „Orendel"*). 

Diese Angabe ist von vornherein unwahrscheinlich. Die Meister- 
singer gaben sich nicht damit ab, das zusammenzuschweißen, 
was sie in verschiedenen Büchern gelesen hatten. Man denke, 
wie der bedeutendste unter ihnen, H. Sachs, seine Lektüre fast 
Seite für Seite dramatisiert. Noch viel weniger fühlten sie sich 
zur Beschränkung auf solche Quellen verpflichtet, die noch der 
heutigen Literaturgeschichte bekannt sind. Vielmehr waren 
poetisch wertlose Kompilationen meist die besten Stoffmagazine 
für sie. 

Das Nähstliegende wäre, an das in Augsburg gedruckte 
„Der Heyligen Leben" zu denken; allerdings ließen sich hier 
mehrere Züge finden, aber Wild hätte daneben noch andere 
Bücher lesen müssen. Auch süddeutsche Handschriften über 
das Leben der hl. Maria oder die Kindheit Jesu brachten keine 
befriedigenden Ergebnisse^). Dagegen kommt als Quelle ein 
alter Druck in Betracht^): 

„Von der kintheit vnsers herren iesu Christi ge- 
nant vita Christi". 

Der Titel ist unvollständig; den eigentlichen Inhalt zeigt der 
Druckvermerk auf dem letzten (100.) Blatt: „Disz buchlein von 
der kindtheyt vnd dem leyden vnsers herren Jhesu christi Auch 
von dem leben Marie seiner lieben mutter mitsampt der legend 

^) Ich benütze eine Ausgabe „Historia gloriosissimorum trium 
regum". Laut handschriftlichen Vermerks (alt!) Cöln 1514 (ÜB München 
Hist. eccl. 2029). 

2) Bibliothek der Nationalliteratur, Quedlinburg Bd. XX. 

3) Ebenda Bd. XXXIV. 

*) Diese Angabe ist ganz oberflächlich; die Geschichte vom hl. Rock 
findet sich so oft in der Legende, daß man wirklich nicht auf den „Orendel" 
zurückzugreifen braucht. 

5) Durchgearbeitet wurden: Cgm 522 (f. 65 ff.); Cgm 411; Cgm 370. 

6) München StB P. lat. 1725a 2°. 



I 



— 35 — 

von den heiligen drey künigen hat getruckt Johannes Froschauer 
in der Kayserlichen stat Augspurg. Vnd hat das geendet am 
Freitag nach vnsers herren Auffarttag. Des iars do man zalt von 
Cristi gepurt Tausendt Fünffhundert vnnd drey Jare"^). 

So konnte dies Buch auch die Quelle sein für die Passion 
und den Hort von der Zerstörung Jerusalems 2). 

Dieses Werk ist kombiniert aus mehreren alten Überlieferun- 
gen, die verschiedenartigsten Geschichten von Jesus und Maria 
wurden hier zusammengetragen^). Darum genügt es nicht nach- 
zuweisen, daß Wild einzelne Motive herübernahm — das hätte 
er auch aus einem anderen Buche nehmen können — , sondern 
es muß der Beweis erbracht werden, daß sich weitaus die meisten 
apokryphen Züge aus der Lektüre dieses Buches erklären lassen; 
auch müssen wörtliche Anlehnungen bewiesen werden können, 
weil sich Wild immer so nahe als möglich an seine Vorlage 
hielt. 

Die Benützung der apokryphen Quellen ist am stärksten bei 
den hl. drei Königen, dem Aufenthalt in Ägypten und 
bei den Wundern in der Weihnacht, 

Darnach sollen die vielen kleinen unevangelischen Züge 
kurz berührt werden. 

Das Zusammentreffen der hl. drei Könige auf dem 
Kalvarienberg vor Jerusalem ist schon in den apokryphen 
Evangelien berichtet. In unserem Drucke wird erzählt (f. XV r) : 
Melchior und Balthasar trafen sich. „Do nun Melchior vnnd 

Balthasar die künig kamen an die stat da ging der nebel 

auff über sy aber den Stern sahen sy nit. Do kam der drit künig 
Caspar von Saba mit seim volck auch einen besundern weg da 
was der nebel vnd die vinster gar hin, also kamen sie zu ein- 
ander und sahen die stat Jerusalem wol vnnd do sy nun mit 



^) Nachträglich fand ich noch Drucke aus den Jahren: 1476, 1481, 
1491 aus Augsburg (Ant. Sorg), die den gleichen Text haben. Die 1482 
bei Schönsperger in Augsburg gedruckte Ausgabe enthält die Geschichte 
der hl. drei Könige nicht. 

2) Wegen des „Titus" vgl. S. 81 u. 143 f. 

3) Einen Stammbaum davon zu geben, geht über den Rahmen dieser 
Arbeit hinaus; doch vgl. S. 48 Anm. 2. Eine eingehende Arbeit über das 
Marienleben wäre sehr verdienstvoll. 

3* 



— 36 — 

allem irem volck zusame kamen da empfieng ir yegklicher den 
andern mit iren mannen lieblich vnd schon, vnd wie das yeder 
mit seynem volck besunder sprach vnnd zungen het so verstunden 
sy doch einand wol. vnd saget ye einer dem andern warumb sy 
wären außkommen". 

Dieses Zusammentreffen, das ja auch einer der wichtigsten 
Bestandteile des Magieroffiziums ist^), hat auch Wild übernom- 
men. Das Begegnen von drei Personen ist durch die unvermeid- 
lichen Begrüßungen für die Bühne ungeeignet; vielleicht sah 
Wild das auch ein, oder er benutzte nur mechanisch die Andeutung, 
daß sich Balthasar und Melchior früher trafen; diese Begegnung 
verlegt er hinter die Szene und läßt Walthauser ganz geschickt 
im Gespräch berichten: 

„Ich vnd auch Herr Melchor hie vnder 
Disem Berg ohn gfar zusamen 

Giengen herauff in Gottes namen 
Der Stern thet jn auch vor gähn / 
Den wir haben verloren schon". 
Im Laufe des Gesprächs wird nochmal betont, daß sich der 
Stern verborgen hat und jetzt wieder erscheint; Walthauser sagt: 
,,Der finstere Nebel hat mich schier 

Ein wenig auffgezogen / wir. 
Wollen da hinabgehn zu Thal / 

Es gedunckt mich ich seh zumal. 
Ein schön Statt liegen besunder. 
Caspar: So kommet her lasst uns hinunder 

Es mag wol Jerusalem sein" etc. 
Das Verstehen der fremden Sprachen konnte Wild in einem 
Drama natürlich nicht verwerten; das kommt ja den sprechenden 
Personen nicht zum Bewußtsein. Aber er benutzt die Gespräche 
geschickt dazu, jeden von dem Stern und dem ihm gewordenen 
Wunder berichten zu lassen"^). 

Melchor erzählt von seinem Sohn, der im Alter von kaum 
zwei Stunden die Geburt Christi verkündigte; der Heiland werde 
33 Jahre leben, zum Zeichen dafür werde er selbst nur 33 Tage 
alt werden. 



1) Weinhold S. 51, 227 ff. 

2) Diese Wunder sind ganz gleich in „Der Heiligen Leben" und Cgm 522. 



— 37 — 



Kindheit Jesu: 

„Heut hat ein maget ein 
kind geporen. dz hat sy emp- 
fangen von des engeis mund 
vnd von dem heyligen geyst. 
das kind lebet XXX 111 jar. 
Als war das ist als war so 
stirb ich über XXXI II tag." 



Wild: 
„Er sprach: ein Jungk- 

fraw vons Engels mund 
Empfangen hat / vn heut 

geboren 
Ein Son derselbig außer- 
koren 
Wirt leben drey vnd dreys- 

sig Jar/ 
Und das aber solches sey war. 
Spricht er so merckt eben 

auff mich / 
Nur drey vnd dreyssig tag 
leb ich." 
Die Übereinstimmung des unklaren Ausdrucks für die Ver- 
kündigung spricht für Benützung der Quelle. Walthauser erzählt 
von seinem Baum im Garten, der eine schöne Blume trug, in der 
ein „belglin" stand: 
,,Und in der Nacht da der 

Heiland 
Geboren war das belglin brach 
Auss dem flog ein Vogel der 



sprach. 1) 
Ein Mensch hat einen Sohn 

geboren / 
Und dasselbig Kind außer- 
koren. 
Ist ein schoepffer Himels 

vndt Erdt/ 
Ein Mensch vnd warer Gott 

erklerdt. 
Und die Wellt ist jm vnder- 

than/" 



,,Und in der nacht da Ma- 
ria cristum den heiler gebar, 
da thet sich das pälglin auff 
vnd flog darauß ein vogel 
geleich rot als ein rubein mit 
wunschlicher stym vnd sprach. 
Ein Mensch hat ein kind ge- 
poren das ist schöpffer himels 
vn der erden. Er ist warer 
got vnd mensch, vnd die weit 
ist im vnderthon." 



1) Im H. L. nur: „es flog ein fogel auß dem bäum". Er singt nur 
„vns ist ein kindelein geboren von einer jungkfraw". Cgm 522 hat auch 
das „palglein" oder ,,pälgel". Auch die Beschreibung des Vogels; nur hat 
dieser eine ,, menschliche stimm". Das , .wunschliche" war dem Bear- 
beiter oder Abschreiber nicht mehr klar. Auch singt der Vogel fast dasselbe. 



— 38 — 

Nicht ganz so einfach liegt die Sache bei Caspars Wunder. 

Caspar hat einen Strauß, der zwei Eier ausbrütet; aus dem 
einen kommt ein Lamm, aus dem anderen ein Löwe (dafür hat die 
,, Kindheit Jesu" und das „Heiligen Leben" und Cgm 522 „leo"). 
Die Deutung der beiden Tiere ist verschieden; im Cgm 522 bedeutet 
das Lamm die Gottheit Christi und seine Demut; im „Heiligen 
Leben" „gedult das gott vnß vom ewigen Tod erlößt hat"; in 
der ,, Kindheit" wieder „die heilige gotheit vnd sein diemütigs 
leyden in der Menschheit"; bei Wild 
,,das er mit spott 
Wie ein Lamb wirt gfürt zum Todt". 

So hat Wild nur die eine Bedeutung genommen, die ja tat- 
sächlich näher liegt. Vielleicht erinnerte er sich auch an das „Lamm, 
das zur Schlachtbank geführt wird" (Jes. 53, 7). 

Auch über die Bedeutung des Löwen scheint allmählich 
Unklarheit eingetreten zu sein; das ,, Heiligen Leben" berichtet: 
,,vnd als der leo mit seinem geschrey seine junge erkückt vn le- 
bendig machte / allso sein wir lebendig worden durch vnsers 
herren marter vnnd seinem tod". Statt dieser weithergeholten 
Bedeutung symbolisiert im Cgm 522 und in der „Kindheit" der 
Löwe ,,die vrstennd vnnd sein vorchtliches strenges gericht am 
jüngsten tag". Wild bringt beide Bedeutungen stark rhetorisch 
ausgeschmückt: 

„Und der Low bedeüttet vor an / 

Das er mit gwallt werd aufferstahn. 
Wie ein Low von des Todes pein / 

Vberwindet den Feinde sein. 
Wie ein sigreicher Heide starck / 

Stürtzet all seine Feinde arck. 
Also zeyget vns der Low an / 

Wirt er all seinen Feinden than." 
So ist das Jüngste Gericht ziemlich unklar ausgedrückt; viel- 
leicht dachte auch Wild gar nicht daran, sondern an die vielen 
Stellen in der Bibel, wo ein Held mit einem jungen brüllenden 
Löwen verglichen wird^). 



^) Diese Stellen sind (griechisch) verzeichnet in Hatch and Red- 
path ,,A Concordance to thc Septuagint", Oxford 1897 II, 874 f. 



39 



Von den mir zugänglichen Weihnachtsspielen hat keines diese 
Wunder; nur das Egerer Fronleichnamsspiel bringt sie. Die 
Wunder bleiben unverändert, aber zu dem des Caspar fehlt die 
Deutung. Das Kind des Melchior erzählt dem Vater von dem 
Stern, in dem eine Jungfrau sitze, die ein Kindlein geboren habe; 
das ist ein anderes Wunder, welches die „Kindheit" in Zusammen- 
hang mit dem Kaiser Augustus und der ,,lieb fraw sybille" bringt 
(f XIII). 

Wir dürfen wohl auch die Heimat der Magier als von unserer 
Quelle beeinflußt betrachten. Die Königreiche werden verschieden 
angegeben; ich lasse hier die Weihnachtsspiele als sekundäre Quellen 
bei Seite. Johann von Hildesheim (f bi v) berichtet: Melchior 
stammt aus Arabia, Balthasar aus Sodolie, „Jaspar" aus Tharsis; 
diese Angabe behält auch das ,, Heiligen Leben" bei (nur heißt 
es „Cordolia"). Die ,, Kindheit" gibt die Heimat so an: 

„Kindheit": Wildi): 

Melchior Saba Melchior Tharsis 

Balthasar Arabia Caspar Saba 

Caspar Tharsis Balthasar Arabia 

Diese Umkehrung war leicht möglich; es heißt nämlich in 
der ,, Kindheit": ,,der ein hieß Melchior der ander Balthasar, der 
drit hieß Caspar: Nun saß der ein künig in Saba, Der ander in 
Arabia, Der drit in Tharsis". 

So brauchte Wild nur diese Stelle verkehrt zu lesen und den 
dritten König mit der Heimat des ersten in Verbindung zu bringen. 

Daß die Begegnung mit Herodes keine apokryphen Bestand- 
teile enthält, wurde schon erwähnt. Ebenso, daß Wild das 
Wiedererscheinen des Sterns nach der Abreise aus Jeru- 
salem nicht dramatisch verwertet. 

In der Anbetungsszene finden wir auch wenig Unevan- 
geUsches. Aber wir können doch die Benutzung der ,, Kindheit" 
annehmen. Es erscheint merkwürdig, daß Wild nicht die sym- 
bolische Bedeutung der Opfer aus den Legenden übernommen 
hat, obwohl er sonst gerade die über die hl. drei Könige stark be- 
nützt hat. Aber auch die „Kindheit" hat die symbolische Bedeu- 

1) Vgl. s. 28. 



— 40 — 

tung nicht; sie erzäiilt (f XV v): „Sy prachten im gold weirach 
vnd auch mirren. Maria sprach zu in. Deo gratias. das kind neyget 
sich gen in vnd gesegnet sy mit der hand. Sy ereten auch Mariam 
vnnd Joseph mit besundern kleynaten vnd seydin tüchern. Sy 
fragten auch Joseph von Maria vnd irem kind der saget in auch 
die warheyt". Alle diese Züge finden wir bei Wild verwertet. 
Wenn die Könige kommen, fragen sie, ob das Kind der von einer 
Jungfrau geborene Erlöser sei, was Joseph bejaht. Über das 
Geschenk an Maria und Joseph wurde oben schon gesprochen^). 
Wenn die Könige das Kind anbeten, heißt es: ,, Maria solt das Kind 
sitzend auff der schoß gegen jhn neygen". Das ist offenbar beein- 
flußt von der ,, Kindheit", nur konnte das Kind sich nicht rühren, 
denn es wurde zur Darstellung wohl eine Puppe benutzt 2). 

Über die Engelsbotschaft und die Heimkehr der Ma- 
gier ist nichts Besonderes zu erwähnen; hier stimmt die „Kind- 
heit" mit dem Evangelium überein. Daß er die Erzählung von 
der Reise des Herodes nach Rom nicht brauchen konnte, sah 
Wild glücklicherweise ein. 

Dann ist für unser Weihnachtsspiel noch der Legendenkreis 
um die Flucht nach Ägypten wichtig. 

Wie schon erwähnt, bringen nur das Benediktbeurer Spiel, 
die St. Gallener Kindheit Jesu und das Brixl egger Weihnachts- 
spiel Szenen aus Ägypten. Alle stellen das dramatisch Wirksamste 
dar: das Zusammenstürzen der Götzenbilder. Die ,,Carmina 
Burana" wiederholen diese Szene sogar öfters; da im St. Gallener 
Spiel der Schluß verstümmelt ist, ist er vollständig unklar ge- 
worden. Der Verfasser des Brixlegger Spieles hat nur eine ganz 
verschwommene Vorstellung und benützt diese theatralisch und 
geschmacklos^): Mitten im Walde steht ein Dattelbaum und ein 
Götzenbild. Zuerst kommt das Wunder vom Baum, der sich neigt, 
damit Maria die Früchte pflücken kann. Hierauf erfolgt der Über- 
fall durch die Räuber, wobei Dismas die hl. Familie vor seinem 
Spießgesellen schützt. Zum Schlüsse sagt Maria: „Dein Name ist 



1) Vgl. s. 29. 

2) Alle diese Züge hat auch Cgm 522; nur wird hier auch die sym- 
bolische Bedeutung der Opfer erzählt. 

^) Ähnlich ist es, wenn zur Verkündigung die Engel mit einer „Tran- 
porentinschrift" erscheinen. 



— 41 — 

groß, Jesu!" ,,Auf dieses Wort fall das götzbild zusammen, 
woher aus eine Feuerflamme steigt". Damit schließt das Stück. 

Alle diese Darstellungen übertrifft Wild, der ein großes Stück 
der Kindheitserzählungen dramatisiert. Er folgt auch hier genau 
den Erzählungen der „Kindheit". 

Diese berichtet zuerst von der Begegnung mit den „tracken" 
und wie das Kind die Tiere und Vögel um sich versammelt, dann 
von der Erschaffung des Brunnens und von dem Wunder, daß 
sich ein Fruchtbaum neigte, um der hl. Familie Nahrung zu geben. 
Diese Erzählungen konnte Wild unmöglich dramatisieren, umso 
besser aber die Geschichte des Schachers, desselben, dem dann 
Christus am Kreuze zurief: ,, Heute noch wirst du mit mir im 
Paradiese sein!". Unsere Quelle aber erzählt von den zwölf Scha- 
chern : ,,was sy aber gwunnen das teylten sy undereinander vngeleich. 
Also das sy sich darumb zertrugen vn grossen schaden dauon an- 
pfiengen. Sie wurden überein miteinander das yegklicher ein tag 
het was in wurd des teylt er mit nyemant dz triben sy also biß 
an die zeit dz Joseph vn maria mit irem kind auch da für muste" ^). 

Hier setzt Wilds Arbeit ein. Drei Mörder sitzen beisammen; 
der erste macht den Vorschlag, alle Tage mit dem Beutemachen 
abzuwechseln; die andern sinds zufrieden, und nun würfeln sie 
zusammen — vermutlich soll das eine Parallele sein zu dem Wür- 
feln der Kriegsknechte unterm Kreuz um Christi Rock. In der 
,, Kindheit" sehen sie dann Maria und Joseph kommen: ,,ich siech 
dort reich kauffleut herzieche". Bei Wild schickt der erste Räuber 
die anderen weg, er stellt moralische Betrachtungen an, daß er das 
Handwerk aufgeben wolle, wenn er einen guten Raub mache, 
seine Frau dränge ihn schon lange dazu. 

,,In der redt kam in Joseph und Maria so nahet dz sy nun 
wol erkannten das sy arm leüt waren, da sy das sahen do wurden 
ire wort schimpfflichen vn sprachen zu irem gesellen. Ey lieber 
gesell teyl vns etwas von deynem gewjn das wölte wir auch tun. 
wann der tayl an vns kompt das wir etwas gewinnen. Do er die 
schimpfflichen wort vernam da ward er zornig vnd gieng dahin 
vn vnderwand sich Joseph vnd seiner hab vn sprach Ich wil dich 

1) Diese Geschichten finden sich auch bei Bruder Philipp; die Er- 
zählung von den zwei Schachern hat in fast wörtlicher Übereinstimmung 
Cgm 522. 



— 42 — 

vnd das gut heym treiben ich bedarff diß haußrats wol. so ist die 
fraw jung so hat mein fraw ein diern daran, so wil ich meine sun 
ein knecht ziehen an dem kind. Der alte man weyß ich nit warzu 
er nutz ist, wann er schwendet mir das bedt da wil ich meinen 
muetwillen an begeen. vn wil im sein plut vergiessen. wann er hat 
die jungen frawen außgefurt vn verstolen. also stund sein gedanck 
wie er das gut zu nutz prächt". 
Daraus macht nun Wild: 
Der Ander (Mörder): 

,,Ich glaub es sei ein Betelmann 

Hat ye ein Kind vnd auch ein Weyb. 
Der Dritt: 

Das ist ein Raub für deinen leyb 
Du wirst groß gut gewinnen heüt / 

Lieber teyl auch mit vns die beut. 
Du siehst jn für ein Betler an / 

nein lieber bschaw baß den Mann. 
Es ist ein großer Herre reich / 

Er sieht schier einem König gleich. 
Du bist heüt gar wol auffgestanden / 

So dir solch groß glück steht zu banden. 
Glaub du habst vor gwist alle Sachen / 

Das du disen Wechsel thest machen i). 
Lieber beweiß jn grosse ehr / 
Der Erst: 

Schad nit laß sie nur kommen her. 
Er hat ein Kind ist es ein Son / 

So will ich jn auffziehen nun. 
Meim lahmen Son zu einem Knecht / 

Das schön jung Weyb ist mir gerecht. 
Dann mein Weyb ist bey allten tagen 

Will sie sampt dem Betler erschlagen. 
Sie sind doch beyde nicht mehr gut/ 

Auch gedunckt mich in meinem mut. 
Er werd das Weyb gestolen haben / 

Dann wer wolt den allten begaben. 
Mit solchem schönen Weybsbild rein." 
') Der erste schlug die tägliche Ablösung vor. 



— 43 — 

Die Unterschiede sind ziemlich geringfügiger Natur: das 
böse Weib ^) ist an Stelle des guten getreten, damit fallen die mo- 
ralischen Betrachtungen weg. Die „schimpfflichen" Reden sind 
ganz glücklich weiter ausgebildet. Daß der erste Räuber die letzten 
Worte nicht an Joseph richtet, wie in der Quelle, findet seine Er- 
klärung in dem nächsten Auftritt, wo er Joseph, Maria und das 
Kind wohl aufnimmt. So plötzlich wirkt bei ihm der Anblick des 
Kindes; in der ,, Kindheit" kommt das erst nach der groben Anrede, 
er läßt sich erweichen und lädt die hl. Familie in sein Haus ein. 

Die ganze Aufnahme in dem Hause des Schachers, die Freude 
aller an dem Kind, das Bad des Christkindes, und die Heilung des 
lahmen Sohnes des Schachers durch das Badewasser 2) läßt Wild 
ganz gut von der Frau des Schachers erzählen. So kann er diesen 
weitschweifigen Bericht zusammendrängen. Das Weib berichtet 
dann weiter, daß ihr Mann die Fremden aus dem Walde hinaus- 
begleite, wie es in allen Berichten überliefert wird. 

Als Joseph auf der Weiterreise schon verzagen will, tröstet 
ihn der Engel; sie kommen nach Syene, wie es auch in der „Kind- 
heit" berichtet wird 3). Außer dem Ortsnamen stimmen hier die 
Überlieferungen so ziemlich überein. 

Hier will sie niemand behalten*); sie gehen deshalb in eine 
,, lauber hütten vor dem Tempel"; das haben alle Quellen gemein- 
sam, ebenso den Sturz der Götzen und die Klage der Teufel. Der 
für die Abhängigkeit der verschiedenen Quellen untereinander 
wichtige Wortlaut des Jammerns kann wohl auch die Benützung 
der ,, Kindheit" durch Wild bestätigen; es mögen hier die ver- 
schiedenen Fassungen folgen, die wohl durch das Nebeneinander 
instruktiv wirken: 

„Marienleben" V. 3301. Cgm 522. 

er ist komen unser we we uns der laidi- 

herr gen mär es ist der ko- 

der von himel hat ver- men der mich und all 

stozen mein gesellschofft von 



^) Wohl eine Erinnerung an die Fastnachtspiele. 

2) Bei Bruder Philipp werden die im Gefecht verwundeten Schacher 
geheilt. 

3) Cgm 522 hat ,,splene"; Bruder Philipp „Sotine". 
*) Parallele zu Bethlehem. 



44 — 



vns und ander unser 
gnözen 



den himel hat Ver- 
stössen er ist von der 
magt geporn der vnser 
apgot zerbrochen hat. 

Joseph dw alter man 
warumb hast du das 
kind herpracht durch 
das wir verlorn mues- 
sen werden. 

Wild: 
Der erst spricht: 
weh weh weh vns allen 
Unsere Götter seind gefallen. 
weh diser leydigen mähr/ 

Dieser ist ins Land kommen / der 
Vns vnd alles vnser Geschlecht / 

Von Hymel hat Verstössen recht. 
Er ist von der Maget geboren / 
Der vnsre Götter außerkoren. 
Zerbrochen hat / vns zu vnehr. 

Der ander Teüffel: 
Joseph du allter trügner. 
Warumb hast du vns zu schand / 

Den Herren in Egipten land. 
Gefüret / durch den wir auff Erden 
Ewig müssen verloren werden. 
Der dritt: 
Ach was wollen wir yetzund than 
Ich will mich nymmer sehen lahn. 
Weil der Herr auff Erdtrich thut 
wohnen / 
Kompt her lasst vns fliehen von 
dannen. 
Es ist also fast eine wörtliche Übereinstimmung mit der ,, Kind- 
heit Jesu" zu konstatieren; man traut Wild wohl nicht zu viel 
zu, wenn man ihn die vier Zeilen des dritten Teufels selbständig 
erfunden haben läßt. 



we dir, Joseph, alter 
pertinc! 

war zuo vüerst du her 
dz kint? 



„Kindheit": 

wee wee wee vns 
der leydigen mär. es 
ist der kommen der 
vns vn alles vnser 
geschlächt von himel 
hat Verstössen, er ist 
von der maget geborn 
der vnser abgötter zer- 
brochen hat. 

wee Joseph du al- 
ter trügner. warub 
hast du das kind den 
herren herpracht durch 
des gewalt wir verlo- 
ren müssen werde. 



— 45 — 

Die nächste Szene faßt Wild geschickt an; es handelt sich 
um die Entdeckung des Sturzes der Götzenbilder und 
um die Anerkennung des jungen Christus. Der König und die 
Königin von Ägypten hörten nachts das Geschrei der Teufel. Ein 
Priester verkündet den Sturz der Götterbilder; ein Herold bringt 
auf Befehl des Königs Joseph und Maria; sie werden vom König 
sehr ungnädig empfangen, der Joseph fragt: 

„was thust du hie / das du dich nit hast zeyget an?" 
Das ist wohl eine Erinnerung an das Fremdenpolizeiwesen in Augs- 
burg! — Joseph muß von der Flucht erzählen, dann auch von der 
Geburt, von den Weisen, die hier wieder als ,,Drey König" er- 
scheinen; diese waren von Judäa aus durch Ägypten gezogen i) und 
hatten von dem Christkind erzählt. Jetzt bietet der König ihnen 
gastfreundlich Herberge an und erklärt: 

„Du bist Gott / vnd alle Welt. 
Soll dich anbetten in gemein". 

Die Königin nimmt Maria liebreich auf. In der ,, Kindheit" 
läuft der Herzog ,,Gefridius"2) in den Tempel, da er das Geschrei 
gehört hat. „0 wee wer mag der got sein der mit seinem gewalt 
vnser abgot zerbrochen hat." Das benützt offenbar Wild: ,,Wer 
mag dieser mächtig Gott sein / Der vnsere Götter allein. Also 
ernieder hat geschlagen". Er spricht aber von Anfang an gütlich 
mit der hl. Familie und erkennt sofort, als Joseph sagt, daß sie aus 
Juda stammten, daß er Christus vor sich hat. Merkwürdigerweise 
ist ihm die Prophezeiung des Balaam bekannt, ein Zug, den Wild 
vielleicht bewußt ausließ. Auch sind die hl. drei Könige auf der 
Reise von ihrer Heimat nach Jerusalem durch sein Land gezogen; 
da hat er auch den Stern gesehen. Hier bedeutet Wilds Verände- 
rung, für die ich keinen Grund sehe, offenbar eine Verschlechterung. 

Gefridius nimmt dann die Familie huldreich auf. 

Hier zeigt sich wieder das protestantische Element in Wild, 
das in diesen Legenden sonst natürlich nie zum Ausdruck kommen 



^) Vgl. dazu die Meldung des Herolds an Herodes: „sie eylend 
mit allen Schiffen Vber das Thorsis Meer zu hand". 

2) ,, Marienleben": „Afrodius". Cgm 522 ,,Hercog" (ohne Namen); 
er kennt außer Balaam noch Isaias. Die Könige kamen auf dem Hin- 
wege nach Jerusalem zu ihm. 



— 46 — 

kann; er lehnt die Marienverehrung ab, während seine Vorlage 
erzählt : 

„Do die leüt in des Land die red erhörten do vielen sy nider 
auf ire knye für Mariam vnd empfieng sy minnigklich". Diese 
Stelle ist typisch für die Verdrängung des Heilands durch Maria 
in der Legende. Es war ein glücklicher Gedanke, die Königin zu 
Maria als Weib zu Weib sprechen zu lassen. 

Für die nächste Szene verfällt Basti Wild auf eine wunder- 
liche Idee; er las in der „Kindheit": „Maria machet Jesu sein rock 
gestrickt vnd gelismati), als man die hauben vnd die hendschuch 
strickt". Dies ist dann der Rock, der mit Jesu wuchs und den er 
bis zu seinem Tode behielt. Damit aber nicht genug; „er belib 
alweg neu vn gewan nye kein loch!" Wild sucht das nun zu dra- 
matisieren; einige Zitate können die Unmöglichkeit dieser Szene 
darlegen. 

,, Maria geht allein ein / setzt sich nyder / thut ob sy etwas 
stricket / die Königin geht hinnach / vnd spricht: 

„Was arbeyt mein Fraw so streng nun?" 
Maria: 

,,Fraw ich mach ein Rock meinem Son." 

Die Königin nimbt das Röcklein in die band / beschawt es / 
vnnd spricht: 

„Ey woll ein hertzig schöns Röcklein / 
Hat gar kein nadt / wie habt jr jn. 
So subtil gemachet durchaus." 

Dann kommt Jesus, und Maria zieht ihm das Röcklein an, 
das ihm sehr gut steht. In dieser Szene tritt Jesus zum ersten 
Mal redend auf, bis dahin stellte wohl eine Puppe das Christkind 
dar; jetzt übernahm ein junger Schüler diese Rolle. Die Worte, 
die hier der junge Jesus sprechen soll, sind ganz hübsch und kind- 
lich, auch sind sie sehr höflich; ist ja schon in den Kindheitsevange- 
lien der Knabe ein Muster für seine Kameraden: so sollte er es auch 
noch der Augsburger Schuljugend sein. Wild vergißt auch nicht 
die Allwissenheit des Kindes uns zu zeigen 2). Die Königin fragt ihn: 

^) Vom alemannischen „lismen"- stricken (Grimm VI, Sp. 1067). 
2) Luther war gegen eine solche Auffassung der Jugend des Hei- 
lands. 



— 47 — 

„Wie gfelt dir der Rock / wer er dein?" 

Da antwortet er: 

„Ja ich weyß wol er wirt mein sein". 

Von den übrigen Erzählungen aus der Kindheit des Heilands, 
die jetzt die verschiedenen Berichte folgen lassen, bringt Wild 
nichts; ebensowenig die weitere Geschichte des Schachers, der die 
hl. Familie so gut aufgenommen hat; auch den in den anderen 
Weihnachtsspielen so gerne dargestellten Tod des Herodes läßt 
er aus. 

Der Engel des Herrn kommt nach Ägypten und fordert 
Joseph zur Heimkehr auf (Matth. 2, 19, 20). In der ,, Kindheit" 
wie in dem ,, Marienleben" des Bruders Philipp ist der Schmerz 
geschildert, den die Ägypter über den Abschied empfinden; das 
vermochte Wild nicht darzustellen. Er versuchte zwar den König 
als den Vertreter des ganzen Volkes dieser Trauer Ausdruck geben 
zu lassen. Aber wenn es bloß heißt: 

„Der König gehebt sich übel vnd spricht: 

Ach soll ich meine Gast verlassen", 
so ist das doch zu wenig. Man bemerkt hier überall das Bestreben, 
diese undramatischen Szenen möglichst kurz zu fassen. Merk- 
würdig ist, daß der Engel auch dem König erscheint und ihm für 
die gute Aufnahme der hl. Familie Belohnung verheißt; in allen 
anderen Berichten war nichts Entsprechendes zu finden. Am Rande 
der ersten drei Zeilen: 

„Herr König nit erschrick vor mir/ 
Ich bin von Gott gesandt zu dir. 

Dz ich dir sage Gottes gunst / " 
zitiert Wild ,,Osee 11" und „Num 23". Gemeint ist wohl Hosea 
11,1: „Da Israel jung war, hatte ich ihn lieb, und rief ihn meinen 
Sohn aus Ägypten". Diese Stelle wird Matth. 2, 15 zitiert. Auch 
die einzige Stelle im vierten Buch Mosis, die hier in Betracht kom- 
men kann, ist ganz unwesentlich: 13, 20: ,, Siehe, zu segnen bin ich 
hergebracht". Der Engel sagt allerdings später, das Haus des 
Königs solle gesegnet sein. An dieser unnötigen Angabe ist wahr- 
scheinlich nur die Zitatenfreudigkeit des 16. Jahrhunderts, be- 
sonders in theologischen Schriften, schuld; man braucht deshalb 
noch kein Vorbild für diese ungeschickte Zitierung anzunehmen. 



— 48 — 

Die Rückreise nach Palästina, die Wunder auf derselben und 
den zweiten Besuch beim Schacher hat Wild nicht behandelt; 
dazu haben ihn wohl nicht ästhetische Gründe gebracht, sondern 
er drängte zum Schluß. 

In einer ungeschickten Szene behandelt er noch die Engels- 
erscheinung nach Matth. 2, 22. 

Es wurde schon erw'ähnt, daß als Gegenstück zum Abschied 
unbedingt der Empfang durch die Mutter Anna hätte dargestellt 
werden müssen; die „Kindheit" berichtet auch davon; aber Wild 
will fertig werden. 

Es folgt gleich der Aufbruch nach Jerusalem und das 
Auftreten des zwölfjährigen Jesus im Tempel. So fällt das 
,,Gespil von der Geburt Christi" gegen den Schluß sehr stark ab. 

Neben diesen großen zusammenhängenden Teilen, die Wild 
aus der Legendenüberlieferung genommen hat, ist noch ein dritter 
zu erwähnen, wenn er auch nicht zum Spiele selbst gehört; das ist 
der Beschluß des Herolds: 

,,Zum beschluß will ich euch besunder/ 

Auch erzelen etliche Wunder. 
Wie etlich Historien sagen / 

Was sich in der Nacht zu hab tragen. 
In der Christus geboren war / " 

In der ,, Kindheit" sind diese Wunder zu lesen: f XII v. Eine 
Anzahl der kleineren läßt Wild aus. 

Zuerst erzählt er vom Friedenstempel in Rom, der so lange 
stehen soll, bis eine Jungfrau ein Kind gebären würde; in der Nacht 
stürzt er wirklich ein^). 

Wild: dann sei auf diesem Platz ein Brunnen entsprungen, 
der Öl führte; ,,vn floß also ein gantzen Tag in die tieff"^), 

^) Merkwürdigerweise findet sich ein Hinweis darauf in dem bei 
Pailler abgedruckten ,,Salzkammergütler Spiel". Dieses Einschiebsel 
in die Hirtenszene (!) vor der Verkündigung (also viel zu gekünstelt!) 
ist sicher neueren Datums, wie überhaupt dieses Spiel sehr überarbeitet 
wurde. Es heißt hier: „Ja, schau du, dös is gar nicht zum glaubn, hast 
not ghert, wia die Remer den herrligen Tempel des Frieden hant baut? 
Da hant's eani Götter gfragt, wie lang da Tempel stehn wird bleibn; 
da hant's gsagt: Bis a Jungfrau gebärn wird. Aft hant's gsagt: Ja so 
bleibt der Tempel ewi stehn, weil koan Jungfrau not gebären kann". 

-) Dies ist eine wichtige Stelle für das Abhängigkeitsverhältnis der 



— 49 — 

sagt die „Kindheit". Das scheint eine selbständige Verschmel- 
zung zweier Wunder zu sein, die nichts miteinander zu tun haben. 
In allen Berichten steht das Brunnenwunder unmittelbar vor dem 
anderen. 

Die ,,Kindkeit" erzählt dann von einer Erscheinung Marias 
mit dem Kinde in der Sonne vor Kaiser Octavianus. Wild über- 
geht diese, bringt aber dafür die nächsten Wunder ziemlich voll- 
ständig: 

Tod der sodomitischen Sünder. 

In Ägypten redete ein Lamm und lobte Gott. 

Ein dürrer Palmbaum grünt wieder. 

In Bethlehem werden alle Kranken gesund. 

Die Tore von Bethlehem „entschlossen sich" 
(,, Kindheit": ,,sich entschlussen"). 
Dann läßt er aus: 

Die sprechenden Ochsen. 

Und erzählt weiter: 

In Salomons Tempel schien die Sonne um Mitternacht 
hinein (was in der „Kindheit" nach der Krankenhei- 
lung erzählt wird). 
Saugende Kinder begannen zu reden i). Statt dessen 
hat die ,, Kindheit" den Bericht von der Arche Noah, 
auf der drei „holtz" voll Laub und Obst wuchsen. 
Die weissagenden Bäume in Indien verlieren in der 
Weihnacht ihre Sprache. 
Wild berichtet nur eine Auswahl aus den verschiedenen 
Wundern; darum kann man daraus nicht direkt auf eine Quelle 
schließen. Das Marienleben des Bruders Philipp scheidet aus, 
weil in diesem bedeutend weniger Wunder erzählt sind. 

Bedenklich erscheint allerdings auch die Tatsache, daß die 
,, Kindheit" das Wunder von den saugenden Kindern nicht enthält. 



verschiedenen Berichte. Nach Bruder Philipp (2250 ff.) mündet der 
Brunnen in die Tiber. Cgm 522 hat die Form „Tifer" (vielleicht unter 
dem Einfluß des italienischen ,,Tevere"). Dies hat dann der Verfasser 
der ,, Kindheit" mißverstanden; so ist wohl Cgm 522 als Quelle zur 
,, Kindheit" anzusehen; oder wahrscheinlicher benutzen beide eine Quelle, 
die ,, Tiefer" schrieb. 

1) Dieses Motiv hat auch Cjm 522. 

XLVIII. Brandll, S. Wild. 4 



— 50 — 

An zwei Stellen mußte schon früher auf ähnliche Erscheinungen 
hingewiesen werden: 

1. Die hl. drei Könige kamen auf dem Hinweg über Ägypten, 
und dabei sah Gefridius den Stern; so auch im Cgm 522, nur sieht 
dort der Herzog nicht den Stern. 

2. Der Engel verheißt dem Herzog für die gute Aufnahme 
der hl. Familie eine Belohnung von Gott. 

Davon stand in allen mir zugänglichen Quellen nichts zu 
lesen. Über die Unmöglichkeit, aus den verworrenen Angaben 
der Bibelstellen auf die Vorlage zurückzuschließen, wurde schon 
oben gesprochen. 

Es läßt sich sehr wohl denken, daß Wild an diesen beiden 
Stellen seine Quelle selbständig veränderte. Auf dem Rückwege 
wurden die Weisen nicht mehr von dem Stern geführt; wenn nun 
Wild wollte, daß der Herzog den Stern sähe, mußte er unbedingt 
die Weisen auf dem Hinwege durch Ägypten führen. 

Noch eher kann man bei der Engelsbotschaft an eine selb- 
ständige Erfindung denken. 

Nachdem Cgm 522 die Weisen auf dem Hinwege durch Ägypten 
ziehen läßt, und nachdem er das Wunder von den saugenden Kin- 
dern berichtet, ist man versucht ihn als Vorlage für Wild anzu- 
nehmen, doch fehlen in ihm wichtige Stellen z. B. die nichtsymbo- 
lische Auffassung der Geschenke der Weisen, die Botschaft Gottes 
an den Herzog von Ägypten; einiges ist sprachlich anders aus- 
gedrückt; aber gerade die vielen sprachlichen Übereinstimmungen, 
wovon mehrere Beispiele schon zitiert wurden, sprechen ja stark 
für die Benutzung der ,, Kindheit". 

Das Wunder von den saugenden Kindern konnte Wild aus 
mündlicher Tradition kennen; auch darf man doch wohl annehmen, 
daß er sich persönlich für die Weihnachtslegenden interessierte; 
so kann er umso eher dieses Motiv aus einer zufälligen Lektüre 
eines anderen Buches behalten haben, ohne daß dieses als Quelle 
in Betracht käme; ich möchte also nach wie vor die „Kindheit Jesu" 
als Vorlage für unser Drama annehmen i). 

1) Selbstverständlich soll nicht bestritten werden, daß Wild eine 
andere Bearbeitung der „Kindheit" benutzt haben kann, welche noch 
einige Züge aus anderen Quellen herübergenommen hat. Mir war es nicht 
möglich eine solche aufzufinden; sicher scheint mir nur, daß diese Version 



— 51 — 

Es blieben nur noch einige Einzelheiten anzuführen, in denen 
Wild auch mit der „Kindheit" übereinstimmt. 

Vor der Verkündigung liest Maria im Jesaia (Kap. VII) 
die Stelle von der Geburt des Heilands durch eine Jungfrau. So 
erzählt auch die „Kindheit": „Maria die lass in dem psalter wie ein 
maget ein kind solt geperen on alle man"^). Vielleicht waren auch 
für diese Darstellung einige Worte Luthers aus der Hauspostille 
maßgebend 2;) „Und ist wohl möglich, daß eben, da sie mit solcher 
Hausarbeit umbgangen, der Engel zu ihr kommen ^) . . . Oder aber 
sie, die Junkfrau Maria, wie ein frommes Kind wird allein in ein 
Winkel gesteckt und umb die Erlösung Israel gebeten haben; denn 
bei dem Gebet sind die Engel sonderlich gern". 

Ziemlich ungeschickt läßt nun Wild Maria sagen, daß sie 
diesen Text nicht verstehe, damit sie nach der Verkündigung 
wieder darauf zurückkommen und sich desto mehr über die Bot- 
schaft des Engels freuen kann^). 

Maria erzählt im nächsten Auftritt die Begegnung ihrer Mutter 
— eine ganz vereinzelt stehende Auffassung. Es wurde schon er- 
wähnt, daß Maria dadurch des göttlichen Charakters entkleidet 
werden sollte; vielleicht dichtete auch Wild die Quelle ohne viel 
Kopfzerbrechen um. „Do nun Maria die künnigin das kind emp- 
fangen het, da saget syß Anna iren lieben mutter". Anna erzählt 
dann Maria von der Geburt ihrer drei Töchter, die sie alle Maria 
nannte. Diese Legende ist bekannt und Sebastian Wild brauchte 
sie nicht gerade aus der „Kindheit" zu entnehmen. 

Die Begleitung Marias durch Anna auf ihrem Gang zu Eli- 
sabeth wurde schon oben erwähnt^). Auch in der „Kindheit" 
findet sich davon nichts, nur eine Anregung kann Wild bekommen 
haben: Maria wird begleitet von ,,drey maget", die kurz vor der 
Verkündigung bei ihr waren, dann auch zusammen mit Anna die 
Botschaft erfahren und späterhin Joseph die Unschuld Marias 

der „Kindheit" sehr nahestehen muß. 

1) So auch im Egerer Spiel und bei Sachs. 

2) III., 322 Predigt über Luc. 1,26—28 an Maria Verkündigung. 

3) Das Motiv der Arbeit hat der Benediktbeurer Ludus. 

*) Bei Sachs ist diese Szene viel glücklicher: Maria liest auch im 
Jesaias; sie wünscht sich in ihrer Demut nur, die Dienstmagd derjenigen 
zu sein, die den Herrn gebären soll. 

5) Vgl. S. 22. 

4* 



— 52 — 

bezeugen müssen; es wäre denkbar, daß Wild an ihrer Stelle — 
schon aus Bühnenrücksichten! — Anna eingesetzt habe. 

Man darf vielleicht auch eine kleine Übereinstimmung in den 
Worten berücksichtigen: Vor dem „Magnificat" sagt Maria, sie 
wollten Gott danken, 

,,Dieweyl er sich hie vnser Armen / 
So miltigklich tut erbarmen". 
In der ,, Kindheit" sagt Maria zu Elisabeth mit ,,sannften 
Worten": „Got hat sich über mich erbarmet, wan er hat mir grosse 
ding gethan". 

Sonst sind kleinere Einflüsse nicht mehr zu verzeichnen; denn 
die zweite Hälfte des Stücks wendet sich überhaupt ganz der 
Legende zu. 

Ein letzter Beweis für die Benützung der ,, Kindheit" ist in 
der Szene des zwölfjährigen Jesus im Tempel zu sehen: der Oberste 
der Schule ist so überwältigt von dem Wissen des Knaben, daß er 
ihn nötigt, sich auf seinen Stuhl zu setzen, den wir uns wohl als 
Katheder vorzustellen haben. Davon steht in der „Kindheit" 
nichts; aber die Erzählung dieser Geschichte schmückt ein primi- 
tiver Holzschnitt (f XXI II r): auf einem siebenstufigen Unterbau 
steht ein Stuhl, auf diesem sitzt der Knabe mit einem Buche in 
der Hand, während sich unten die Schriftgelehrten niedergelassen 
haben, mit Mienen und Geberden des Erstaunens. Es ist dies 
die einzige Stelle, wo wir eine Abhängigkeit von der bildenden 
Kunst finden 1). 

Nicht in der „Kindheit" zu lesen ist die Moral, die im Beschluß 
enthalten ist: der junge Christus kann uns ein Exempel sein: 
„Wer sich in sein dienst thut einleyben / 
Hat nichts gewisers dan das vertreiben. 
Hat sich mit Herode anbfangen / 

Ist noch fast also biß her gangen. 
Dann das Geschlecht so Christo ver- / 

Volget lebet noch / Gott der Herr. 
Mache ein end des geschlechts vnmildt / 
Das wünschet Sebastian Wildt". 



1) Vielleicht ist auch für die Szene: Annas und Marias Besuch bei 
Elisabeth ein Vorbild in der Maierei zu finden; vgl. S. 22. 



— 53 — 

Eine solche Lehre findet sich sonst in keinem anderen Spiel. 
Es war ja wirklich nicht zu schwer, aus diesem Stoff immer wieder 
eine neue Moral herauszufinden. 

Der äußere Aufbau ist fijr Wilds Unfähigkeit, einen Stoff 
dramatisch zu gestalten, ebenso charakteristisch wie die Erzäh- 
lung der Wunder im Beschluß. Die ungeschickte Akteinteilung 
geht aus der unten folgenden Tabelle klar hervor. Noch schlimmer 
ist allerdings, daß er seinem Stück zwei Schlüsse gibt, von denen 
sich der Regisseur einen aussuchen kann. Wie schon erwähnt, ist 
die Szene der Rachel poetisch am wirksamsten gestaltet, und sie 
hätte auch einen guten Schluß geboten. Aber danach folgt die 
Anmerkung; ,,Hie mag das Spiel beschlossen werden / will mans 
aber weyter füren / biß Christus zwölff Jar allt wirf / so gehn drey 
Mörder ein". Über den Prolog ist nichts zu bemerken; er enthält 
die gewöhnlichen Teile: Begrüßung, Inhaltsangabe, Bitte um Still- 
schweigen, 

„So mögt jr hören vnd verstohn / 

Und ewren nutz tragen daruon". 



Leonhard Li er hält es für die Aufgabe der Forschung, das 
Weihnachtsspiel des Sebastian Wild als Glied der langen Kette 
von Weihnachtsspielen zu betrachten, seinen Zusammenhang mit 
den vorhergehenden Spielen und seinen Einfluß auf die späteren 
aufzudecken. Wild steht aber, wie ich nachzuweisen versuchte, 
ziemlich außerhalb der direkten Entwickelungsreihe; wenn er 
stellenweise mit anderen Spielen übereinstimmt, liegt das am Stoff. 

So ist das Resultat dieser Abhandlung durchaus negativ, 
wenn wir nicht jedes feste Ergebnis als positiv auffassen wollen. 

Um nun mehr als eine bloße Quellenangabe und mehr als 
eine Konstatierung der Nichtabhängigkeit zu geben, versuchte 
ich — zumal in den Anmerkungen — einzelne Züge des 
Weihnachtsspieles übersichtlich zusammenzustellen; dies wird 
wohl als Entschuldigung für die Häufung der Anmerkungen 
gelten können. So hoffe ich, neben der Analyse des Wild sehen 
Dramas auch eine kleine Vorarbeit für den geleistet zu haben, 
der später einmal die Geschichte des Weihnachtsspieles schreiben 



— 54 — 

wird. Diese Aufgabe ist meines Erachtens heute noch nicht lös- 
bar: wir kennen zu wenig Spiele, um die Entwickelung genauer 
verfolgen zu können. Viele Spiele sind sicher verloren, aber manche 
Schätze werden noch auf kleineren Bibliotheken zu finden sein; 
zudem sind die volkstümlichen Spiele nur für wenige Gegenden 
Deutschlands gesammelt. 

Um diese Materialiensammlung brauchbarer zu machen, und 
um die Anlage unseres Dramas aufzuzeigen, — ich mußte ja den 
Gang der Handlung ganz auseinander reißen — will ich noch eine 
Skizze der Wildschen ,,Comedia" folgen lassen mit Verweisung 
auf die betreffenden Stellen in dieser Abhandlung, 

Prolog (S. 53). 

I. Akt. 

1. Simson und Hanna (S. 18), 

2. Verkündigung (S, 51). 

3. Maria und Anna (S. 51), 

4. Besuch bei Elisabeth (S, 22. 51). 

5. Josephs Verdacht und Engelserscheinung (S, 23). 

6. Josephs Versöhnung mit Maria (S. 24). 

II, Akt, 

1. Augustus mit seinen Räten (S, 18). 

2. Aufbruch nach Bethlehem (S, 24), 

3. Suchen der Herberge (S. 20), 

4. Verkündigung an die Hirten (S. 24). 

5. Anbetung der Hirten (S. 19). 

6. Zusammentreffen der Magier, die Wunder und ihre Hei- 

mat (S. 35). 

7. Die Magier vor Herodes; Schriftgelehrte (S. 26). 

8. Anbetung der Magier (S, 28, 39). 

9. Der Engel weist die Magier einen anderen Weg (S, 29), 

III, Akt. 

1. Darstellung im Tempel (S. 30). 

2. Herodes befiehlt die Verfolgung der treulosen Magier (S. 30). 

3. Aufbruch nach Ägypten und Abschied von Anna (S. 23. 30). 

IV. Akt. 

1. Befehl zum Kindermord (S. 31). 

2. Klage der Rachel (S. 21). 

(Frr^e.) (S. 53). 



— 55 — 

3. Die drei Mörder, ihr Zusammentreffen mit der hl. Fa- 

miHe (S. 41). 

4. Erzählung der Frau des ersten Mörders von ihren Gästen 

(S. 43). 

5. Ein Engel weist Joseph und Maria nach Syene (S. 43). 

6. Ankunft im Tempel; Sturz der Götzenbilder (S. 43). 

7. Joseph und Maria vor dem König von Ägypten^) und seine 

Bekehrung (S. 45). 

8. Maria strickt Christi Rock (S. 46). 

9. Der Engel verheißt dem König Belohnung und befiehlt 

Joseph heimzukehren (S. 32. 47). 

V. Akt. 

1. Der Engel weist Joseph nach Nazareth (S. 48). 

2. Aufbruch zur Reise nach Jerusalem (S. 48). 

3. Der zwölfjährige Jesus im Tempel (S. 32. 48. 52). 

Beschluß (S. 48. 52). 



^) Im Personenverzeichnis steht „Drey König aus Egipten" und 
,,Drey Weysen" nebeneinander. Offenbar ist das eine vermeintUche Kor- 
rektur des (katholischen) Setzers, dem der Ausdruck „Drei Weysen" nicht 
geläufig war. Erst nach Beseitigung dieses Fehlers stimmt die angegebene 
,, Summe 43 Personen". Gottsched druckt das Personenverzeichnis mit 
dem Druckfehler ab, läßt aber die Angabe der 43 Personen stehen. 



übrige geistliche Dramen. 



Für die übrigen geistlichen Dramen Wilds genügt eine 
kurze Betrachtung. Sie fußen nicht, wie das Weihnachtsspiel 
wenigstens zum Teil, auf der Tradition, sondern sind dramatisierte 
Geschichten aus dem alten und neuen Testament, wie sie seiner 
Zeit alle Schuldramatiker verfertigten. Auch die Stoffe, die Wild 
auswählt, sind nicht weiter beachtenswert: 

,.Ein schöne Comedj / auß dem Buch Exodj gezogen / von 
dem guldin Kalb / das die Kinder Israel auffrichten weyl Moses 
bey Gott auff dem Berge war" und 

„Ein schöne Comedy / von Nabot dem Israeliten / den der 
König Ahab versteinigen ließ / das er im seinen Weinberg nicht 
geben wolt / etc. Zuhalten mit dreytzehen Personen." stammen 
aus dem alten Testament; aus dem neuen dagegen: 

,,Ein schöne Tragedj auß der Apostelgeschicht gezogen / vom 
sechsten Capitel an biß ins acht / Vnd der innhalt von der ver- 
steynigung Stephani". 

,,Ein schöne Tragedj / auß der heyligen schrifft gezogen / 
Von dem Leyden vnd sterben / auch die aufferstehung vnsers 
Herren Jesu Christi / in reymen vnd Spilweyß gedieht / welches 
mit nutz vnd besserung wolzulesen vnd zuhören ist". 

,,Ein schöne Tragedj oder Spil / gezogen auß der Apostel- 
geschicht". Im Register wird dieses Drama genauer bezeichnet 
als: „Der Junger gefengknuß. Act. 5". 

Das wichtigste dieser Dramen können wir hier kurz behandeln: 
es ist die Passion. Schon 1870 hat Aug. Hart mann nachgewiesen, 
daß sie neben dem Spiel von St. Ulrich und Afra einen Teil des 



— 57 — 

berühmten Oberammergauer Passionsspieles bildet i). Auch die 
Nachwirkungen auf das in allerjüngster Zeit wieder bekannt 
gewordene Er 1er Passionsspiel sind von Hartmann bis ins ein- 
zelne nachgewiesen worden. Es genügt daher, hier auf das vor- 
treffliche Buch „Das Oberammergauer Passionsspiel in seiner 
ältesten Gestalt" hinzuweisen, das schwerlich von der neueren 
Forschung noch ergänzt werden kann 2). 

Es muß hier auch noch eine andere Arbeit dankbar erwähnt 
werden: Johannes Bolte hat darauf aufmerksam gemacht, daß 
das Drama Wilds kein originales ist, wie noch Hartmann ver- 
mutete 3). Er weist auf die Abhängigkeit Wilds von einem latei- 
nischen Drama des englischen Dichters Nicholas Grimald*) hin. 
Der ,, Christus redivivus, comoedia tragica, sacra et nova" erschien 
1543 in Cöln; bald wurde in Augsburg ein Nachdruck veranstaltet^). 
Dieses Drama wurde wahrscheinlich am Ostertage 1556 in Augs- 
burg von den Schülern des Gymnasiums zu St. Anna aufgeführt, 
an dem Sixt Birck die Aufführung lateinischer Schulkomödien 
eingeführt hätte. Bolte weist nach, daß Wild diesem Drama folgte 
bei der Darstellung der Vorgänge nach Christi Tod. Jedenfalls 
wohnte er der Augsburger Aufführung bei; auf die Übereinstim- 
mung einiger Verse möchte ich kein großes Gewicht legen, denn 
Wild verstand ja den Dialog nicht, sondern nur die deutschen 
Argumente, welche auf den leeren Seiten des Exemplars der Mün- 
chener Staatsbibliothek aufgezeichnet sind. Vielmehr hält sich 
Wild nur in der Handlung an sein Vorbild. So ist die Passion nun 
das einzige Stück Wilds, das wir zeitlich genau begrenzen können: 
es muß zwischen 1556 und 1566 entstanden sein. 

Am wichtigsten in der Passion ist Wilds Stellung zu der Dar- 
stellung des Todes Jesu: er wird nicht auf der Bühne vorgeführt. 
Radlkofer nimmt an, daß bühnentechnische Gründe dafür maß- 



^) über das heutige Passionsspiel möchte ich auf die gute Abhand- 
lung von Ph. Strauch verweisen. 

2) Die Einleitung Gg. Queris zu seiner Ausgabe des ältesten 
Oberammergauer Textes (München 1910) ist vollständig wertlos. 

3) Archiv für das Studium der neueren Sprachen CV, 1 ff. 
*) 1519-1562 in Oxford. 

5) Münchener StB P. 0. 1. 628; P. 0. 1. 807,i; P. 0. 1. 703 d,2; alle 4". 
Münchener ÜB Poet. lat. rec. 656. 4". — (Die Ausgabe von 1543: StB 
P. 0. 1. 629 40.) 



— 58 — 

gebend waren; jedenfalls geschah dies aber aus religiösen Rück- 
sichten, wie auch andere Passionsdramen von lutherischen Ver- 
fassern den Tod Christi weglassen. Denn bekanntlich hat sich 
Luther öfter gegen eine Darstellung des Heilandes auf der Bühne 
und gegen die dadurch entstehende Sentimentalität ausgesprochen ^). 
Dadurch wird diesen Passionen der künstlerische Höhepunkt 
genommen. Man wird anerkennen, daß Wild diese Schwierigkeit 
sehr glücklich übenvunden hat: Kaiphas und Annas kommen zu 
Pilatus und beschweren sich über die Inschrift am Kreuze, welche 
Jesus als den König der Juden bezeichnet. Aber Pilatus erwidert: 
,,Was ich hab gschryben an dem end / 
Das hab ich gschryben." 
,,In dem erhebt sich ein Erdtbidem", Annas sagt: 
„Herr Gott was kracht so grawsamlich / 

Wie erschüt sich das Erderich, 
Als wöll der boden vndergahn". 
Kaiphas spricht dann auch von der eingebrochenen Finsternis 2). 
Malchus kommt und erzählt, daß der Vorhang im Tempel zer- 
rissen sei. Hierauf erscheint Joseph mit Nikodemus und bringt 
die Nachricht vom Tode Christi und bittet um seinen Leichnam. 
Der Hauptmann erstattet dann einen großen offiziellen Bericht 
über alle Vorgänge bei der Kreuzigung und schließt diesen mit 
den Worten: 

,,lch sag fürwar das diser Mann. 
Gewest ist warer Gottes Son". 
Die Passion umfaßt die ganze evangelische Geschichte von 
der Ratsversammlung, in der sich Judas zum Verrat bereit 
erklärt, bis zur Bekehrung des zweifelnden Thomas und zur Aus- 
sendung der Jünger. Dabei fällt noch ein protestantischer Zug 
auf: Maria ist nur eine stumme Person und so viel als möglich 
aus der Handlung ausgeschaltet. 

Für Wilds dramatische Ungeschicklichkeit ist es bezeichnend, 
daß er auch den Gang nach Emmaus dramatisiert. Kleophas und 
Lukas begegnen sich: 

^) Wie ästhetisch richtig dieses Urteil war, konnte man an der 
Darstellung des Christus durch Anton Lang in Oberammergau 1910 
erkennen. 

-> Diese konnte Wild ja auf der Bühne nicht darstellen. 



— 59 — 

„Hast du der muß zugehn von Hauss. 
So wollen wir yetzt gehn Emauss / 
Für die lang weyl spatzieren gähn". 

Nach langen Gesprächen kommt Christus ,,in Bilgers weiß" 
und hält große Reden über die Notwendigkeit des Opfertodes. 
Den Bitten der Jünger bei ihnen zu bleiben — ,,Wir wollen auch 
noch weyter hören / Die Schrifft der Propheten erklären" — folgt 
er erst nach langem Zaudern; ,,Sie nemen jn bey den armen / ziehen 
an jm /" und gehen dann in die Herberge. Dann treten alle Jünger 
ein bis auf ,,die zwcn gehn Emauß.", die gleich darnach auf die 
Bühne stürzen und von der Erscheinung des Heilandes berichten. 

Gut sind Wild die volkstümlichen Szenen der vier Kriegs- 
knechte am Grab Christi gelungen, die miteinander um die Reihen- 
folge beim Wachen würfeln, die dann nach Ausreden suchen, 
weil sie die Auferstehung nicht verhindern konnten, und die sich 
endlich von Annas bestechen lassen zu sagen, die Jünger hätten den 
Leichnam Christi gestohlen; eine direkte Abhängigkeit von frü- 
heren Osterspielen war aber nicht nachzuweisen. 

Solche Auftritte fehlen vollständig in der ,,Versteynigung 
Stephani". Diese ist eine langweilige Versifizierung des Be- 
richtes in der Apostelgeschichte. Der Höhepunkt ist die lange Pre- 
digt des Stephanus; Kapitel VII der Apostelgeschichte (Vers 
2 — 53) wird Vers für Vers in Reime gebracht; die zitierten Bibel- 
stellen sind alle am Rand angegeben, nach dem Vorbilde der 
Lutherschen Ausgaben, doch weniger genau. 

Ein dramatisches Moment sucht Wild allerdings einzufügen, 
was ihm auch ganz gut gelang. Er führt den Rat Gamaliel ein, 
von dem die Apostelgeschichte im IV. Kapitel berichtet (V. 34 ff.). 
An dieser Stelle handelt es sich um ein Urteil über die Jünger, 
die nach der Befreiung aus dem Gefängnis durch den Engel wieder 
gepredigt hatten. Da rät Gamaliel zur Duldung: stamme das 
Werk von Menschen, so gehe es von selbst zu gründe; stamme es 
aber von Gott, so könnten sie es nicht dämpfen. Diese Rede über- 
nimmt Wild in die Beratung der Schriftgelehrten, ob Stephanus 
für seine Widerspenstigkeit bestraft werden solle. Er übersieht 
dabei auch die kleineren Züge nicht. In der Apostelgeschichte 
wird berichtet Gamaliel ,,hieß die Apostel ein wenig hinaustun"; 
also bittet er auch bei Wild, den Stephanus für eine kurze Zeit 



— 60 — 

hinauszuführen. Es ist Wild gelungen, durch diese Einschiebung 
die Verhandlung ein klein wenig interessanter zu gestalten. Die 
Steinigung des Stephanus findet auf der Bühne statt; diese Szene 
steht in Wilds Schaffen vereinzelt da; ein Vorbild konnte er in 
der Tragödie „Nabot" des H. Sachs finden. Großen Eindruck mußte 
es auf die Zuhörer machen, wenn Saulus seine Freude über den 
Tod des Stephanus bezeugte und dann abging, sich von Kaiphas 
einen ,,gwallts Brief" für ,,Damasta" zu holen, damit er auch dort 
die Christen ausrotten könne; denn jedem Zuschauer war der Ver- 
lauf dieser Reise bekannt. In diesem Drama versuchte Wild auch 
eine komische Person auftreten zu lassen: sowie Stephanus tot 
ist, beklagt sich ein Knecht, daß er nicht mehr dazu komme, auch 
einen Stein auf den Frevler zu werfen. Über die Rolle des Teufels 
wird späterhin noch zu reden sein^). Sonst ist über diese Tragödie 
nichts zu sagen 2). 

Ebenso wenig Bemerkenswertes bietet die Tragödie von 
„Der Jünger Gefängnis", Hier tritt Gamaliel wieder auf; steht er 
ja doch in der Apostelgeschichte in dieser Erzählung! Es über- 
rascht uns, daß sich Wild die Mühe gab, die große Rede in andere 
Verse umzuarbeiten; so zeigen diese Verse vielleicht am deutlichsten 
die äußerliche Reimerei Wilds 3). Das Wichtigste in dieser Tra- 
gödie ist der Hinweis auf die Bühne, der später ausführlich be- 
handelt werden solH). Merkwürdig ist auch der Anfang: ,, Petrus 
geht ein / vnd spricht dise Predigt". Da er allein auf der Bühne 
ist, kann er sie nur an die Zuschauer richten, die er also auffordert, 
Buße zu tun und sich taufen zu lassen (Apostelgeschichte 11,38). 
In der zweiten Szene hält auch Johannes an die Zuschauer eine 
große Rede: 

„Der frid des Herren sey mit euch / 
Ir lieben Brüder all geleich. 

Nun bleybet bestendig all sand / 
Bey Christo vnserm Heyland. 



^) Vgl. S. 61. 

^) Das Drama ,, Stephanus" des Braunschweiger Pfarrers Melchior 
Neukirch (Neofanius) konnte ich leider nicht bekommen (Goedeke II, 
397, 354). 

3) Vgl. S. 148. 

') Vgl. S. 155. 



— 61 — 

In den jr seyt geleybet ein / 

Durch die heylige Tauffe rein". 
Sonst ist über diese Tragödie nur noch soviel zu bemerken: 
es ist sicher die schwächste Leistung Wilds, ohne jede auch nur 
einigermaßen selbständige Zutat. Zudem ist dieses Drama nicht 
in Akte eingeteilt. Vielleicht darf man aus diesen inneren Gründen 
den Schluß ziehen, daß ,,Der Jünger Gefängnis" Wilds erster 
dramatischer Versuch war. 

In diesen drei Dramen aus dem neuen Testament spielen 
noch eine Rolle die Teufel. In der Passion treten sie zu dritt auf 
— es sind immer Sathan, Belial und Aschareth — , als Judas sich 
zum Verrat bereit erklärt hat. Soweit hat ihn nämlich Satan ge- 
bracht, der deshalb von Aschareth höchlich gelobt wird: 
„Du bist nit zu zalen mit Gellt". 
Belial äußert seine Freude über die bevorstehende Niederlage 
des Erlösers 1;: 

,,Er hat mich auch mit grossem trutz/ 
Von der Magtalena getryben / 

Vnd waren vnser starcker siben / 
Die sie mit gwallt heften besessen". 
Hier scheint sich Wild an die alten Magdalenaspiele zu erin- 
nern, die meistens in die Passionsspiele eingeschoben waren. Nach 
der Auferstehung geht Christus in die Vorhölle; in demselben Augen- 
blick springen die Teufel heraus und beklagen sich über die Gewalt- 
tat Christi. Ehe dieser wieder auf die Bühne zurückkehrt, ver- 
schwinden die Teufel schnell. 

Eine wichtige Rolle hat Satan im ,,Stephanus"2) und im 
,, Gefängnis": er kommt in beiden Stücken nicht wie ein schwarzer 
Mann^), jedem erkennbar, sondern ,,in einem Erbarn Kleyd", 
und weist die Schriftgelehrten auf den Schaden hin, den einmal 

^) Vielleicht führten sie dabei einen Tanz auf. Cgm 3635 enthält 
eine Handschrift des „Adam" von H. Sachs. Bei der Teufelsszene zu 
Beginn des III. Aktes ist bemerkt (am Rand): „Allda mueß dem Deiffel 
der Dantz gemacht werden oder sy haben selbst pfeiffen". 

2) Hier finden wir oft Satan als sprechende Person angegeben; 
das ist ein Irrtum des Setzers; es muß ,, Dathan" heißen, dies ist der Name 
eines Schriftgelehrten. Satan tritt nur in der einen Szene allein auf. 

3) Vgl. S. 000. 



— 62 — 

Stephanus, dann Petrus und Johannes mit ihren Predigten anrich- 
ten. So wird er zum Anstifter des Unglücks, das über die Christen 
hereinbricht. 

Außerdem treten im „Stephanus" die drei Teufel noch einmal 
zusammen auf. Am Anfange beklagen sie sich: Christus sei kaum 
tot, und schon richteten seine Jünger durch die vielen Bekehrungen 
großen Schaden an. Satan übernimmt es, den Stephanus zu be- 
seitigen : „ Ist doch nur ein Almusenknecht !" Er will zu den Schrift- 
gelehrten gehen ,,Nach mittem tag vmb Vesperzeyt". Belial 
lobt ihn darum: 

„0 du bist ein listiger kund / 
Du weist frey wann man kommen soll / 

Wan die Leüt seind truncken vnd doli / 
So greyffst du deine hendel an /" 

Satan erzählt, daß er so auch Johannes den Täufer ums Leben 
gebracht habe. 

Auch die beiden Dramen aus dem alten Testament geben zu 
besonderen Bemerkungen wenig Anlaß. 

Nabot war schon vor Wild zweimal der Held eines Dramas 
gewesen. Joseph Murer (1556)^) legte das Hauptgewicht auf die 
breit ausgeführte Gerichtsverhandlung, Hans Sachs empfand die 
Geschichte — um die treffenden Worte Creizenachs zu gebrauchen 
— als einen Fall von schnöder Rechtsbeugung 2). 

Beide Absichten lagen Wild fern, er will nur den biblischen 
Stoff auf die Bühne bringen. Doch weist gerade diese Arbeit 
eine Menge gut beobachteter Züge bei den verschiedenen Personen 
auf. Den Stoff nahm er aus dem ,,dritt Buch regum klar / Am 
einvndzweintzigsten"; heute gewöhnlich als das 1. Buch der 
Könige zitiert. 

König Ahab möchte ein Lusthaus haben, da ihm seine ,, Hoff- 
statt" zu eng ist; auch sein geräumiger Palast paßt ihm nicht 
ganz: 

,,Dann einer so da lebt in rhu / 

Geht nach Essens geren spatzieren / 

In das Mayenblü vmb refieren / 

1) Baechtold, 354 f. 

2) 1557; Werke X, 402 ff. 



— 63 — 

In mancherley Gewechss besunder / 

In allerley gmähl thier vnd wunder / 

Wurtzgärten vnd schönen Weinreben /" 

Nabot kommt als Gärtner gekleidet in seinen Garten und will 

nachsehen, ob die Hunde des Königs wieder Schaden angerichtet 

haben. 

„Wenn ich erst ein lucken zu zein / 

So brechens durch ein ander ein /" ... 
Auch thut mich sein hofgsind fast frette". 
Alle Beschwerden hätten aber nichts geholfen. Wirklich findet 
er wieder einiges in Unordnung: 

„Sieh da ligt im kott ein Reben / 

Ich hab doch stetigs auffzuheben". 
„Bückt sich thut sam bind er ein reben auff". Da naht der König; 
er spricht seinen Wunsch nach dem Garten nicht direkt aus, son- 
dern sucht durch Umschweife seinem Ziele näher zu kommen: 
„Du bist zu Morgens allewegen / 
Sehr frü in der arbeit herauß / 

Vnd ist doch weyt von deinem Hauß / 
Es ist dir schier der müh zu vil". 
Endlich schlägt er ihm vor, ihm diesen Weinberg zu verkaufen, 
er wolle ,,ein Kölgarten" daraus machen; so berichtet auch die 
Bibel. Im Verlaufe seines Dramas bringt Wild diesen Plan und den 
von ihm erfundenen, viel besseren immer durcheinander. 

Über die Ablehnung seines Vorschlages ist der König sehr 
ärgerlich, aber er beherrscht sich und geht mit den Worten: 
,,Mein Nabot was du nit kanst than / 
Des will ich nit bezwingen dich / 

Nun biß fleissig mein Nabot ich / 
Wünsch dir gelück von Gott dem Herren". 
Nabot sieht jetzt, daß seinem Garten immer absichtlich 
Schaden zugefügt wurde; sonderbarer Weise weiß er auf einmal 
auch, der König wolle 

„seiner schönen Frawen 
Einen schönen Lustgarten bawen". 
Er beschließt aber, nicht zu weichen und lieber den Tod zu 
erleiden als sein Erbe aufzugeben. 



— 64 — 

In der nächsten Szene greift die Königin ein; bekanntlich 
schreibt sie im Namen des Königs einen Brief an den Richter, 
mit dem Befehle Nabot zu töten. Ihre Freveltat ist bei Wild lange 
nicht so nachdrücklich betont wie bei Sachs. 

Der Statthalter bekommt den von der Königin geschriebenen 
Brief auf der Bühne durch einen Boten zugestellt. „Der Statt- 
halter list den Brieff laut / wie hernach steht wiewol diß mal 
vnuonnöten / dann er kompt binden wider / sieht nur drein / gibt 
dem Boten antwort". Dieses feierliche Schreiben, das unterzeichnet 
ist „Datum Samaria / geben den dritten Julius / drey tausent 
sechshundert / vnser regierung im fünfftzehenden Jar. Ahab 
König zu Samaria. E. G. V. G. H.", verliest dann auch der Rats- 
herr, wenn sämtliche Mitglieder des Rates samt den zwei falschen 
Zeugen anwesend sind. Nabot verteidigt vor dem Gericht seine 
Weigerung, dem König den Weinberg abzutreten, und sagt offen, 
daß die Königin ihm nach dem Leben trachte, denn sie vor allem 
wolle den Weinberg, 

„Ir boßheit darinn ausszurichten / 

Der sie tag vnd nacht nach thut dichten. 
Die vi! Propheten tödten thut". 

Die Ratsherren sehen die Ungerechtigkeit auch vollkommen 
ein; darum wollen sie Nabot überreden in den Vorschlag des Königs 
einzuwilligen, aber er bleibt auf seiner Weigerung bestehen. Er 
wird also zum Tode verurteilt und abgeführt. 

Zu Beginn des zweiten Aktes melden die zwei falschen Zeugen 
der Königin, daß Nabot hingerichtet sei; dafür bekommt jeder 
7 Kronen und hocherfreut teilt die Königin es ihrem Gemahl mit. 
Da tritt Elya mit einem Engel auf, der ihm den Auftrag Gottes 
überbringt, Ahab das Strafgericht zu verkünden. Sachs gestaltet 
diese Szene dadurch glücklicher, daß er keinen Engel auf die 
Bühne bringt, sondern die Stimme des Herrn direkt mit dem Pro- 
pheten sprechen läßt. Ahab und seine Gemahlin bezeugen unter- 
dessen ihre Zufriedenheit über ihren neuen Besitz: der König will 
wieder einen ,,Kölgarten" daraus machen lassen, die Königin hat 
aber einen neuen Plan, sie will ein ,,Balhauss", 

,,Das ich mit meinen Hof Jungkfrawen 
Nach Essen mög der kurtz weyl spilen/"... 



— 65 — 

Da mag vns nyemandt schawen zu / 

Vorhin hetten wir gar kein rhu 
Vor dem Israeliten doch". 
Der König unterbricht sie: „Da führt der Teuffei auch herzu / 
Elya den Propheten schon". Er naht und verkündet dem König 
und seinem Hause den Untergang, wieder genau nach der BibeP). 
Der König bricht in laute Klagen aus und macht seiner Frau die 
heftigsten Vorwürfe, bis diese stillschweigend abgeht; dann bittet 
er zu Gott um Gnade. Wieder bekommt Elya durch den Engel den 
Auftrag, Ahab zu sagen, seiner Reue wegen werde das Unglück 
erst unter seinen Nachkommen hereinbrechen. Als der König 
jetzt auch noch um Schonung für diese bittet, entgegnet Elya: 
,, Darnach sie herrschen vnd regieren / 
So wirt Gott auch handeln mit jn / '* 
Der Beschluß warnt vor dem Geiz, der nach dem Ausspruche 
des Apostels Paulus die Quelle alles Übels sei; darum solle sich 
jeder bemühen, nicht geizig zu sein. Dann schließt Wild mit den 
schönen Versen: 

„Gott erhör vnser bitt vnd flehen / 
Vnd geb starcken glauben darzu / 

Durch den wir in die Ewig rhu / 
Kommn / wo er mit frucht aufquilt / 
Mit frucht / lehrt Sebastian Wildt". 
Unwillkürlich denkt man bei diesen Dramen an ein anderes 
Prophetendrama des 16. Jahrhunderts: an den ,,Jeremias" von 
Thomas Naogeorg. Dieses Drama gehört nicht zu den größten 
Werken dieses genialen Dichters, aber Erich Schmidt und Johannes 
Bolte unterschätzen es sicherlich 2). 

Wie grandios sind die stürmisch bewegten Szenen, in denen der 
Prophet den spielenden und trinkenden Heiden mit machtvollen 
Worten das Gericht verkündet! Man fühlt: hinter diesem Drama 
steht eine imponierende Persönlichkeit. Ein Vergleichen und Ab- 

^) Aus dieser Stelle kann man schließen, welche Ausgabe von Luthers 
Übersetzung Wild benützte. In XXI, 21 (jetzt wiedergegeben mit „was 
männlich ist") hieß es in den alten Ausgaben: „den der an die Wand 
pisset" in den Ausgaben Basel 1523 und Wittenberg 1524; ,,Den der 
...pruntzet" Augsburg 1524. Sachs schreibt ,, bisset", Wild „bruntzet". 

2) Lateinische Literaturdenkmäler III, S. VII. Berlin 1891. 

XLVIII. Brandl, S.Wild. 5 



— 66 — 

wägen der Dramen, das sehr zu Ungunsten von Sachs und Wild 
ausfallen würde, wäre ungerecht; dazu stammen die Verfasser aus 
viel zu verschiedenen Bildungskreisen. 

Weniger lebendig als Wilds ,,Nabot" ist sein Drama vom 
„Guldin Kalb". Die Unterredungen mit Gott sind dramatisch 
sehr wenig wirkungsvoll; ebensowenig die Verkündigung der 
10 Gebote, wenn dazu auch ,,ein rauch vnd donnerschlag gemacht" 
wird. Daß solche Szenen eine große theatralische Wirkung 
taten, wird wohl niemand bezweifeln. Die Handlung selbst ist 
äußerst einfach und folgt genau der Bibel: ,,Exodj vom 20. an biß 
ins 33. Capitel" gibt Wild selbst an. Während Moses bei Gott ist, 
machen sich die Juden das goldene Kalb. Moses kehrt zurück und 
zerstört es. Merkwürdigerweise hat Wild die Tafeln des Gesetzes 
bei Seite gelassen und damit auf die wirksame Szene verzichtet, 
in der Moses die Tafeln im Zorn zu Boden schleudert. Das jüdi- 
sche Volk ist vertreten durch Datan, Cora und Abyram. Einmal 
versucht Wild sogar eine psychologische Entwicklung zu zeigen: 
in der Figur des ,,Aaran" (wie er immer sagt). Solange Moses 
auf dem Berge weilt, ist er der treue Aufseher der Juden. Wie sie 
ihn um einen neuen Gott bitten, versucht er ihnen diesen Plan 
auszureden und macht sie darauf aufmerksam, der neue Gott 
werde keinesfalls so viele Wunder tun wie der alte. Als sie ihn 
aber gar zu heftig bedrängen, gibt er ihnen nach. Sobald er allein 
ist, entschuldigt er sich deswegen vor den Zuschauern: 
,,lch kann mich jr doch nit erwehren/ 
Sie wurden mich sonst gantz vmbringen". 

Wie dann aber die Juden den großen Jubel erheben und den 
Tanz beginnen, geht er voll Verachtung ab: „Ich mag jn nicht 
mehr schawen an". 

Auch bei diesem Drama sind das Wichtigste die Angaben über 
die Bühne und die Aufführung, die später behandelt werden sollen i). 

Das Stück schließt damit, daß alle Buße tun und der Engel 
zu ihnen kommt, der sie auf Gottes Befehl weiter führen wird. 

Der Beschluß bringt die Nutzanwendung: auch heute müsse 
man die Menschen ständig durch die Predigt ermahnen; dazu habe 
Christus Apostel und Lehrer-) eingesetzt; man müsse sich vor dem 

1) Vgl. S. 153 f. 

2) Vgl. S. 10. 



— 67 — 

Teufel hüten und immer den rechten Weg gehen, bis wir in unser 
verheißenes Vaterland kommen: 

„Durch Christum seinen Heben Sun / 

Den gaistüchen Mose der nun / 
Gottes grimmigen zoren stillt / 
Spricht und lehrt Sebastian Wildt". 
So unterscheiden sich die biblischen Dramen Wilds gar nicht 
von den unzähligen Bearbeitungen des alten und neuen Testaments, 
die in jener Zeit entstanden und hauptsächlich von protestanti- 
schen Lehrern verfaßt wurden. Ihre geringe Bedeutung, auch für 
das Schaffen Wilds selbst, rechtfertigt wohl diese summarische 
Behandlung. 



5* 



Halbgeistliche Dramen. 



Viel eigenartiger und interessanter als die geistlichen sind zwei 
Dramen Wilds, welche wir vielleicht am besten ,, halbgeistlich" 
nennen können. Er ist hier von der katholischen Legende noch 
weit mehr abhängig als in einzelnen Teilen des Weihnachtsspieles; 
dort waren die apokryphen Züge nur zur Ausschmückung ver- 
wendet, hier bilden sie den Stoff der Spiele. Ja, er geht sogar so 
weit, den ,,Beliar' eine ,,heylige geschrifft" zu nennen. Wollte er 
etwa damit andeuten, daß die wichtigsten Bestandteile — die 
großen Reden — durchwegs aus Zitaten aus der Bibel bestehen? 

Diese beiden halbgeistlichen Dramen sind: 

„Ein schöne Tragedj / Gezogen auß der heyligen geschrifft / 
wie Belial ein recht / mit Christo anfecht / darumb das er jhm / 
sein Hellisch reich zerstört hat / begert das ers jm wider gantz 
mach / vnd allen schaden abthue." und 

,,Ein schöne Tragedj / Von dem Keiser Tydo / der lange zeyt 
ist kranck gelegen / vn letzlich nach dem Artzet Christi schicket 
gehn Jerusalem". 

Der ,, Belial" gehört zu den im ausgehenden Mittelalter sehr 
beliebten Teufelsprozessen. Ihre Entstehung verdanken sie wohl 
— wie Rod. Stintzing bemerkt — der Tatsache, daß seit Papst 
Alexander 111. (1159 — 1182) der Kanonisation unter anderen For- 
malitäten ein förmlicher Prozeß vorhergehen muß, in welchem 
der Teufel durch einen bestellten Anwalt (Advocatus Diaboli) als 
Partei auftritt. Dazu kam, daß schon zu den Zeiten der Scholastik 
das Dogma von der Erlösung der Menschheit durch Christi Tod 
juristisch aufgefaßt wurde. Die Ausgestaltung dieses Prozesses 



— 69 — 

im Buch vom Belial hatte aber einen rein didaktischen Zweck. 
Wenn es später auf den Index gesetzt wurde, geschah dies wahr- 
scheinlich, weil man in dieser Form eine Herabwürdigung des 
Dogmas erblickte i). 

Die bedeutendsten Bearbeitungen dieses Prozesses sind: 

Im 14. Jahrhundert: Bartolus a Saxoferrato ,,Tractatus 
quaestionis ventilatae coram Domino nostro Jesu Christo"; be- 
sonders gedruckt als: ,, Processus Joco-serius", Hanau 1611. 

Am Ende des 14. Jahrhunderts: Jacobus Palladinus de 
Teramo^) ,, Processus Luciferi contra Jesum Christum". 

Wenn auch das Werk des 1417 verstorbenen Erzbischof es von 
Tarent das bekanntere und verbreitetere ist, so fehlt es doch auch 
dem Werke Bartolos nicht an deutschen Übersetzungen. Eine von 
Georg Alt besorgte erschien in Nürnberg 1493; dann nahm Ulrich 
Tengler diesen Prozeß auf in seinen ,,Layen Spiegel. Von recht- 
mässigen Ordnungen in Bürgerlichen vnd peinlichen regimenten". 
Dieser erschien mit je einem Vonvort von Sebastian Brant und 
Jakob Locher 1509 in Augsburg bei Hans Otmar^). 

Die Tendenz dieses Prozesses ist ganz katholisch: er spielt 
sich vor Christus als Richter ab, der doch angeklagt ist; für das 
Menschengeschlecht tritt Maria ein. Nach der Bearbeitung Teng- 
lers verfertigte Petrus Meckel ,,Ein schön Gespreche / darinnen 
der Sathan Anklager des gantzen Menschlichen geschlechts / Gott 
der Vatter Richter / Christus der Mitler vnd Vorsprech ist. Vol- 
gends wie der Sathan den Sünder zu Verzweiflung begert zu brin- 
gen". 1571*). Er ändert aber den eben erwähnten Fehler: an 
Stelle Mariens ist Christus getreten, und das Richteramt hat Gott 
selbst übernommen. 

Während vom Werke des Bartolo a Saxoferrato uns nur zwei 
deutsche Übersetzungen bekannt sind, gehört der Belial zu den 
am meisten gelesenen und darum auch zu den am meisten ver- 
legten Büchern des 15. Jahrhunderts. 

1) Vgl. Heinch. Reusch, Der Index der verbotenen Bücher, Bonn 
1883 I, 292. 

2) Vgl. Wetzer und Weites Kirchenlexikon VF, Spalte 1175/6, Frei- 
burg i. B. 1889. 

3) Nicht 1511, wie Radlkofer und Tittmann angegeben. 

*) Deutsche Dichter des 16. Jahrhunderts, herausgegeben von Goedeke 
und Tittmann. 2. Schauspiele aus dem 16. Jahrhundert I, 255 ff. 



— 70 — 

Stintzing zählt 22 Ausgaben auf, von welchen 14 in Augsburg 
gedruckt sind, die alle folgenden oder einen ähnlichen Titel tragen: 

„In disem buch ist beschriben das aller nützlichest recht / be- 
schriben von dem hochgelerten vnd fürpüntlichen doctor Jacob 
von Theram. Vnd ist genant von ettlichen / das buch der tröstung 
aller sünder. Von etlichen wirf es genant Belial. Inhaltend / ob 
cristus rechtiglich die hell / vn die pösen geist zerbrochen / vnd 
beraubt hab". 

Von den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts ab scheint das 
Buch seine Beliebtheit verloren zu haben. Als Jakob Ayrer 1597 
es neu herausgab — ,, Historischer Processus Juris In welchem sich 
Lucifer vber Jesum / darumb daß er jhme die Hellen zerstört / 
eingenommen / die gefangene darauß erlöst / vnnd hingegen jhnen 
Lucifern gefangen vnd gebunden habe / auff das aller hefftigest 
beklaget". — scheint es nicht mehr bekannt gewesen zu sein; denn 
er schrieb als Einleitung: ,,Es ist nun mehr bey hundert Jahren / 
oder länger / daß ein Geistlicher / so sich Jacob von Theren ge- 
schrieben vnd genant / ein Proceß nach Geistlichem Rechts Ge- 
brauch / welchen er zu Teutsch Belial intituliert / zu Straßburg 
trucken vnd öffentlich aussgehen lassen". Der theologische Ge- 
sichtspunkt ist in dieser Bearbeitung ganz verschwunden. Ayrer 
gab das Buch heraus, daß ,, alles nit allein sehr lieblich / kurtz- 
weilig vnd lüstig / sondern also / daß sich solchen Buchs auch die 
Aduocaten, procuratores, Notarij, Schreiber Rahts vnd Gerichts- 
herren / vnd andere mit guten Nutzen wol gebrauchen können." 
Hinter jedem Abschnitt „Voigt was bey diesen . . . Capitel zu ob- 
seruirn / vnd in acht zunemmen". 

Wild, zu dem wir nach dieser langen Abschweifung wieder 
zurückkehren wollen, benützt für sein Drama das alte Buch vom 
Belial als Quellei). 

In der Wahl dieses Stoffes — und dasselbe gilt auch für den 
„kranken Kaiser Titus" — folgt er der Neigung seiner Zeit, Pro- 
zesse möglichst ausführlich auf der Bühne dargestellt zu sehen 2). 



^) S. Bircks ,,Beel" hat damit nichts zu tun. 

2) Ähnliche Szenen sahen wir schon im „Stephanus", in „der Jünger 
Gefängnis", nur stehen sie dort nicht im Mittelpunkte der Handlung. 
Dasselbe werden wir noch einmal bei den ,, Sieben weisen Meistern" an- 
treffen. 



— 71 — 

Schon im Nürnberger Fastnachtsspiel des ausgehenden 15. Jahr- 
hunderts ist die Form eines komischen Prozesses sehr beliebt; be- 
sonders ausgebildet ist sie in den von Nürnberg beeinflußten 
Sterzinger Fastnachtsspielen, wo die Deflorationsprozesse und 
ähnliche Stoffe eine große Rolle spielen i). Das klassische Beispiel 
für diese Literatur ist des Berner Staatsmanns und Malers Nik. 
Manuel „Elsli Tragdenknaben" 2). Aber auch im ernsten Drama 
zeigt sich diese Vorliebe für die Prozeßform: Die große Gerichts- 
verhandlung gegen die Susanne ist wohl ein Hauptgrund für die 
häufigen Bearbeitungen dieses Stoffes; auch der „Everyman" gab 
zu einer Gerichtsszene Anlaß. Ferner kann in diese Reihe auch 
Joh. Agricolas beachtenswertes Drama „Johannes Huß" 
(1537)3) eingereiht werden. 

Sebastian Wild kann sich bei der Bearbeitung eines solchen 
Prozesses gar nicht genug tun in der kunstvollen Verfertigung von 
Vorladungen, Beglaubigungsschreiben und Urteilen'*); die an und 
für sich im Belial enthaltenen genügen ihm nicht. Alle sind fein 
säuberlich ausgestellt und unterzeichnet: 

,,Salomon König zu Jerusalem / von Gott geschaffter Richter. 
Datum Jerusalem / geben den 28 tag Martij." Oder noch schöner 
ist die Unterschrift: ,, Datum Nazareth geben den 29. tag Marcij. 
Jesus von Nazareth / König vnd Heyland der gantzen Wellt". 

Und noch einen Grund hatte Wild sich diesen katholischen 
Stoff zur Dramatisierung auszusuchen: er konnte seine große 
Bibelkenntnis zeigen. Der Prolog ermahnt die Zuhörer ruhig zu 
sein ; 

,,So werd jr manchen schönen Spruch / 

Hören / gezogen aus dem Buch. 
Welches die Bibel ist genendt / 

Aus new vnd alltem Testament. 
Darmit sich beyd partheyen wehren / 



1) Wiener Neudrucke XI. 1886. 

2) Herausgegeben von J. Bächtold als 2. Band der ,,Bibl. älterer 
deutscher Schriftwerke d. dtsch. Schweiz". Frauenfeid 1888. Vgl. auch 
Kaiser, Actio de sponsu. 

3) Welches Cochläus (unter dem Pseudonym ,,Joh. Vogelsang") 
im „Heimlichen Gespräch" (1539) scharf kritisiert. 

■*) Bedeutung für Wilds Persönlichkeit siehe S. 11. 



— 72 — 

Ein yeder thu die Schrifft fürkehren. 
Die werdt jr yetzt an jn selbst hören". 
Wild bringt darum auch die Reden der Zeugen ganz ausführ- 
lich, die im Belial selbst nur angedeutet sind. Im übrigen folgt er 
auch hier seiner Vorlage ganz genau. 

Der Teufel bittet Gott um einen gerechten Richter, der ihn 
schützen soll gegen die Übergriffe Jesu, welcher die Hölle nach 
seinem Tode zerstörte, die Seelen befreite und Luzifer band. Da 
Nazareth zu Jerusalem gehört, will Gott das Gericht dahin ver- 
legen und bestellt Salomon zum Richter. Jesus selbst ist am Er- 
scheinen verhindert, so schickt er Moses zum Gericht. Dieser läßt 
sich noch „gewalts Brieff vnd vrkundt" geben und nimmt Daniel 
als Begleiter mit. 

Moses will sich nicht auf eine Verhandlung einlassen, da Belial 
im Banne sei; auch dürfe man Christus nicht am Ostertage, seinem 
höchsten Festtage, vor Gericht laden. Aber Belial entgegnet: an 
eben diesem Festtage habe Christus die Hölle zerstört, ,,so er seins 
Fests selbst nit nam war". Auch stellt er Moses gleich als ,,ver- 
leümbten man" hin, der einen Ägypter erschlagen habe und vor 
Pharao habe fliehen müssen. Doch setzt er verbindlich hinzu: 
,,Ich will des Rechts lieber mit dir/ 

Auß tragen /das gelaub du mir. 
Als sonst mit keinem in der Wellt". 
Belial fordert nun: Jesus solle der Hölle seinen Raub wieder- 
geben und den Schaden ersetzen, den er den Teufeln durch die Ver- 
nichtung ihrer Wohnung zugefügt; dann soll er auch den Luzifer 
,, entladen von seinen Banden". 

Moses bestreitet, daß die Hölle samt ihren Bewohnern dem 
Teufel gehöre, sie sei Gottes Eigentum. Dafür bringt er eine un- 
geheure Menge von Belegen aus der Bibel und einige Zeugen: 
Abraham, Isaak, Jakob, David, Johannes den Täufer, Aristoteles, 
Virgil, Ippocras. Der Einspruch Belials gegen diese Zeugen wird 
zurückgewiesen: 

„Es gehört nit das weiß du wol / 
Das man die zeugen treyben ab / 
Biß man jr zeugnuß gehört hab". 
Also dürfen sie ihre Meinung über Jesus als den Herren der 
Welt aussprechen; sie stehen natürlich alle auf Seiten Christi. Bei 



— 73 — 

den biblischen Personen war das ja leicht; Wild brauchte sie nur 

in Zitaten aus der heiligen Schrift reden lassen; die Heiden mußten 

ihm dagegen Schwierigkeiten machen. Den Aristoteles läßt er 

sagen : 

„In vnsren Gschichten vnd buchstaben. 

Haben wir nit vil von Jem / 
Gelesen vnd gewist darzu. 
Doch meiner eynen vernunfft nach / 

Hat mich selbert offt gedeucht ach. 
Es werd ein aufferstehung sein". 
Virgil und Hippocras bestätigen nur ganz kurz diese Aus- 
sage i). 

Belial erbittet sich nach den Zeugenaussagen „ein abschrifft 
Deß Rechten /was ... sich biß her hat zugetroffen", um seine 
Freunde in der Hölle um Rat für die Fortsetzung des Prozesses 
zu bitten. Die Verhandlung wird daher auf den nächsten Morgen 
vertagt. 

In der Hölle bespricht sich Belial mit den anderen Teufeln 
und Satan schlägt vor, 

,,Wie wann wir vmb die eygenschafft / 
Den Jesu ansprechen allein". 
Was sich Wild darunter vorstellt, ist nicht einzusehen. Schon 
der „Belial" ist an dieser Stelle sehr unklar. Wild hat das wohl 
selbst nicht verstanden. Moses sträubt sich gegen diesen Antrag, 
weil dadurch die Verhandlungen in die Länge gezogen würden. 
Jetzt greift Belial die Zeugen scharf an: sie seien miteinander zu 
sehr befreundet, und außerdem weiß er noch über jeden etwas Un- 
günstiges zu sagen. 

„Abraham ist doch ein Hurer / 
Hat sein dienstmagt bschlaffen". 
Isaak habe sein Weib verleumdet; auch Virgil ist ihm nicht 

recht: 

„Der sich an einem Thuren ließ. 

In einem Korb auffziehen gar / 

Eins yeden finger zeiger war" 2). 

^) Wäre Wild ein humanistisch gebildeter Mann gewesen, hätte er 
hier zweifelsohne die Eklogen mit ihrer angeblichen Prophezeiung Christi 
zitiert. 

2) Comparetti S. II, 105; deutsche Übersetzung S. 277. 



74 



Die letzte Zeile ist ohne den entsprechenden Text des Belial 
kaum zu verstehen; hier heißt es: ,,vnd was also vingert zeugt aller 
derer die da fürgiengent". Aristoteles habe die Schatzkammer 
Piatos erbrochen 

„vnd stahl jm sein kunst / 
Sprach er hets selbst erfunden sunst''^). 
Nach langen Streitereien über den Sündenfall und das Recht 
des Teufels auf die sündigen Menschen will Salomon das Urteil 
fällen. Belial kündet gleich an: 

,,Wo mir die vrtheyl nit gefallen. 
So wurd ich weyter Apelliren / 

Für die Göttlich Maystat bostiren. 
Drumb Herr Richter bedenckt euch wol". 
Salomon kommt mit seinem Marschalk und dem Kanzler zu 
dem Urteil, daß Moses den Teufel überwunden habe. Vor der Ver- 
kündigung werden die Parteien hereingelassen, und Belial versucht 
schnell, Salomon zu bestechen, indem er ihm ein Königreich für 
ein günstiges Urteil verspricht; Salomon entgegent wütend: 
,,Ey du schalck mainst ich werd dz recht / 
Biegen von deiner schanckung wegen /" 
Diesen Zug hat Wild anscheinend selbständig hinzugefügt. 
Mit dem Urteil selbst ist der Teufel höchst unzufrieden. Er 
geht wieder zu Gott und beschwert sich: 

,, der groß König Salomon/ 

Hat die Freündschafft mehr gsehen an. 
Dann das Recht". 
Nun bestimmt Gott Joseph von Ägypten zum Richter. Vor 
diesem bestreitet Belial die Berechtigung des Opfertodes Christi. 
„Wie wer ein Dieb oder jender / 

Ein vbelthäter gebessert. 
Wann man ein andren für jn hieng / 
Der nit verschuld hett dise ding". 
Moses erzählt, wie Gerechtigkeit und Wahrheit mit der Barm- 
herzigkeit und dem Frieden stritten; Gottes Sohn habe das Urteil 
gefällt: die Lösung könne nur herbeigeführt werden durch einen 

^) In der Ausgabe der hiesigen Univ.-Bibl. (o. O. u. J.) heißt es die 
Schatzkammer ,,Salomonis"; dies war also Wilds Quelle nicht, denn er 
hätte nicht die Kenntnis gehabt, diesen Fehler zu verbessern. 



— 75 — 

guten barmherzigen Tod. Damit seien beide Teile zufrieden ge- 
wesen; der Tod sei schrecklich für den Sünder, nicht aber für den 
Frommen. Hier übergeht Wild die Hauptsache, ohne die das ganze 
Argument nicht zu verstehen ist. Im Belial heißt es: ,,dauon gab 
sich ain mensch von leb vnd barmhertzigkeit wegen in den Tod / 
der on sünd war / das war ain guter vnd barmhertziger tod / vn 
der tod mocht denselben vnschuldigen menschen in die leng nicht 
behalten / dauon müsst der tod zerstreut werden vnd überwunden". 
Beide Teile waren damit zufrieden, aber sie konnten keinen Un- 
schuldigen finden, deshalb mußte sich Gottes Sohn opfern. Diese 
Auslassung ist so schlimm, daß man Bedenken tragen muß, Wild 
dafür verantwortlich zu machen. Es scheint mir hier eher ein Ver- 
sehen des Setzers vorzuliegen. 

Wie diese Verhandlung zum Schlüsse gekommen ist, sieht 
Belial wieder seinen Prozeß verloren. Er will noch einen letzten 
Ausweg versuchen: man solle die Sache einigen frommen, von den 
Parteien selbst ausgesuchten Männern übergeben, diese sollen das 
Urteil fällen. Es gelingt ihm, David für diesen Plan zu gewinnen, 
der seinerseits wieder Moses dazu überredet. Die Parteien stellen 
jetzt ihre Vertrauensmänner: 

Moses den Jesaias und Aristoteles, Belial den Jeremias und 

den Kaiser Octavian; damit ist Augustus gemeint, denn im Belial 

wird erzählt, daß unter seiner Regierung Christus geboren sei. 

Nach langen Verhandlungen kommen die Vertrauensmänner zu 

einem Ergebnis: Die Sünder dürfen nicht dem Teufel gehören, 

Luzifer muß gebunden bleiben, die Teufel aber sollen freigelassen 

werden, 

,,Das sie die Menschen reytzen mögen / 

Doch sie sonst keinen gwallt anlegen. 

Dann was sie mit raitzen gewinnen / 

Dises mag man zulassen jnnen". 

Nur Jeremias hat eine Erinnerung gegen diesen Schiedsspruch: 

Satan dürfe nicht ewig gebunden bleiben, 

,,Dann es steht geschriben das er / 

Den unseligen Menschen wer. 

Besitzen vnd im Lufft^) beweyssen / 

Die heilig Christlich Kirch zerreissen. 

1) Druckfehler für ,,Lust"? 



— 76 — 

Die grossen Häupter an sich ziehen / 

Vor dem sich die HeyHgen schmiehen. 
Müssen / weyl er dises Thier reyt^)". 
Deshalb werden dem Satan 40 Monate Freiheit vor dem jüngsten 
Tag zugebilligt. 

Joseph ruft nun die Parteien, die während der ganzen Ver- 
handlungen nicht zugegen waren, herein. Wenn dabei Wild vor- 
schreibt, mit den Parteien trete „Yedermann" ein, meint er da- 
mit nicht eine typische Vertretung des Menschengeschlechts, wie 
sie neuerdings durch Hofmannsthals Nachdichtung in weiten 
Kreisen bekannt wurde. Eine solche Beeinflussung durch die Mora- 
litäten scheint mir für Wild nicht glaubhaft, es finden sich nirgends 
Spuren davon. Er meint an dieser Stelle sicher nur sämtliche ver- 
fügbaren Personen. 

Zuerst müssen die Parteien ,,globen an Stab", nicht weiter 
zu appellieren. Dann wird das Urteil verlesen, wie es schon vorher 
festgesetzt war. Belial ist keineswegs niedergeschlagen: er hat ja 
alle Aussicht, bald wieder Leute in seine Hölle zu bekommen. 
„Wer gut ist den will ich verkeren / 
Die Welt volget mir ohn das geren". 
So wird er bald 

„bsitzen alle Wellt / 
Mit neydt / geytz / hochfart / stoltz / vnnd Gellt. 

Das sie jres Jesu vergessen / 
Vor Reichthum / volsauffen vn fressen". 
Vor diesen angekündigten Anschlägen des Satans warnt der 
„kurze und tröstliche Beschluß". Er weist aber auch darauf hin, 
daß Christus ebenfalls seine Boten ausgesandt habe; das seien un- 
gleiche Herren und ungleiche Belohnungen: 

„Der ein will Schweffei vnd Bach geben / 
Vnd der ander das Ewig leben". 
Belial, der wie ein ,,prülleter Low" umgehe, habe gegenwärtig 
,,Dem Jesu vil Leit abbetrogen". 

„Lasst vns Gott bitten vmb genadt / 
Das er vns bewar frü vnd spat. 

') Offenbarung Johannis, Kapitel 19. 



— 11 — 

Vor des Teüffels listen allsamen / 

Durch sein heyligen guten Namen / 
Wer das begert Sprech mit mir Amen". 
Jetzt ist noch der Anfang des Dramas zu betrachten, der von 
der Vorlage abweicht, 

Luzifer kommt triumphierend und berichtet, daß er den Tod 
Jesu bewirkt habe; jetzt sei er allein Herr der Welt, und infolge- 
dessen werde die Hölle zu klein und müsse erweitert werden. 
Aschareth und Belial werden abgeschickt: 
,,..,. bringet mir. 
Die allerbesten Bawleüt her / 

Die vns die Hell machen weyter. 
So wollen wir vmb Haffner schawen / 

Die vnns gut Eyssne offen bawen. 
Das wir den Gästen das Bad hitzen / 

Das sie mögen baden vnd schwitzen / 
Damit vns kein kachel außbrech / 
Vnd in der Hell kein schad geschech". 
Aschareth will deshalb so lange in der Welt herumreisen, bis sie 

,, den Künstler groß / 

Finden / welcher den Ochssen goß / 
Von Glockspeyß mit nam. 
Satan erwidert auf diesen Vorschlag: 

,, Zieht hin / den Meister lobesam / 
Werd jr finden in Griechenland, 
Zu Athen bringet jn zu land. 
Er soll auch selbst sein kunst beweren / 

Er kan es wol vnd thut er geren. 
Hat den Ochßen auch selbst probiert". 
Das Motiv, daß die Hölle vergrößert werden muß, weil sie die 
große Zahl der Verdammten nicht mehr fassen kann, fand ich nur 
noch bei Hans Sachs in seiner Erzählung ,,von dem teuffei, dem 
die hell will zu eng werden" vom 21. Februar 1540^). 

Wie Hans Sachs ,,Fast vmb den ersten hannen-krat" spazieren 
geht, begegnet ihm der Teufel und fragt ihn nach den besten Hand- 
werksleuten Nürnbergs, weil er die Hölle erweitern lassen müsse. 
Ironisch meint der Dichter, die Welt sei besser geworden, und sucht 
~ 1) Werke III, 586. 



78 



dies zu beweisen; der Teufel fordert ihn auf, ihm 10 Gerechte zu 
zeigen. Aber nach Verlauf von 10 Jahren hat der Dichter noch 
keinen einzigen gefunden. 

Dieses Motiv steht wohl in losem Zusammenhang mit den 
alten Spielen, z. B. dem Redentiner Osterspiel: Christus hat die 
Hölle zerstört und ihre Bewohner mit sich genommen; die Teufel 
holen sich darum neue Sünder und führen diese revueartig vor. 

Daß Wild die Erzählung des Sachs so geschickt in sein Drama 
hineinarbeitete, möchte ich ihm nicht zutrauen; wahrscheinlich 
gehen beide Dichter auf eine gemeinsame — mir unbekannte — 
Quelle zurück. In dieser wird vielleicht auch Perillus erwähnt. 

In der antiken Literatur spielt die Geschichte vom Perillus 
eine große Rolle; dieser hatte für den Tyrannen Phalaris von Agri- 
gent einen ehernen Stier mit hohlem Leibe verfertigt, in welchem 
Verbrecher verbrannt werden sollten. Zur Probe ließ der Tyrann 
den Künstler selbst verbrennen. 

Von den zahlreichen Schriftstellern des Altertums, bei denen 
sich diese Erzählung findet i), werden im Mittelalter und in der be- 
ginnenden Neuzeit nur Orosius und Ovid zitiert; dieser berichtet 
die Geschichte in seiner ,,ars amandi" (1,635), jener in seinen 
,,Historiarum libri VII adversus Paganos" 1,20. 

Dann finden wir sie in das am meisten verbreitete Fabelbuch 
aufgenommen, in die „Gesta Romanorum"^), ebenso in das Schach- 
buch des Jacobo de Cessolis; von ihm übernahmen sie seine Über- 
setzer und Bearbeiter: Konrad von Ammenhausen, Heinrich 
von Beringen, der Pfarrer zu dem Hechte und Meister Stephan. 

Im ausgehenden 15. und im 16. Jahrhundert steht diese Er- 
zählung in vielen Chroniken und Historiensammlungen^), so in 
Paulis ,, Schimpf und Ernst" 1522*), in Egenolfs ,, Chronik von 
an- und abgang aller Welt wesenn" 1533^), in Schumanns ,,Nacht- 



^) Siehe Oesterleys treffliche Zusammenstellung in seiner Ausgabe 
von Paulis ,, Schimpf und Ernst" Seite 486. 

2) Oesterleys Ausgabe S. 346. 

3) Ich führe nur solche Ausgaben an, die mir selbst zur Hand waren 
und die vor dem Jahre 1566 erschienen. 

*) Nr. 116, Oesterleys Ausgabe S. 87. Hier heißen die Namen ,,Fa- 
lerius" und „Pillus". 

<*) S. XXXVHIb. 



— 79 — 

büchlein" 1538^), im ,,Schertz mit der Wahrheit" 15502), [^ 
G. Lauterbecks „Regentenbuch" 1557^), in Caspar Goltwurms 
„Wunderwerk vnd Wunderzeichen Buch" 1557^) und in Hans 
W. Kirchhoffs; „Wendunmuth" 1563^). 

Von diesen Quellen scheint Wild keine benützt zu haben; viel- 
mehr scheint seine Vorlage ein Meistergesang von Hans Sachs aus 
dem Jahre 1535 gewesen zu sein. Wie Carl Drescher^) überzeugend 
nachgewiesen hat, geht Sachs auf zwei der berühmtesten Chroniken 
seiner Zeit zurück: Die erste Hälfte des Meistergesangs ist gear- 
beitet nach Sebastian Francks ,, Chronica, Zeytbuch vnd ge- 
schychtbibel von anbegyn biß inn diß gegenwertig MDXXXI jar", 



1) Nr. 18, Boltes Ausgabe S. 57. 

-) ,,Vonn gutten Gesprächen / In Schimpff vnd Ernst Reden / Vil 
Höfflicher / weiser Spruch ' Heblicher Historien / vnd Lehren. Zu Vnnder- 
weisung vnd Ermannung / in allem tuhn vnd Leben / der Menschen / Auch 
ehrlichen Kurtzweilen / Schertz vnd Freüdenzeiten / zu erfrewung des ge- 
müts / zusamen bracht. Yetzund New / vnnd vormals dermassen nie auß- 
gangen". f. LXVll. Das Bild dazu stammt aus dem Werk ,,Das Glück- 
buch / Beydes deß Gutten vn Bösen / darin leere vnd trost / weß sich 
meniglich hierin halten soll / Durch Franciscum Petrarcham vor im latein 
beschriben / vnd yetz grüntlich verteütscht / mit schönen Figuren / Con- 
cordantzen / Register / durchaus gezieret / der gestalt vor nie gesehen". 
Frankfurt und Augsburg bei H. Steyner. Darauf hat schon Bolte hin- 
gewiesen: anscheinend ist ihm aber entgangen, daß das ,, Glückbuch" 
noch eine deutlichere Illustration zu unserer Geschichte enthält auf 
S. LXIII; an beiden Stellen ist von Perillus keine Rede. 

3) „Regentenbuch Aus vielen trefflichen alten vn newen Historien / 
mit sonderm fleis zusammengezogen. Allen Regenten vnd Oberkeiten / 
zu anrichtung vnd besserung / Erbarer vnd guter Pollicey / Christlich vnd 
nötig zu wissen. Itzo von newen geschrieben vnd in Druck gegeben / 
Durch Georgium Lauterbecken". 1556. f LVb. 

*) Gedruckt in Frankfurt ,, durch Dauidem Zephelium, Zum eysern 
Huth". f da. 

^) III, 203; Oesterleys Ausgabe II, 474. Auch der junge Schiller 
erwähnt Perillus zweimal: in den ,, Räubern" (IV, 5) und im Gedicht 
„Rousseau" (V. 58 der 1. Fassung). Daß ihn auch Seume in seinem 
„Spaziergang nach Syrakus" erwähnt, sei nur bemerkt, um Oesterleys 
Angabe korrigieren zu können; die Stelle steht nicht auf S. 279, sondern 
S. 200. 

^) In dessen „Studien zu H. Sachs. N. Folge" S. XLI dieser Meister- 
gesang abgedruckt ist. 



— 80 — 

Straßburg 153P), der letzte Vers nach Hartmann Schedels be- 
rühmtem „Register Des buchs der Chroniken vnd geschichten mit 
figuren vnd puldnissen von anbegin der weit bis auf dise vnsere 
Zeit", „durch Georgium alten deßmals losungschreiber zu Nürn- 
berg auß deselben latein zu zeiten von maynung zu maynung, 
vnnd beyweylen (nit on vrsach) außzugs weise in diß teutsch ge- 
bracht, vnnd darnach durch den erbern vnnd achtpern Anthonien 
koberger daselbst zu Nürnberg gedruckt^)". 

Mit Hans Sachs hat Wild Sachsens zwei sprachliche Wen- 
dungen gemeinsam, die sich sonst in keiner Quelle finden. Sachs 
erzählt: Perillus ließ gießen „Ein ochsen wundersome Von glok- 
ken speis" und Phalaris befiehlt ihm ,,Dein werck dw mir selber 
probiren must". Die merkwürdige Umschreibung des Erzes 
dürfte genügen^), die Abhängigkeit Wilds von Sachs nachzuweisen. 
Wenn auch das Gedicht erst 1891 gedruckt wurde, so kann Wild 
eine Abschrift davon gekannt haben; das ist bei den regen Bezie- 
hungen der Meistersinger der einzelnen Städte untereinander sehr 
wohl denkbar. 

So ist anscheinend die Geschichte vom Perillus von Wild 
selbständig zu dem Motiv von der Vergrößerung der Hölle hinzu- 
gefügt worden. Man muß anerkennen, daß er dabei ganz geschickt 
zu Werke ging. Sonst finden sich im Belial keine Abweichungen 
von der Quelle mehr. 

Schwieriger ist der Quellennachweis für das Drama vom 
,, kranken Kaiser Titus". Dieses geht auf die alte Legende 
vom Schweißtuch der Veronika zurück: ein römischer Kaiser — 
entweder Tiberius oder Vespasian, seltener Nero — findet bei 
keinem Arzt Heilung seiner schweren Krankheit. Da erfährt er 
von den Wundern Christi und schickt eine Gesandtschaft nach 
Jerusalem, um ihn holen zu lassen; aber kurz vorher ist Christus 
hingerichtet worden. Pilatus wird dafür gefangen genommen. 
Die Boten des Kaisers erfahren aber durch Longinus von Veronika 
und ihrem Schweißtuch. Sie nehmen die Frau samt ihrer kostbaren 
Reliquie mit nach Rom, und der Kaiser wird durch das Tuch geheilt. 



1) f 24; Drescher, der anscheinend die gleiche Ausgabe benützt, 
gibt f 28 a an. 

2) f56b. 

3) Diese benützt Wild noch einmal; vgl. S. 142. 



— 81 — 

Dieser Legendenkreis wird dann noch verbunden mit den 
Sagen vom Pilatus und vom hl. Rock in Trier^). Der römische 
Kaiser sitzt zu Gericht über Pilatus, aber er gewinnt ihn sofort 
lieb, da er den Rock Christi trägt; diesen hat ihm der Soldat, der 
den Rock im Würfelspiel gewann, geschenkt oder verkauft'^). Erst 
wenn Pilatus den Rock ausgezogen hat, kann er verurteilt werden. 

Diese Erzählung von der Veronika erscheint dann in den ver- 
schiedenen Passionalen^) und in den Pilatusgedichten^). So kam 
sie auch in die populären Zusammenstellungen der ,, Kindheit 
Jesu", und dadurch wird wohl Wild auf den Stoff aufmerksam ge- 
worden sein; direkt benützt kann er diese Quelle nicht haben, denn 
sie bringt noch ganz die alten Fassungen: Ein gewisser Adrianus 
erzählt dem Kaiser von den Wundertaten Christi, zugleich auch 
von seinem Tod und seiner Auferstehung. Der Kaiser glaubt an 
Jesus und so wird er gesund. Gleich darauf erkrankt auch sein 
Sohn Tiberius. Er erfährt auch, daß Christus gestorben und wieder 
auferstanden ist. Zur Untersuchung dieses Justizmordes schickt 
er Volusianus ab. In Jerusalem kommt es zu einem großen Verhör; 
zugleich finden dort aber die Boten des Kaisers Veronika mit 
ihrem Schweißtuch; dieses wird nach Rom gebracht und dadurch 
auch Tiberius geheilt. 

Wild übergeht die heilige Veronika vollständig; statt dessen 
überbringt eine in Jerusalem gefangen genommene Jungfrau dem 
Kaiser Titus^) die Nachricht von den Wundern Jesu. Der Kaiser 
schickt sofort seine Gesandten nach Palästina, den Wundermann 
zu holen. Erst dort erfahren sie von seinem Tod. 

Die Botschaft durch die Jungfrau findet sich in keiner der 
größeren Darstellungen der Legende^); nur in einem Gedichte, 

^) Vgl. W. Creizenach ,, Legenden und Sagen vom Pilatus" Paul- 
Braunes Beiträge I, 89 ff. Die wichtigste Aufzählung der Pilatusliteratur 
bringt A. Schönbach (Af d A II, 166 f). 

2) Vgl. Donaueschinger Passionsspiel in Mones Schausp. 11,320. 

3) Z. B. in dem von Hahn, Frankfurt 1845, herausgegebenen. 
*) Vgl. Mones Anzeiger für die deutsche Vorzeit, IV, 1835. 

*) Wild wählte diesen Namen vielleicht nur, weil er sich besser in 
den Vers hineinbringen ließ. 

«) Daraufhin wurden auch die Handschriften Clm 15329, 19544, 
13431 und Cgm. 640, 299 durchgesehen; ebenso die Passion des Joh. 
Rothe. Creizenach weiß darüber auch nichts zu berichten. Radlkofers 
XLVIII. Brandl, S.Wild. g 



— 82 — 

auf das W. Grimm in seiner Abhandlung über „Die Sagen vom Ur- 
sprünge der Christusbilder" hinwies^): 

„Ein Lied von der Fronika wie sie von Hyerusalem gen Rom 
ist kumen. In dem brieff don des Regenbogens^)". Da die letzte 
Zeile beginnt „Ich Regenbog ich man dich du vil zartter got", 
wurde dieses Gedicht von Grimm und Goedeke Regenbogen selbst 
zugeschrieben. Schon der späte Druck macht eine solche Annahme 
unwahrscheinlich; jedenfalls hat der unbekannte Verfasser seinem 
Liede dadurch mehr Nachdruck verleihen wollen, daß er den be- 
rühmten alten Meister für den Dichter ausgibt^). 

In diesem Liede wird erzählt: Als Kaiser Tiberius („genant 
nach der Tyber die da fleust bey Rom durch welenlandt") krank 
war, wurde in Jerusalem ein Mädchen gekauft und nach Rom ge- 
führt und dort gefragt, wie es in der Heidenschaft und bei den 
Juden stünde. Sie erzählt von dem neuen Glauben und seinem 
Stifter: ,,Er ist gar lang, wol spricht seyn mund / auch kan er gut 
geperden". Sie erzählt auch einige Wunder, aber nicht zu aus- 
führlich. Der Kaiser schickt daraufhin Filosian nach Judäa. 
Nach einem glänzenden Empfang durch Pilatus erfährt er, daß 
Christus tot sei. ,,Vnd des erschrack der edel fürst Filosian / er 
stund vnd sach Pylatum also veintlich an". Pilatus schiebt in dem 
folgenden Verhör alle Schuld auf die Juden. Aber Kaiphas und 
Annas zeugen gegen ihn, ebenso ,,Symeon ein burger" und Lazarus; 
Joseph von Arimathia und Nikodemus erzählen von der Auf- 
erstehung und Lucas und Cleophas bestätigen ihre Worte. 
Filosian ist sehr betrübt über die weite vergebliche Reise, 
die seinem Kaiser doch keine Hilfe gebracht hätte. Da verweist 
ihn Longinus auf ein Weib, das ein Tuch mit dem Bilde Christi 
habe. Nun geht alles wie in der alten Geschichte: Veronika geht 

Annahme, die Gedichte des ,, Wilden Mannes", also des Wernher vom 
Niederrhein (herausgeg. von VV. Grimm, Göttingen 1839) aus dem letzten 
Viertel des XII. Jahrhunderts, seien für Wild die Quelle gewesen, ist ohne 
weiteres von der Hand zu weisen. 

1) Abhandlungen der Berliner Akademie 1842 S. 121 ff. Vgl. auch 
den Artikel ,, Christusbilder" in Herzogs Rcalenzyklopädie IV 3, 63 ff 
(Nik. Müller). 

2) Vergl. Goedeke Grundriß 1-, S. 255, 2, 3. - Zum Teil gedruckt 
bei Wackernagel „Deutsches Kirchenlied" II, 266 ff. 

^) Vgl. Roethe, ADB XVII, 547 ff. 



— 83 — 

mit nach Rom, dem Kaiser wird das Tuch auf das Antlitz gelegt 
und so wird er geheilt; darnach bekehrt er sich. Die noch folgende 
Geschichte der Krankheit Vespasians ist eine bloße Wiederholung. 
Dieser zieht dann gegen die Juden. Nach der Zerstörung Jerusa- 
lems verkauft er die Gefangenen; ,,er gab ir auch vmb eyn pfennyng 
der schnöden Juden dreyssig"^). Das Schweißtuch selbst ist jetzt 
noch in Rom und ,,kein heyltum findet ma nindert zware / dz im 
do sey geleiche". Dieses Gedicht muß Wild gekannt haben; nur 
ist sein Drama viel protestantischer. 

Im ersten Akt klagen die Hofleute über die Krankheit des 
Kaisers, den weder ,,Alle Philosophey, Artzet vnd Doctores" noch 
,,schwartzkünstler" heilen könnten. ,,Wie hefftig er sie all an 
schreyt". Der Hofmeister hat schon allen Mut verloren: 
,,Er ist nicht der erst noch der letzt / 

Dem die Götter hand zugesetzt. 
W;r künden es ye wenden nicht". 
Dem pflichtet der Sekretär bei: 

„Es ist war wir seind all verpflicht 
Des Todes gwallt hie in geferdt / 
Vnser sach ist doch nichts auff Erdt". 
Der Hauptmann Gajus bringt die gefangene Jungfrau. Wie 
sie der Hofmeister nach dem „gschrey" in Judea fragt, erzählt sie 
von dem neuen Glauben und von den Wundern an Lazarus und 
an dem Weib, welches am Blutflusse litt. Dem Hauptmann Gajus 
selbst berichtete ein Hauptmann des Herodes, daß ein Wunder- 
mann seinen Knecht gesund gemacht habe, aber weiß doch nicht, 
was das für ein Meister war; 

,,Dann wir sassen dort by dem wein. 
Vnser ein Tisch vol der Hauptleüt / 

Sagten von Sturmmen vnd von streyt. 
Wie Land und Leüt wer zu gewinen / 
Thet dem Meister nit vil nachsinnen". 
Die Jungfrau berichtet, er sei ungefähr 32 Jahre alt und gibt 
dem Heiland eine Schilderung seines Äußeren, die sehr stark an die 
Regenbogens erinnert: 

1) Diesen Zug benützt Wild in seiner „Zerstörung von Jerusalem"; 
er findet sich nicht bei Josephus. 

6* 



— 84 — 

,,Er ist gar ein sänfftmütig Mann. 
Zymblicher groß / vnd in allem / 

Sein red freündtlich vnd angenem. 
Gerades leybs / hüpscher person / 
Ein lieblich wolgefarbter Mann", 
Der Hofmeister und der Sekretär erinnern an das Wunder vom 
Tempel des Friedens und vom Ölbaum i). Die Jungfrau erzählt 
in aller Länge von der Verkündigung des Engels, von der Geburt 
Christi und begründet ihr Wissen mit der Behauptung: 
„Dann etlich meiner freündt seind bey. 
Seiner geburt gewesen schon". 
Der zweite Akt besteht aus einer einzigen Szene, in der sich 
die drei Doktoren und ein ,,Balbirer" darüber beklagen, daß sie 
keine Arznei gegen die Krankheit des Kaisers wissen. 

Im dritten Akt kommen ,,PhiIosophus, Marschalck, Gajus", 
die von dem kranken Kaiser zu dem Wundermann geschickt wor- 
den sind. 

Daß Wild den kranken Kaiser nicht auftreten läßt, ist ein 
glücklicher Gedanke; die Darstellung seiner Schüler wäre jeden- 
falls dieser schwierigen Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Der 
„Philosoph" ist natürlich der ,,Filosian" Regenbogens; dieses Wort 
war eben Wild bekannter. Da in keiner anderen Quelle der Bote 
des Kaisers diesen Namen trägt, ist die Verwandtschaft der beiden 
Werke erwiesen, natürlich aber nicht ihr Abhängigkeitsverhältnis. 
Dafür kann unter Umständen von Wichtigkeit sein, daß Hartm. 
Schedels Chronik auch den Namen ,,Volusianus" hat; aber seine 
kurze Erzählung war keine Vorlage für Wild. 

Die Abgesandten entwerfen nun ihren Reiseplan: 
,,Wir uöllen auff dem Meere tieff. 
Neben Griechenland schiffen für / 

Durch Sicilya hie / vnd schier. 
Durch Sirya vnd Asia / 

Den nechsten weg auff Damaßca. 
So mögen wir raisen nach dem / 
Vber land gehn Jerusalem". 
Auf dem Schiffe ist Speis und ,,prophand" schon verpackt, 

1) Vgl. s. 48. 



— 85 — 

ebenso Gold, Silber und Edelsteine und ein Purpurkleid für den 
Meister. Aber jetzt ist es Zeit zur Abreise: 

„Alle Schiff seind euch schon bereyt. 
Darob stecken schon auffgespannen / 
Des Keysers wappen vnd Sygfannen". 

Die Jungfrau glaubt sicher an einen guten Ausgang des Unter- 
nehmens. Der Heiland sei zu gut, um irgend etwas abzuschlagen. 
Augenblicklich ist Wild auch wieder mit einem Bibelspruch bei der 
Hand: die Jungfrau sagt: 

,,Er heißt oft selbert zu jm die. 
Mit schmertzen seind beladen / kummen / 
Er will sie erquicken in summen". 

Auf die Meldung des Hauptmanns ,,Die Segelbaum seind auff- 
gericht" gehen alle ab, da die Zurückbleibenden ihnen noch ein 
Stück Weges das Geleite geben wollen. 

Der vierte Akt enthält die große Gerichtsverhandlung; diese 
gehört mit einigen Teilen des ,,Asinus vulgi" zu den lebendigsten 
Szenen in Wilds Dramen i). Angenehm empfindet man auch, daß 
dieser Prozeß bedeutend kürzer ist als der im „Belial". 

Pilatus, Kaiphas und Annas sind in großer Bestürzung wegen 
der Gerüchte über die Auferstehung Jesu; Pilatus möchte ihnen 
nicht viel Glauben beimessen: 

,,Man wirt jn auch nit alles glauben / 
Seid lose fischer die vil blerren / 
Heften gut sach bey jrem Herren. 
Zochen im Landt herauff vnd nider/ 
Yetzt müssen sie arbeyten wider. 
Das thut sie also hart verdriessen". 

Während sie noch beraten, kommt ein Brief von dem 
Marschalk des Kaisers, der die Ankunft der Gesandten meldet; 
in diesem sind Annas und Kaiphas als ,, Bischoff" angesprochen. 
Dieser Brief ist natürlich wieder in Prosa und trägt die Unter- 
schrift: ,, Datum Damaßca. Cito / cito / cito / Jerusalem". 
Merkwürdig ist nur, daß die Antwort, die Pilatus diktiert, auch 
in Prosa abgefaßt ist. 

1) Vgl. S. 137. 



86 



Pilatus hat ein sciilechtes Gewissen: 

„Nun wölt ich schier wetten wir weren, 
Vor Keyserlich Maystat verklagt / 

Des Jesu halben schon versagt. 
Das wir jn haben richten lahn... 
Wann jm von seiner Kunst wirt gsagt / 

Vnd ist sorglich er habs erfragt. 
Dann die Römer haben die Leüt / 

In grossen Ehren alle zeyt. 
Die in aller Kunst sein probirt / 

Wie dieser Jesus obberiert", 

Überhaupt: „Ich wolt ich wer nye am Gericht. 
Gesessen vber den Jesu / 
Ich hab doch seyt nye ghabt kein rhu". 
Jetzt nahen die Gesandten des Kaisers, „Der Trummeter 
blesst auff", und es erfolgt eine feierliche Begrüßung. Der 
Marschalk verkündet gleich den Zweck des Besuches. Auf die 
Kunde vom Tode Jesu sieht der Marschalk „Pilatus streng an"^) 
und will den ganzen Verlauf der damaligen Verhandlungen wissen. 
In seiner Angst sucht Pilatus alle Schuld auf Annas und 
Kaiphas zu werfen. Dieser aber rechtfertigt sich: 
„Vnd ich hab jn verurtheilt nicht / 

Bin nye gesessen am Gericht. 
Ja auch nye in das Ghrichtshauß kommen". 

Pilatus erzählt jetzt die Verurteilung Jesu, wobei er genau 
dem Evangelium folgt; auch, daß er sich zum Zeichen seiner Un- 
schuld die Hände gewaschen habe. Dieses Motiv scheint aber 
Wild überhaupt nicht beachtet zu haben; denn sonst könnte 
Pilatus sich nicht so schuldig fühlen und würde vor allem diesen 
Beweis seiner Unschuld seinem Richter erzählen. 

Kaiphas erstattet Bericht über die angeblichen Verbrechen 
Jesu: er hätte gesagt, er werde den Tempel Gottes in drei Tagen 
wieder aufbauen, man dürfe dem Kaiser keinen Zins geben usw. 
Zum Schlüsse bittet er noch um Bestrafung der Jünger. Aber 
der Marschalk hält ihm entgegen: 

1) Vgl. Regellbogens Lied S. 82. 



— 87 — . 

„Wir müssen vorhin aller Sach / 

Der rechten Vrkundt fragen nach / 
Ob disem Handel also sey / 

Müssen auch hören sein parthey". 
Der Hauptmann kommt mit Petrus und Johannes, die für 
ihren Meister zeugen sollen. Der Herold bemerkt, sie seien wohl 
Anhänger Christi: 

,,Das dunckt mich schier an jrem gang". (!!) 
Erst nach längerem Sträuben halten die Jünger große Vertei- 
digungsreden für Jesu. Als weitere Zeugen treten auf Lazarus und 
„der blind war vnd yetzunder gsicht". Regenbogen führt statt 
dessen Longinus ein; Wild hat statt des katholischen Heiligen 
einen anderen Blinden gewählt, der auch durch Christus sehend 
geworden ist. Während Longinus von dem Schweißtuch der Vero- 
nika berichtet, erzählt der Blindgeborene von seiner Heilung, wie 
Lazarus von seiner Auferstehung. Kaiphas verteidigt sich noch 
hartnäckig weiter: Wenn Jesus wirklich ein Gott gewesen wäre — 
warum sei er nicht mit Pferden und Trabanten, mit ,,Fusszeuch" 
und Prälaten in Jerusalem eingezogen, sondern 
„Auff einem dirren Esselein. 
Mit einer armen Rodt eilend / 
Mit losen Fischern / die jr seind". 
Johannes und Petrus erzählen dem Marschalk noch von dem 
Tode Jesu, seiner Auferstehung und seinen Erscheinungen. 

Philosophus ist durch die Verhandlung zu der Überzeugung 
gekommen, daß hier ein Justizmord vorliege; er macht dem Pilatus 
bittere Vorwürfe, daß er sich nicht Rat bei seinem Kaiser geholt 
habe; dann läßt er ihn gefangen nehmen. 

Der Marschalk droht zum Schlüsse der Stadt Jerusalem, die 
Römer würden mit großer Macht zurückkehren und sie bis auf 
den Grund zerstören: 

„Disen Tod sollt jr alle müssen / 

Tewr gnug zalen vnd zwyfach büssen. 
Das sey euch hie ein Ayd geschworen". 
Der Hauptmann spricht sehr zufrieden über seine Wiederkehr, 
,,Aber in einer andern gstallt / 
Das solt jr nun erfaren bald". 



Dieser Schluß ist außerordentlich glücklich; daß Wild die hl. 
Veronika aus seinem Drama vollständig ausschaltet, wurde schon 
erwähnt. Als protestantischer Schulmeister durfte er diese „Lü- 
genden" — wie die Reformatoren gerne sagten — nicht von neuem 
unter das Volk bringen i). Damit fehlte aber der Geschichte ein 
organischer Schluß; die Verbindung der Zerstörung Jerusalems 
mit dem Tode Jesu ist ja nicht neu; aber die ganze Anordnung 
zeugt von Geschick; leider steht sie in Wilds Schaffen so ziemlich 
allein. 

Im Beschluß wird die Geschichte zu Ende erzählt; diese 
Ungeschicklichkeit ist bei Wild nicht selten, aber nur hier wird sie 
entschuldigt: 

„Vmb kurtz willen lassen wir hie / 

Beleyben dise Historj. 
Welliche Spilweyß wer zu lang / 
Zuerzelen nach rechtem gang". 
So wird uns nun berichtet, der Kaiser sei durch die Nachricht 
vom Tode Jesu in furchtbaren Zorn versetzt worden und habe ge- 
schworen, er werde diesen Tod rächen; und nun kommt die merk- 
würdigste Stelle des ganzen Dramas: 

,,Wie er diesen Ayd schwören gundt / 

Auch ein ebenbild sach zu stundt. 
Das sie Conteruet / mit bracht heften / 
Verließ jn die kranckheit in nöthen". 
Man sieht hieraus, wie äußerlich Wild seine katholische Quelle 
umarbeitete: er ließ einfach alle Stellen aus, die von der Veronika 
und ihrem Tuche handelten; aber die Heilung des Kaisers wußte 
er nicht zu begründen, daher behielt er diese einzige Stelle bei. An 
eine Zensur, die ihm die anderen Verse, die von der Veronika han- 
delten, gestrichen hätte, ist wohl nicht zu denken; wenigstens ist 
in den bis jetzt veröffentlichten Akten von Augsburg nie von einer 
derartigen Einrichtung die Rede. 

Über die ausführliche Schilderung der Hungersnot in dem be- 
lagerten Jerusalem wird in einem späteren Kapitel die Rede sein 
müssen 2). 

^) Vgl. aber das Weihnachtsspiel. 
2) Siehe S. 143. 



— 89 - 

Die Moral des Stückes lehrt uns, daß sich Gott an seinen 
Feinden rächt, und so wird es uns auch geschehen, wenn wir fort- 
fahren, täglich seinen Sohn aufs neu zu kreuzigen. Wir müssen 
uns bessern, 

,,Eh vns Gott ein mal selbert straff. 
Den Türken oder ander Feind / 
Vber uns schickt" i). 
Der Herr verschonte nicht einmal seine Kinder, die Juden; 
viel weniger wird er uns verschonen, 

,,Die wie2) waren Heyden entwicht. 
Als knecht in Hauß vnd an die stat / 
Der Kinder auffgenommen auß gnadt". 
Der Beschluß bittet Gott noch um das ewige Licht und mündet 
in den Wunsch aus, daß Gott es 

,, Durch sein heylig Göttlichen nammen. 

Vns gnedig verleich allen sammen / 
Wer des begert Sprech mit mir Amen". 

1) Gerade in diesen jaluen machte sich die Tiiri<enfurcht überall 
bemerkbar, hervorgerufen durch die ungeheuere Ausbreitung des Türken- 
reiches unter Soliman II. Der Kampf gegen diesen Feind war Ideal der 
Humanisten: Brant, Hütten, Wimpheling u. a. Ebenso greifen Männer 
wie Luther und Aventin ein. Doch auch H. Sachs schreibt mehrere Tür- 
kendichtungen; ebenso J. Greff 1541 „Vermannung wider den türkischen 
Tyrannen". Creizenach (111,239) erwähnt ein Nürnberger Türkenspiel; 
also wohl das erste Fastnachtspiel mit politischem Hintergrund. (Vgl. 
Buchwald, S. 23.) In dem Lied ,von den Türken" (Liliencron, Historische 
Volkslieder I, 503) ruft Rosenplüt den kaiserlichen Adler gegen die Tür- 
ken auf. (Gegen diese Furcht richtet sich Dürers Stich „Die große Ka- 
none" vom Jahre 1518.) 

2) Druckfehler für ,,wir". 



Dramen nach Volksbüchern. 



Rein weltliche Stoffe behandelt Wild in vier Dramen; zu 
dreien von ihnen nahm er den Stoff aus den Volksbüchern. 
Diese boten auch für Hans Sachs vielfach Stoff für seine 
Tragödien und Komödien; so bearbeitete er 1551 „Florio mit der 
Bianceffora", 1552 „Ritter Galmi", 1553 ,,Tristrant mit Isalde", 
1553 „Fortunatus"^), 1555 ,,Die schön Magelona", 1556 „Melusina", 
1556 „Hugo Schapler". 

Wir begreifen diese häufige Bearbeitung von Volksbüchern, 
wenn wir uns vergegenwärtigen, wie beliebt und gelesen diese da- 
mals waren. Das ,, Meßmemorial des Frankfurter Buchhändlers 
Härder für die Fastenmesse 1569" 2) berichtet uns, wieviel Volks- 
bücher in dieser Messe verkauft wurden: 
233 Weise Meister, 
196 Fortunatus, 
176 Magelone, 
158 Melusine, 
144 Ritter Galmi usw. 
So konnte auch Wild sicher auf den Beifall seiner Zuhörer 
rechnen, wenn er diese Erzählungen auf die Bühne brachte. Er 
richtet sich bei der Auswahl seines Stoffes nach der Beliebtheit der 
Geschichten; darum hat er auch das am meisten gelesene — aber 
für die Bühne vollständig unbrauchbare — Volksbuch der sieben 

^) Wahrscheinlich identisch mit dem bei Beyschlag (S. 8, Anm. 7) 
genannten Drama. 

-) Herausgegeben von E. Kelcher und R. Wülcker, Frankfurt a. 
M. 1873. 



1 



— 91 — 

weisen Meister bearbeitet^). Außerdem noch die „Magelone" 
und den „Kaiser Octavian", die in der Messe 1569 auch sehr guten 
Absatz fanden. 

Die künstlerische Bedeutung der Dramen ist gering; wenn H. 
Sachs solche Erzählungen dramatisiert, lassen sie uns in ihrer 
Frische und Naivität etwas von dem Geiste spüren, der in den 
Volksbüchern lebt und webt. Bei Wild wird auch der märchen- 
hafteste und romantischste Stoff zu einer trockenen, ganz unpoe- 
tischen Schulkomödie. 

Die allgemeine Behandlung der Quellen ist immer die gleiche: 
er sucht möglichst Wort für Wort 2), sicher aber Szene für Szene 
der Vorlage zu folgen, ohne Rücksicht auf ihre theatralische Wirk- 
samkeit. Umstellungen einzelner Szenen geht er möglichst aus dem 
Wege; wenn z. B. das Volksbuch vom Kaiser Octavian erst kurz 
vor dem Schluß die Erzählung von Lyons Schicksalen, die zeit- 
lich bedeutend früher fallen, wieder aufnimmt, folgt Wild ihm da, 
ohne sich viel Skrupel zu machen. Ebenso läßt er einzelne Szenen 
nicht weg, weil sie undramatisch sind, sondern weil sie ihm tech- 
nisch zu große Schwierigkeiten bereiten. Aber trotzdem behält er 
mehrere Szenen bei, wie den Raub der Kinder oder den Kampf mit 
dem Riesen im ,, Octavian", die auf der Bühne kaum darzustellen 
waren^). H. Sachs ist in dieser Beziehung bedeutend vorsichtiger; 
seine Vorschriften werden sich immer haben durchführen lassen, 
wenn auch wahrscheinlich oft unbeholfen genug*). 

Trotz der vielen, allen Bearbeitungen gemeinsamen Mängel 
glaubt man bei Wild doch fast eine Entwicklung und einen tech- 
nischen Fortschritt zu bemerken; diese Linie führt von den ,, Sieben 
weisen Meistern" über den ,, Octavian" zur ,,Magelone". Man wird 
aber mit solchen Behauptungen sehr vorsichtig sein müssen; denn 
gerade bei diesen Dramen ist der Stoff sehr bedeutungsvoll, der 
eben mehr oder minder für das Drama geeignet war. 

^) Radlkofers Einteilung, ,,Magelone" und ,, Octavian" als dra- 
matisierte Volksbücher ,,asinus vulgi" und ,, Weise Meister" als Alle- 
gorien zu behandeln, ist unhaltbar. Über den Erfolg dieses Dramas 
vgl. S. 162. 

2) Vgl. das Beispiel auf S. 149. 

3) Vgl. S. 156. 

*) Rachel betont mit Recht, Jaß Hans Sachs auch über die äußeren 
Mittel der Darstellung nachdachte. 



92 



Am alleruntauglichsten ist natürlich der Stoff der Weisen 
Meister. 

„Wie Pontianus der Keyser zu Rom seinen sun Diocletianum 
den siben weisen Meystern befilcht / die sieben freien künst zu leren. 
Vnnd wie der selbig hernach durch vntrew seiner stieffmutter 
sieben mal zum galgen gefürt / aber allweg durch schöne gleich- 
nussen der Meyster vom todt erredt / ein gewaltig Keyser zu Rom 
ward. Lustig vnd nützlich wieder der Weiber vntrew zu lesen", 
heißt (meistens) der Titel des alten Volksbuches. Der Stoff ist be- 
kannt: Der Kaiser übergibt den Sohn seiner verstorbenen Gemahlin 
sieben weisen Meistern, welche ihn erziehen sollen; er selbst ver- 
heiratet sich nach kurzer Frist auf das Zureden seiner Räte. Lange 
Jahre bleibt die Ehe kinderlos, aber die Kaiserin hat die Hoffnung 
auf Kinder noch nicht aufgegeben; um diesen eventuell die Nach- 
folge im Reich zu verschaffen, will sie Diocletian verderben. Sie 
will ihn daher um sich haben, um den geeigneten Augenblick er- 
greifen zu können. Sie bittet also in einer Liebesnacht den Kaiser, 
seinen Sohn zurückzurufen, der ihr auch zu willen ist. 

Diese Botschaft erregt bei den Meistern große Bestürzung; 
die Konstellation am Himmel zeigt ihnen, daß der Prinz bei dem 
ersten Worte, das er in der Heimat spricht, sterben müsse. Dieser 
selbst aber ist klüger als die Weisen zusammen: ein kleiner Stern, 
den sie übersehen hatten, zeigt ihm an: ,,Wer es / dz er sieben tag 
ongeredt möchte bleiben / so behielt er sein leben / doch so wurd 
alle tag zum galgen aussgefürt / darnach das man jn hencken solt / 
aber er wurde mit grosser arbeit erlöset vom todt". Auf diese Ent- 
deckung hin zieht er heim; der Vater ist tief bestürzt über seine 
plötzliche Stummheit; die Kaiserin aber macht ihm, sobald sie 
mit ihm allein ist, Liebesanträge. Doch der tugendsame Jüngling 
weist sie zurück unter der Begründung: er wolle den „baumgarten 
seines herren vnd vatters nit zerstör"; da zerreißt sich die Kaiserin 
ihre Kleider und zerrauft sich das Haar und klagt den Prinzen 
des Notzuchtsversuches an. Dieser darf nun nichts entgegnen, 
wird zum Tod verurteilt und zum Galgen geführt. Auf dem Wege 
dorthin begegnet ihnen der erste Weise, der es unternimmt, den 
Vater gnädig zu stimmen: die Hinrichtung wird einstweilen aufge- 
schoben; dem Weisen gelingt es auch, den Kaiser durch eine Er- 
zählung zur Zurücknahme des Urteils zu bewegen. Die Kaiserin 



— 93 — 

sieht voll Wut ihren Anschlag mißglückt, erzählt ihrerseits dem 
Kaiser eine Geschichte und erreicht dadurch die Bestätigung des 
Todesurteils. Am nächsten Morgen wird der Prinz wieder zum 
Galgen gefijhrt, da erscheint der zweite Weise und alles geht wie 
am ersten Tag. Das wiederholt sich siebenmal, damit eben jeder 
der Weisen den Sohn befreien kann; endlich am achten Tage darf 
der Prinz selbst reden; er entdeckt die Freveltat seiner Stiefmutter 
und entlarvt das Kammerfräulein, das sie vor allen anderen be- 
vorzugte, als einen verkleideten Mann. Der Kaiser verurteilt diese 
beiden Übeltäter zu grausamem Tod; der Sohn aber beweist durch 
eine letzte Erzählung, daß er nichts Schlimmes gegen seinen Vater 
im Schilde fijhre. 

So besteht diese Geschichte aus 15 Novellen, die nur durch 
einen losen Faden zusammengehalten sind. Die Rahmengeschichte 
selbst wirkt durch die fortgesetzten Wiederholungen ermüdend; 
schon äußerlich kommt diese Einförmigkeit zum Ausdruck in den 
verschiedenen Drucken, wo sich die primitiven Holzschnitte, von 
der Szene vor dem Galgen, von der Kaiserin, wie sie sich die Klei- 
der zerreißt, und endlich, wie sie dem Kaiser erzählt, immer wieder- 
holen; nur die Illustrationen zu einzelnen Novellen unterbrechen 
dieses Einerlei; so sind diese Ausgaben in der Anspruchslosigkeit 
ihrer Bilder ein Beitrag zur Geschichte des Buchschmuckes im 
16. Jahrhundert^). 

Wenn auch das ganze 16. Jahrhundert wenig nach der dra- 
matischen Wirksamkeit eines Stoffes, viel mehr aber nach der ihm 
innewohnenden Moral fragte, so ging man doch nicht an eine Be- 
arbeitung der sieben weisen Meister heran. Wenigstens konnte ich 
keine finden; allerdings hat Georg Reypchius „Ein schön neüw 
Spil von den siben Weyssen aus Griechenland. . ." verfaßt (,,Pfortz- 
heim by Georg Raben 1559"); aber das ist keine Bearbeitung des 
Volksbuches, sondern eine Moralität, worin Solon, Thaies usw. 
auftreten 2). 

So blieb es der Ungeschicklichkeit Wilds vorbehalten, diesen 



1) Z. B. 1549 bei Wendel Rihel, Straßburg (München StB. P. o. 
gall. 75) oder 1551 bei Alexander Weyssenhorn, Ingolstadt (München 
ÜB. D. D. 6. 4"). 

-) Exemplar in Wolfenbüttel. Vgl. Goedekes Ausgabe von Pamph. 
Gengenbach S. 604. 



— 94 — 

Stoff zu dramatisieren. Es ist natürlich unmöglich, ihn irgendwie 
nach dramatischen Gesichtspunkten zusammen zu fassen. Wild 
kümmerte sich um diese schwierige Frage sicher gar nicht. Er 
greift nicht einzelne Novellen heraus; er läßt vielmehr nicht die 
geringste Kleinigkeit aus: Szene für Szene überträgt er in seine 
holperigen Verse, bis eine „Tragedj" von zwölf langen Akten 
entsteht. 

Im ersten Akt unterredet sich der Kaiser mit seinen Räten 
über die Erziehung seines Sohnes. 

Als ihm der Hofmeister berichtet: 

,,Seind thewrer Mann siben zu Rom/ 
In allen Künsten lobesam", 
läßt sie der Kaiser holen. Sie preisen ihre Dienste in derselben 
Weise an wie im Volksbuch: der erste will sieben Jahre zur Voll- 
endung der Erziehung brauchen, der zweite sechs, der dritte fünf 
usw. Der Kaiser kann sich nicht entscheiden und übergibt ihn 
allen sieben, denen am Schluß des Akts der junge Prinz sogleich 
nach Rom folgt. 

Dann berichtet das Volksbuch: Die Weisen gaben dem jungen 
Prinzen einen Garten, zwei Meilen von der Stadt entfernt, als Woh- 
nung; denn dort „Wirt der lauff des volcks zu groß dz sie den 
jungen jrren". Die Wände des Gartenhauses lassen sie mit be- 
deutungsvollen Bildern schmücken. 

Dies alles bringt Wild im zweiten Akt als Dialog auf die 
Bühne, wobei er seinem Zuschauer auch nicht die geringste Klei- 
nigkeit erspart. 

Dann aber entfernt sich Wild kühn von der Quelle: diese be- 
richtet von der schwierigen Probe, der sich der Prinz am Ende des 
siebenten Jahres unterziehen muß; dann erst von der Wiederver- 
heiratung des Kaisers, die bedeutend früher stattfand. Diese bei- 
den Szenen vertauscht Wild; bei der Beratung über die neue Ehe 
des Kaisers läßt er einen Narren auftreten i), der den Monarchen 
vor einem vorschnellen Entschluß warnt: 

,,Thu gmach thu gmach eyl nicht so fast 
Du kompst noch wol in müh vnd last". 

Darnach gehen die sieben Weisen wieder ein und sagen, daß 
jetzt die sieben Lehrjahre vorbei seien; diese Stelle zeigt, wie wenig 
^) Wie im ,,asinus vulgi" und in der ,,Magelone". 



— 95 — 

Wild — wie die meisten Dichter des 16. Jahrhunderts — Sinn für 
die Akteinteilung hatte^), sonst hätte er hier natürlich einen grö- 
ßeren Einschnitt machen müssen. Jetzt soll der junge Diocletian 
zeigen, 

,,Was er gelehrt hab am Gestirnen / 

Vnd Himels lauff erkennen recht" 
und zwar durch die Probe mit den zwei Blättern im Bett! Wie im 
Volksbuch macht Cato den Vorschlag, unter jeden ,,Bethstollen" 
ein „Epheyblat" zu legen. Tatsächlich merkt der Prinz, daß das 
Zimmer niedriger geworden ist. Mit diesem Beweis wunderbarer 
Klugheit schließt der zweite Akt. 

Der dritte Akt beginnt mit einer vollständig freien Erfindung 
Wilds, Es wurde schon oben von der Entlarvung des Kammer- 
fräuleins als eines verkleideten Mannes gesprochen; dieser Auftritt 
am Schluß ist nirgends vorbereitet, Wild dachte wohl nicht an 
die ästhetische Seite des Problems, sondern nur an seine Zuschauer, 
die diese überraschende und unvorbereitete Entdeckung nicht so 
schnell auffassen konnten. Die eingeschobene Szene hilft diesem 
Mangel gründlich ab. Die Kaiserin beschwert sich 

,,Mein Herr ist allt vnd in dem Beht / 

Langweylig vnd verdrossen gar / 
Yetzt falt mir ein der Jüngling klar/ 

Der all tag kompt gehn Hoff herein / 
Fürwar der jung muß mein Bul sein /". 
Sie weiß die Furcht des jungen Burschen vor einer Entdeckung 
und der folgenden Strafe zu zerstreuen; denn von Anfang an ist 
er nicht abgeneigt, 

,,Ewr leib gfiel mir wol zu den Sachen", 
Zum Schluß verspricht sie ihm den Thron, den in der Fremde 
weilenden Diocletian werde sie ums Leben bringen; dann rät sie ihm: 

„Kleydt euch in grüne Frawen wadt"^). 
Den Entschluß, den jungen Prinzen zu beseitigen, sucht sie gleich 



1) Am bezeichnendsten sind dafür bei Sachs die bel<annten Akt- 
schlüsse der „Oriseldis" und die Auseinanderreißung der Prüfung in der 
Comedi von den „ungleichen Kindern Evas". 

^) Im Personenverzeichnis stehen der ,, Hoffdiener" und ,,die Jungkfer 
in einem grünen kleyd" als zwei Personen. 



— 96 — 

in die Tat umzusetzen. Der alte Kaiser kommt mit ,,l<reüsten vn 
krachen"; sie stellt sich betrübt und klagt über ihre „vnschwanger- 
heit"; gerührt verheißt der Kaiser ihrem Wunsch, den Stiefsohn 
bald um sich zu sehen, Erfüllung. Höchst dramatisch und er- 
schütternd ruft ihm die Kaiserin höhnisch nach: 

„Zeuch hin du solt nit lang frewd hagen. 
Mit deinem Son mein lieber Mann / 
Ich will gehn zu meim Bulen gähn". 

Der dritte Aufzug zeigt uns das Eintreffen des Befehls zur 
Rückkehr des Sohnes bei den weisen Meistern, ihre Bestürzung 
über die schlimmen Vorzeichen in den Sternen und deren bessere 
Deutung durch den jungen Prinzen selbst. 

Im Volksbuch wird der Sohn durch den Kaiser gar prächtig 
empfangen; ,,da ritt er jm entgegen mit Fürsten vnd herren / auch 
mit grosser zierd". Das konnte ein Dramatiker, der auf eine kleine 
Bühne Rücksicht zu nehmen hatte, natürlich nicht brauchen. Wild 
eröffnet daher den vierten Akt mit einer anderen feierlichen Be- 
grüßung: ,,Die siben weysen Maister gehn nach einander ein sampt 
dem jungen Keyser^), biedten dem Keyser alle nacheinander die 
Hend"; die stumme Feierlichkeit dieser Szene machte jedenfalls 
auf die Zuschauer den tiefsten Eindruck. Der Kaiser bestellt hier- 
auf die Weisen auf den nächsten Tag. Wie dann der Sohn immer 
schweigt, erbietet sich die Kaiserin, ihn zum Sprechen zu bringen, 
womit der Kaiser zufrieden ist. 

Die jetzt folgende Verführungsszene ist fast wörtlich nach der 
Vorlage des Volksbuches gearbeitet; nur mußte Wild natürlich 
den ganzen Ton für die Darstellung etwas mildern. Wenn es in der 
Erzählung heißt: ,,sie zeyget im jr hertz vnd brüst bloß / vnd 
sprach / mein hertz lieb / nimb mich war meines schönen leibs", 
sagt Wild dafür: 

„Schaw doch an meinen Leib so zart / 
Der allzeyt hat auff dich gewart". 

Diese ganze Szene, die uns heute für ein Schultheater nicht 
sehr passend erscheinen will, gehört in die Reihe der beliebten 
Dramen von Joseph und der Frau Potiphars. Wie durch das laster- 

1) Wild gebraucht die Namen des Volksbuches nicht; es heißt immer: 
,, Keyser", ,,Keyserin", „der jung Keyser". 



— 97 — 

hafte Leben und Lieben des „Verlorenen Sohnes' die Jugend auf 
den Pfad der Tugend gewiesen werden sohle, so sohte sie durch 
die Unkeuschheit der Buhlerinnen zur Keuschheit erzogen werden. 
Von einer Abhängigkeit Wilds von einem der zahlreichen Josephs- 
dramen ^) kann keine Rede sein, er folgte ruhig seiner Quelle. Die 
schriftliche Absage des Sohnes an die Stiefmutter gibt Wild in 
Prosa; ebensolche Briefe finden sich auch im ,,Beliar*, im ,,Titus" 
und im ,,Octavian". Aber die Fassung stimmt wörtlich mit keiner 
der mir vorliegenden Ausgaben; anscheinend hat Wild den Brief 
nicht einfach abgeschrieben, sondern nur die markantesten Aus- 
drücke übernommen; vgl. z. B. den ,, Baumgarten". 

Eine Ungeschicklichkeit Wilds ist es, daß der Kaiser auf das 
Schreien seiner Gemahlin auch gleich den — Henker mit- 
bringt. 

Wie im Volksbuch halten die Räte den Kaiser von einem 
vorschnellen Urteil zurück; er läßt den Sohn bis zum nächsten Tag 
gefangen setzen, um dann erst das Urteil zu fällen. Da die Kaiserin 
ein Umschlagen der Stimmung fürchtet, geht sie zu ihm, um ihn 
durch eine passend gewählte Erzählung noch mehr gegen den Sohn 
zu erbittern 2). 

Damit beginnt nun die einförmige Reihe der Erzählungen; 
Wild vermochte es trotz all seiner Bemühung nicht, einigermaßen 
Abwechslung in sein Stück zu bringen 3), er folgt auch in den No- 
vellen genau seiner Vorlage, nur hat er das lobenswerte Bestreben, 
soviel wie möglich zu kürzen; besonders die Erzählung von der 
Probe der Geduld des Ehemannes (Nr. VIII). Am besten gelang 
ihm die Kürzung in der Erzählung des Prinzen; hier läßt er die 



1) A. V. Weilen, der die bedeutendsten dieser Dramen (Greff, Crocus, 
Birck, Thiebold Gart, Frischlin) genau analysiert, erwähnt die weisen 
Meister nur ganz flüchtig (S. VII). — Ein ähnliches Motiv findet sich in 
dem vertriebenen Grafen von Montanus (Creizenach III, 351). — Beste 
Zusammenstellung der Josephsdramen in Rothschilds Ausgabe des,,Mystere 
du vieil testament". 

2) Warum es hier heißt „Die Keyserin geht mit jrer Jungkfraw im 
grünen kleyd ein", ist nicht einzusehen. 

2) Ein kleiner Versuch ist die Abänderung der Begrüßung eines 
Weisen durch den König ,, Nimmer werd dir wol" in ,,Nymmermehr soll 
wol werden dir" oder ,,Ewigklich seyest du verlorn" oder „Ey das dich 
der Todt verschlick". 

XLVIII. Brandl, S.Wild. 7 



— 98 - 

ganze eingeschaltete Erzählung von den beiden Freunden weg^), 
die im Volksbuch nur die Beziehungen der Novelle zu der Rahmen- 
erzählung unklar macht^). 

Die eingeschalteten Erzählungen sind im Volksbuch wie bei 
Wild 3): 

I. (Kaiserin.) „Von einem edlen Baum". 
II. (Pencylas.) Von der Schlange. 

III. (Kaiserin.) Vom Eber. 

IV. (Lentulus.) Wie ein Weib durch falsches Geschrei 

ihren Gatten in den Tod brachte. 

V. (Kaiserin.) ,,Vom Schatz im Turm"*). 
VI. (Cato.) Von der sprechenden Elster^). 

VII. (Kaiserin.) Vom verzauberten Kaiser. 
VIII. (Faltach.) Von der Probe der Geduld des Ehemannes. 
IX. (Kaiserin.) Vom goldgierigen Octavian^). 
X. (Joseph.) Von Hippocras und Galienus. 
XI. (Kaiserin.) Vom unreinen Kaiser und seinem Mar- 
schalk. 
XII. (Cleophus.) ,,Von dem wiederkehrenden Toten". 
XIII. (Kaiserin.) „Von der Königin im Turm"'^). 

^) Diese Erzählung tritt auch selbständig auf: Goedekes Ausgabe 
von P. Gengenbach S. XXIV. 

2) Mit Recht sagt Botermans: „Een goede gedachte van hem lan 't 
zijn gewest, de nov. ,Amici' te laten vervallen". 

3) Die in Anführungszeichen gesetzten Titel sind aus der populären 
Ausgabe von Benz übernommen. 

*) Darnach schrieb H. Sachs am 14. Januar 1532 „im pluenden 
Frawenlob", „Der schetztueren". 

^) Eine ähnliche, aber harmlosere Geschichte — die Elster plaudert 
aus, daß die Frau in Abwesenheit ihres Mannes einen Aal gegessen habe — 
findet sich in dem 155Ü erschienenen ,,Schertz mit der Warheyt" f XXI 11; 
genaues Zitat auf S. 79. 

^) Hier läßt Wild die Erzählungen über Vergil weg. (Für dieses 
Motiv vgl. ,,Vergilio nel mcdio evo" von Comparetti, Livorno 1872; S. II, 
78. Deutsche Übersetzung S. 259.) Ferner hat Wild den in den Volks- 
büchern fehlenden Zug, daß dem Kaiser geschmolzenes Gold eingegossen 
wird, anscheinend selbständig hinzugefügt. Erst dadurch bekommt die 
Geschichte ihren richtigen Abschluß. 

') Dramatisiert von Platen unter dem Titel „Der Turm mit den 
sieben Pforten" 1825. Dramatisch kann der Stoff infolge seiner Unwahr- 
scheinlichkeit niemals gut wirken. 



— 99 — 

XIV. (Joachim.) Vom toten Gatten, den seine Frau um 

eines anderen Willen schändete. 
XV. (Diocletian.) Zwei Erzählungen: 

Von der erfüllten Weissagung. 
Von den zwei Freunden. 

Gegen Ende des elften Aktes sind diese Novellen glücklich 
alle erzählt, natürlich bis auf die letzte. Die Kaiserin geht mit der 
,, grünen Jungkfrawen" ein; beide sind voll Sorge, weil der Kaiser 
seinen Sohn freigelassen hat, sie fürchten jetzt die Entdeckung und 
die Bestrafung für ihren Frevel. 

Der zwölfte Akt wird mit einem feierlichen Aufzug eröffnet: 
„Die siben weysen Maister gehen je zwen vnd zwen neben einander 
ein / des Keysers Son hernach / naygen sich vor dem Keyser". 
Der Prinz spricht jetzt endlich und bittet, auch die Kaiserin her- 
beizurufen, die alsbald in Begleitung ihrer grünen Jungfrau kommt. 

Hier sah sich Wild wieder gezwungen, ein sehr wirkungsvolles 
Motiv des Volksbuches auszulassen: Das Volk strömt in hellen 
Scharen in den Palast, um den geliebten Prinzen wieder reden zu 
hören, ist aber dort so unruhig und laut, daß man kaum sein eigenes 
Wort verstehen kann. Um diese Leute loszuwerden, läßt der 
Kaiser Geld auf die Straße werfen, aber ihr Verlangen, den Prinzen 
sprechen zu hören, ist so groß, daß sie trotzdem im Saal bleiben. 
Erst als der Kaiser droht, jeden, der spräche, enthaupten zu lassen, 
wird es still. 

Eine solch bewegte Volksszene konnte Wild auf seiner Bühne 
nicht darstellen, er versuchte die Aufregung des Volkes dadurch 
anzudeuten, daß er den Kaiser vor dem Einzug fragen läßt: 
,,Heroldt gang vnd schaw wer ist dauß / 
Ich hör ein getühmel im Hauß". 

Sonst aber konnte er ganz seiner Quelle folgen; nur führt er 
zum Schluß wieder einen Narren ein, für den er trotz seiner Witz- 
losigkeit eine große Vorliebe hat^). Diocletian fordert seinen Vater 
auf, die Kammerfrau der Kaiserin zu entkleiden; dieser geniert 
sich, da meldet sich der Narr: 

,,Ey Herr ich will sie selbst auffstricken". 
Und als er und der Henker sie entkleiden, fragt er voll Freude über 
die Entdeckung des Betruges: 

1) Vgl. die Abhandlung von C. Reulig. 



— 100 — 

,,Ey Jungkfraw jtingkfraw wz wechst euch 
Herfür jr sehet mir schier gleich". 

Jetzt erzählt der Sohn den Zusammenhang der Ereignisse. 
Die Anknüpfung seiner Erzählung, die den Vater von seiner guten 
Gesinnung überzeugen und die Eindrücke der Novellen der Kaiserin 
verwischen soll, ist ganz äußerlich: 

„Herr Vater secht dz euch gschech gleich 
Wie auch ein mal ein Ritter gschach". 

Hernach verurteilt der Kaiser, im Einverständnis mit dem Kanz- 
ler und dem Hofmeister, die Kaiserin und ihren Buhlen zum Tode. 

Merkwürdig ist der Beschluß des Herolds, der das ganze Drama 
als Allegorie deutet. Radlkofer weist dafür auf die ,,Gesta Ro- 
manorum" i) hin. Allerdings haben diese bei den verschiedenen 
Geschichten allegorische Auslegungen: ,,Die geschieht mugt ir wol 
gaystlichen versten"; allerdings wird in ihnen auch ein Teil der 
Weisen Meister erzählt^), aber gerade der Schluß der Geschichte 
mit der dazugehörigen Auslegung fehlt. 

Es gibt aber eine ganze Reihe Drucke der Sieben Weisen Meister, 
die uns anweisen, die Erzählungen ,,Gaistlich zu verston"^), 

Keller führt eine Folioausgabe an, die sich in Stuttgart be- 
findet*): 

,,Hie nach volget ein gar schön Cronick vnd histori / Auß 
den /geschichten der Römern / In welcher histori vnd Cronick man / 
vindet gar vil schöner vnd nuezlicher exempel die gar lustii / ch 
vnd kurczweilig zuhören seint". 

Den gleichen Titel und die gleiche Anordnung zeigt eine 
Quartausgabe ,, Gedruckt zu Cöln bey Sanct Lupus". Am Titel- 
blatt befindet sich ein großer Holzschnitt, den Kaiser mit seinem 
Sohn vor den Meistern darstellend^). 

^) Diese wurden im 16. Jahrhundert außerordentlich oft gedruckt. 
Neuere Ausgaben: a) Lateinisch. Herausgegeben von üesterley, Berlin 
1872. b) Deutsch. Herausgegeben von A. v. Keller, Quedlinburg 1841. 

-) Nämlich die Einleitung und folgende Erzählungen: Nr. II. I. 
III. IV. (nur teilweise V. VI. VIII. IX. XI (nur teilweise). VII. 

^) Vgl. Murko. Ich führe bloß die Ausgaben an, welche mir zugäng- 
lich waren. 

") Incun. 791. 

6) Bei Murko Nr. 1 (S. 15). Hofbibliothek in Wien. 22. 138. - 
B. St B. München Cron. 



I 



— 101 — 

Denselben Titel und denselben Holzschnitt hat ein Druck — 
ohne Ort und Jahr — , den die Münchener Universitätsbibliothek 
aufbewahrt^); nur ist die Anordnung eine andere: die allgemeine 
Auslegung steht nicht, wie bei den vorhergehenden Ausgaben, am 
Schlüsse des ganzen Buches, sondern folgt gleich nach dem ersten 
Kapitel, das bis zum Tode der ersten Frau des Kaisers reicht; die 
Deutungen der verschiedenen Erzählungen stehen jeweils hinter 
diesen selbst. Der Wortlaut ist derselbe wie bei den anderen Aus- 
gaben; verzeichnet habe ich diese Ausgabe nirgends gefunden. 

Die K. Bibliothek in Berlin^) besitzt eine 1512 durch ,,Mathis 
hüpfuff" in Straßburg gedruckte Ausgabe mit demselben Titel. 
Das Titelblatt zeigt drei christliche ,, Poeten", welchen drei ,, Heid- 
nisch Philosophen" gegenüberstehen. Der eine der Poeten weist 
zum Himmel, wo unter einer Wolke Sonnenstrahlen hervorbrechen. 
Die Holzschnitte sind minderwertig, zeigen aber große Ähnlichkeit 
mit denen der Straßburger (1549), der Kölner und der Ausgabe, 
welche die Münchener Universitätsbibliothek besitzt. 

In all diesen Ausgaben ist — bis auf kleine dialektische Ver- 
änderungen — der Text gleich, ebenso auch die allegorischen Deu- 
tungen, die aus jeder der Geschichten — sei sie noch so weltlich — 
einen geistlichen Sinn herausklügeln^). 

So bedeutet die Erzählung von den weisen Meistern — ich 
führe diese Auslegung wörtlich an, weil sie ein typisches Beispiel 
für diese lehrhafte Literatur ist: 

,,Bey dem keyser Pontiano ist vns geben zuuerstahn / eyn 
jeglicher Christ / der ein einygen sun hatt (das ist) die sele / die sol 
er geben zu leren den sieben Weisen (das ist) den sieben wercken der 



1) D. D. 6. 4". Auf dem Titel der handschriftliche Vermerk: ,,Coeno- 
bium Altomünst. 1571". 

2) Yt. 4948. 

3) „Für unsere Zeiten sind sie nicht geschrieben. Man würde es Un- 
sinn nennen ,die ungesittetsten und sündlichsten Märchen vermöge mythi- 
scher Auslegung auf Gott zu deuten. Für damalige Zeiten waren sie aber 
doch gewissermaßen auferbaulich, weil sie der sinnlich herabgewürdigten 
Denkungsart des gemeinen Mannes angemessen waren", schreibt voll 
Stolz über seine eigene aufgeklärte Zeit 1785 C. Th. Gemeiner in seinen 
„Nachrichten von den in der Regensburgischen Stadtbibliothek befind- 
lichen ... Büchern ..." (Regensburg 1785.) 



— 102 — 

barmhertzigkeit / die sollen ihn leren / wie er zu Gott kommen mag / 
Die machten eyn kammer für Rom (das ist) für Üppigkeit dieser 
weit / vnd maleten ihm die sieben künste darein / das seindt die 
züchtiglichen fügend / Messychkeit / Gerechtigkeit / Weyßheit / 
Stercke / Glaub / Hoffnung / vnnd rechte liebe zu Gott / Das ge- 
mehels soltu frühe vnnd spate ansehen / wie du durch die tugent 
eingehest zu Gott. Die Stiefmutter begert das der knabe heim keme 
(das ist) das der Leib begert dz sych die sele durchs leybes luste 
vermöse. leyder wie so maniger mensche / durch vngeordente 
liebe dem leybe genug ist / Die botten seind die bösen gedancken / 
senden sye der seien / Thu als die syeben weysen / beschauwe das 
gestirne (das ist) die Götliche gerechtigkeit. Ist nun / das du gehest 
zu den wercken des leybs (das ist) zu lust des leibs / In dem ersten 
wort so mustu sterben (das ist) in der ersten todtsunden so du 
thust / Ist aber das du das nicht thust / sterben die sieben meyster 
(das ist) streitestu nicht wider den leyb / so verlurestu die fugend. 
Do von so ist noth das der knabe selber sehe in das gestirne / in die 
lauterkeit der gewissen der heyligenn geschrifft / An dem kleynen 
Stern sehet er die groß barmhertzigkeit Gots / ist es das er sych 
hütet vor aller müssyger vnd sundlicher rede syeben tage (Das ist) 
in allem deinem lebenn / so behaltestu dich / vnnd doch mit grosser 
arbeit / wan durch viel leidens mussent wir zu Gott kommen / Die 
Stiefmutter wolt den knaben zu den sunden bracht haben / der 
knabe widerstunt / Also thut der leyb wider die sele so er vast strei- 
tet / wann do mitwirstu behalten / Der knabe wart von der Stief- 
mutter verklaget / vnd alle tag wart er an den galgen gefürt / Er 
wart aber behalten von seinen syeben meystern / als eyn jeglicher 
mensch wirt durch die weit gerichtet der sich zu Gott keren wii / 
Wan wissest wer Gott wo! wil dienen der muß sich vor an verwegen 
das er der weit zu spot werdt / In dieser widerwerdigkeit so biß 
veste / so behaltestu dich vor dem ewigen todt. Der knabe redet 
an dem achtesten tage / vnd behielt ihm vn seinen meistern das 
leben / das wirt vnd ist nach dieser zeit so die bloß Wahrheit ist / 
vnd wirt clarificiert vnd becleidet ohn alles leyden ymmer mehr / 
Dye Keyserine ist / alle leibliche zufeile werdent vernichtet in dem 
feuwre ewiger verdamnis". 

Alle diese Deutungen bringt auch Wild; nur sind die sieben 
Meister für ihn nicht die sieben Werke der Barmherzigkeit, sondern 



— 103 — 

„Das den heyligen Gaist bedeüt / 
Die sechs werck der Barmhertzigkeit /" 
Diese Änderung, die sich in keinem Drucke findet, hat ihren Grund 
wohl darin, daß Wild sonst keinen passenden Vers fand. 

Welchen Druck Wild gerade nun benutzte, läßt sich nicht 
feststellen; es ist dies auch bei der Übereinstimmung der verschie- 
denen Ausgaben eine sehr unwichtige Frage^). 

Wild nun fügt dieser Auslegung gar nichts mehr hinzu. Nach 
der Drohung für die, ,, Welche aber dem Fleisch nachleben", 
fährt er kurz fort: 

,,Das lasse dir sein ein fürbildt / 
Wünscht vnd spricht Sebastian Wild". 



Nicht viel glücklicher war die Wahl, die Wild dann unter den 
Volksbüchern traf. Der ,,Kaiser Octavian" ist allerdings eines 
der schönsten und frischesten, voll von kühnen Aventiuren und 
rührenden Liebesgeschichten; aber für ein Drama eignet er sich 
keinesfalls. 

Außer Wild versuchte sich auch Hans Sachs an dieser Er- 
zählung: ,,Ein comedi mit zwey-und-zweyntzig personen, die ver- 
trieben keyserin mit den zweyen verlornen Söhnen, und hat sechs 
actus"2). Aber berühmt wurde der Stoff erst durch Tiecks Drama- 
tisierung^), von der Rudolph Haym mit vollem Recht sagt^): ,,Er 
hat die Summe der romantischen Kunst- und Lebensansichten in 
einem poetischen Werke veranschaulicht, welches man einen orbis 
pictus, ein Bilderbuch der Romantik nennen möchte". 

Wir dürfen natürlich nicht an diesem trotz aller Schwächen 



^) Goedeke nimmt an, Wild iiabe als Vorlage das niederländische 
Volksbuch benützt. (Benfeys Orient und Occident III, 400.) Wer Wild 
nur einigermaßen kennt, wird diese Hypothese schon aus inneren Gründen 
ablehnen, was übrigens auch schon Botermans tat. 

2) Werke VIII, 161. — ,,Ein comedi mit vierzehen personen, die un- 
schuldig keyserin von Rom, und hat fünf! actus" (Werke VIII, 131) hat 
mit unserem Stoffe nichts zu tun. Merkwürdigerweise ist Sachsens Octa- 
vian-Drama nirgends näher untersucht worden, trotz Goetzes Hinweis 
(Sachs XXV, 490); selbst Creizenach scheint es nicht näher zu kennen; 
wenigstens betont er nicht den Zusammenhang mit dem Volksbuch. 

3) Begonnen 1801 und 1804 gedruckt. 
*) „Romantische Schule" S. 855. 



— 104 — 

bedeutenden Werke die Dichter des 16, Jahrhunderts messen. 
Aber die Bearbeitung Tiecks kann uns zeigen, wie weit dieser Stoff 
für ein Drama geeignet ist, und — das kann sie noch mehr — wie 
weit nicht. 

„Ein schöne vnd kurtzweilige History vom Keyser Octavia- 
nus / sei- / nem Weib / vnnd zweyen Sünen / wie die in das eilend / 
verschickt / vnd wunderbarlich in Franckreych / bey dem from- 
men Künig Dagoberto / widerumb zusamenkomen sind. / Neüw- 
lich auß Frantzösischer sprach in Teütsch verdolmetschet", heißt 
der Titel des Volksbuches in der bei Augustin Frieß in ,,Zurych" 
gedruckten Ausgabe i). Der Übersetzer entschuldigt sich in der 
Vorrede, daß er seine Zeit nicht auf die heilige Schrift verwendet 
habe, aber schon Plinius, Cicero und Terentius hätten gesagt, man 
könne aus den alten Geschichten Weisheit und Gottesfurcht er- 
lernen 2). 

„Darumb hab ich Wilhelm Saltzman etc. mich geflissen dise 
History an den tag zebringen / wiewol die vor langen zeyten von 
den Geleerten ist zu Latin geschriben / darnach über lang in Fran- 
tzösische zungen bracht. Nun auff das wir Teütschen deß nit be- 
raubt werind / so hab ich gemelter Wilhelm Saltzman / mich von 
vil guter freund bitt wegen / gehorsam vnd gutwillig erzeigen 
wollen: Auch so hoff ich / das sy manchem kurtzweyl bring darinn 
zu lesen". 

Dieser Wunsch wurde erfüllt; erreichte der ,,Octavian" auch 
nicht die Verbreitung wie das Buch der sieben weisen Meister, von 
dem Görres mit Recht sagen konnte, „daß es in Rücksicht auf 
Celebrität und die Größe seines Wirkungskreises die heiligen Bücher 
erreicht, und alle klassischen übertrifft" 2), so wurde es doch sehr 
fleißig gelesen, wie die verschiedenen Meßkataloge beweisen; dar- 
über braucht man sich nicht zu wundern: die spannende Erzäh- 
lung wechselt äußerst glücklich zwischen Heldentaten und Liebes- 



1) O. J. StB. München P. 0. gall. 75. - Vgl. Weller Annalen II, 311. 

2) Diese offenbare Einwirkung des Humanismus beweist, ebenso 
wie die schon von Görres (S. 136) hervorgehobene Erwähnung eines Ge- 
schützes, daß dieses Volksbuch erst spät abgefaßt wurde. Nach Goedeke 
fällt der erste Druck ins Jahr 1535. 

3) S. 155. 



— 105 — 

abenteuern, zwischen ernsten und komischen Situationen, und am 
Schlüsse wird alles zum Guten gewendet. 

Die gute fromme Kaiserin bekommt nach langer kinderloser 
Ehe Zwillinge; dies benützt ihre böse Schwiegermutter, ihren Sohn, 
den Kaiser, gegen sie aufzuhetzen und sie der ehelichen Untreue an- 
zuklagen. Der Kaiser aber glaubt an ihre Unschuld. Darum be- 
stimmt die alte Kaiserin einen jungen Diener, sich nachts neben 
die Kaiserin ins Bett zu legen, und führt dann den Kaiser ins Zim- 
mer. Im ersten Zorn erschlägt er den vermeintlichen Ehebrecher 
und verurteilt seine Gemahlin zum Tode. Auf dringende Vor- 
stellungen seiner Räte verbannt er sie nur und läßt sie von einem 
treuen Ritter in den nächsten Wald bringen i). Hier schläft sie er- 
müdet mit den Kindern ein; da raubt ein Affe ihr das eine und flieht 
mit ihm in das Dunkel des Waldes. ,, Daselbst" — so fährt das 
Volksbuch in seiner naiven Erzählung fort — ,,satzt sich der Äff 
nider / vnd wolt das kindlin nackend sehen. Vnnd legt es sanfftlich 
auff die erden / vnnd entband es auß den tüchlin / das es nackend 
vor jm lag / vnd saß also vor dem kind zu schmollen / vnnd bleckt 
die zän gleych wie ein muter gegen jrem kind thut / darmit meint 
der Äff das kind solt gegen jm auch lachen". Aber es schreit laut 
und führt so einen Ritter auf seine Spur, der es nach langem 
schweren Kampf dem Affen wieder abnimmt; auch er behält 
es nicht lange, Räuber entreißen es ihm, um es zu verkaufen. Nach 
langem Feilschen finden sie glücklich einen Käufer, den alten 
Pilger Klemens, der eben aus Jerusalem heimkehrt. 

Inzwischen raubte eine Löwin der schlafenden Kaiserin das 
zweite Kind; ein großer Greif aber ergriff sie und schleppte sie auf 
eine einsame Insel; dort überwindet sie den Greifen und richtet 
sich in einer Grube ein Lager, wo sie das Kind pflegt und selbst 
ernährt-). 

In ihrem Schmerz will die Kaiserin in das heilige Land fahren. 
Das Schiff landet wegen widriger Winde auf der gleichen Insel. 
Im Vertrauen auf Gottes Hilfe nimmt die Kaiserin der Löwin das 
Kind wieder ab; diese läßt es sich ruhig gefallen und folgt dem 
Kinde auf das Schiff. In Jerusalem wird der Knabe deshalb 



1) Parallele zur Genoveva-Legende! 

2) Vgl. zahlreiche ähnliche Sagen. 



— 106 — 

„Lyon" getauft und mit seiner Mutter bei einem Edelmann herz- 
lich aufgenommen. 

Das andere Kind hat Klemens mit nach Hause, nach Paris, 
genommen und nennt es ,,Florentz". Er wächst heran, hat aber 
zum großen Schmerze seiner Eltern keinen Sinn für einen prakti- 
schen Beruf, sondern nur für das Ritterhandwerk. 

Zur selben Zeit zieht der Sultan zum Kampf aus mit dem 
frommen König von Frankreich, Dagobert. 

Trotzdem ihm der Kaiser von Deutschland, Kaiser Octavian 
von Rom, der König von England und noch verschiedene andere 
Fürsten zu Hilfe eilen, wird Paris hart bedrängt. Vor allen richtet 
der König der Riesen viel Schaden an, der zuletzt wie Goliath die 
Feinde höhnisch zum Zweikampf auffordert, um der von ihm ver- 
ehrten Tochter des Sultans zu gefallen. Diese, Marcibilla mit 
Namen 1), ist mit ihrem Vater ins Feld gezogen. Den ersten Ritter, 
der sich ihm entgegenstellt, besiegt der Riese leicht und trägt ihn 
auf den Armen zur Marcibilla. In der allgemeinen Mutlosigkeit 
tritt Florenz auf, rüstet sich unter allerhand komischen Zwischen- 
fällen mit den verrosteten Waffen seines Vaters und besiegt nach 
heißem Kampfe den Riesen. Aber damit nicht genug! Er reitet 
ins feindliche Lager, um Marcibilla zu rauben, muß aber unver- 
richteter Sache der Übermacht weichen. Dann erfüllt ihm der 
König seinen sehnlichsten Wunsch und schlägt ihn zum Ritter, 
wobei Klemens durch seine Einfalt wieder Stoff zum Lachen gibt. 
Noch einige male gelingt es dem kühnen Ritter, zu Marcibilla zu 
kommen; sie erwidert seine Liebe, und beide besprechen den gün- 
stigsten Zeitpunkt für eine Entführung. 

Durch die Prinzessin hat Florenz von dem windschnellen 
Pferde des Sultans gehört, das diesen aus allen gefährlichen Situ- 
ationen rettet. Der alte Klemens verkleidet sich wie ein Heide und 
raubt durch eine kühne List das Pferd ,,Pondifex". Zu diesem 
Unglück kommen für den Sultan noch neue Niederlagen und die 
Entführung der Marcibilla. Er muß fliehen, aber es gelingt ihm 



^) In der Erzählung Nr. 49 aus Schumanns ,, Nachtbüchlein": 
,,Ein historia von einem jungen rytter vnd eines königs tochter, zwey lieb- 
habenden" sind nur die Namen Florius und Marcebille verwendet, nicht 
aber die ganze Episode aus dem „Octavian", wie Bobertag meint (AfLG. 
VI, MO). 



— 107 — 

noch, Florenz und Octavian gefangen zu nehmen, die er in die 
Heimat mitnehmen will. 

Endlich hören wir auch wieder etwas von Lyon: er war in den 
Dienst des Königs von ,,Acriss" getreten und hatte ebenso wie 
sein Bruder große Siege errungen. Als er seinem Herren die Ge- 
schichte seiner Mutter erzählt, läßt ihn dieser nach Rom ziehen. 
In Italien gelingt es ihm, Octavian und Florenz zu befreien. Es 
folgt eine rührende Erkennungs- und Versöhnungsszene: Octavian 
schließt aufs neue den Ehebund mit seiner Gemahlin, Florenz darf 
Marcibilla heiraten, Lyon vermählt sich mit einer spanischen Prin- 
zessin ; endlich wird noch Florenz zum König von England gewählt, 
so schließt alles in Freude und Wohlgefallen. 

Der Bühnenbearbeitung stellt dieser Roman die größten 
Schwierigkeiten entgegen, und hier sondern sich die drei Bühnen- 
bearbeitungen streng von einander ab. Wild dramatisiert, wohl 
aus Ungeschicklichkeit, Szene für Szene. Auch Tieck folgt diesem 
Prinzip, allerdings mit vollem künstlerischen Bewußtsein; er 
wollte die alte Geschichte so wenig als möglich verändern, sie nur 
in der ihm vorgezeichneten Richtung vertiefen. Sachs aber macht 
daraus ein kurzes, sechsaktiges Drama; so merkt man bei ihm 
nichts von der Schönheit und dem Reichtum der Vorlage; es ist 
ein vollständig trockenes und nüchternes Stück daraus geworden. 

Charakteristisch ist ein Zug: 

Tieck stellt den alten Klemens mit großer Liebe und Sorgfalt 
vor uns hin, er ist ihm fast die Hauptperson geworden; der Bauer 
Hornvilla, der die verschiedensten kleinen Rollen im Drama über- 
nehmen muß, sagt: 

,,lhr seid so ehrnfest ganz und gar 
Und doch dabei ein halber Narr". 

Um ihn recht zu charakterisieren, schildert Tieck die komi- 
schen Szenen bei der Rüstung und bei dem Ritterschlag des Florenz 
besonders ausführlich. 

Bei Wild sind diese Szenen auch ganz lustig zu lesen; aber es 
fehlt ihm doch jeder Humor; das ist ja das merkwürdige Charak- 
teristikum fast sämtlicher Theaterdichter des 16. Jahrhunderts, 
das man sonst mit Recht als die „Blütezeit des volkstümlichen 
deutschen Humors" bezeichnen kann^). 

1) Bobertag im AfLG VI, 129 ff. 



— 108 — 

Sachs endlich läßt alle Szenen aus, die den nüchternen Ver- 
lauf seines Dramas hemmen könnten. Bei ihm sinkt Klemens zu 
einer bedeutungslosen Nebenfigur herab. Allerdings haben diese 
energischen Streichungen auch ihr Gutes: die langen epischen 
Partien sind vollständig verschwunden. 

Tieck verfiel, um diese darstellen zu können, auf den Ausweg, 
den er schon in der ,,Genoveva" eingeschlagen hatte: wie dort der 
heilige Bonifazius die Handlung durch erläuternde Worte verbindet 
und alles das erzählt, was auf der Bühne nicht darstellbar ist, so 
ist dies im ,,Octavian" Aufgabe der ,,Romanze"i): 
„Mir vergönnt, daß ich zuweilen, 
Diene als erzähinder Chor, 
Vieles Wunder trägt sich besser 
In Gesang und Dichtung vor". 

Dieser Kunstgriff muß vor allem dazu dienen, die Entführung 
der Kinder und die Szene zwischen der Kaiserin und der Löwin zu 
schildern. 

Solche Künstlichkeiten lagen Wild natürlich fern; er dra- 
matisiert so lange Szene für Szene herunter, bis er auf technisch 
zu große Hindernisse stößt. 

Im ersten Akt führt er uns die Verleumdung der alten Kai- 
serin vor Augen, ferner den vermeintlichen Ehebruch, das Gericht 
über die Kaiserin und ihre Verbannung. 

Im zweiten Akt befindet sich die Kaiserin schon im finsteren 
Wald. Sie beklagt in langen Versen ihr Unglück und betet zu Gott, 
endlich legt sie sich mit ihren Kindern am Brunnen zum Schlafen 
nieder. Dann schreibt die Regiebemerkung vor: 

,,Die Kinder werden jhr beyde hinweg genomen weyl sie 
schlafft". 

Wer ihr die Kinder nahm, und auf welche Weise, läßt sich 
nach dieser dürftigen Vorschrift nicht feststellen. 

Bei ihrem Erwachen ist die Kaiserin untröstlich, sie eilt tiefer 
in den Wald, um ihre Kinder zu suchen. 

Wild läßt jetzt den Kampf des Ritters mit dem Affen und 
den Kampf der Mörder mit dem Ritter aus; es tritt gleich Klemens 
„in Bilgers weyß" auf, der nach langem Feilschen das Kind von 

^) An einer Stelle muß diese Aufgabe auch einmal der „Schlaf" 
übernehmen. 



— 109 — 

den Mördern um 30 Kronen kauft, wofür er obendrein noch ver- 
spottet wird. 

Dann kommt er gleich zu Hause in Paris an; von seiner Reise 
und davon, daß er einen Esel kauft und eine Amme für das Kind 
dingt, sodaß er einherzieht wie die heilige Familie nach Ägypten, 
erzählt uns Wild nichts. Seine Frau nimmt den Jungen freundlich 
auf, und er wird Florenz getauft. 

Zu Beginn des dritten Aktes begegnet die Kaiserin auf der 
Suche nach ihren Kindern einem ,, Schiffsmann" und zwei Pilgern. 
Diese erzählen, daß sie bei einer Löwin ein Kind gefunden hätten; 
sie hätten es ihr aber nicht nehmen können, ,,Die weil sie also 
wüden was". Die Kaiserin eilt trotz aller Abmahnungen dahin. 

Unmittelbar darauf betritt die Kaiserin mit dem Kinde wieder 
die Bühne: 

,,Gott im Himmel sey lob vorab / 
Ich hab erraicht das heylig Grab". 

Trotzdem wir nichts von der Löwin und ihrer Anhänglichkeit 
gehört haben, heißt das Kind mit einem Mal ,,Lyon". Mit dieser 
Verkürzung verschwindet der ganze poetische und märchenhafte 
Gehalt des Volksbuches; damit verliert es auch den größten Teil 
seines Reizes. 

Inzwischen sind Florenz und Claudius (der Sohn des Klemens) 
herangewachsen, so daß sie ein Handwerk ergreifen müssen; da- 
mit beginnt der vierte Akt. Wie im Volksbuch beschließen die 
Eltern, Claudius zu einem Wechsler in die Lehre zu schicken 
„Und Florentzen zu einm Metzger / 

So er ist starck vnd kräfftiger / 
Als Claudius". 

Ganz geschickt hat Wild die nächste Szene gewendet: der 
alte Klemens hofft, daß Florenz in seinem Beruf vorwärtskomme, 
und malt sich aus, wie er die Ochsen schon geschlachtet und ver- 
kauft habe. ,,Botz lung dort kompt er schon gelauffen", noch dazu 
mit einem Vogel auf der Hand „Gleich sam er sey ein Edelmann." 
Er erzählt dem wütenden Vater seine schlechten Erfahrungen im 
Schlachthause und die Güte des Edelmannes, der ihm für sein 
Paar Ochsen den herrlichen Vogel überlassen habe; sehr nett ist 
die Freude des jungen Menschen über seinen Vogel geschildert, 
die das Schelten des alten Klemens nicht beirrt. Der brave Clau- 



— 110 — 

dius kommt dann mit der erfreulichen Botschaft, daß er sich 
schon „vier gülden erloffen" habe. Daraufhin wird Florenz sei- 
nem praktischeren Bruder anvertraut, dem er sogleich einen 
Sack Geld an seinen Stand bringen soll. 

Wieder sitzen Klemens und sein Weib wartend beisammen. 
Sie hoffen, Florenz werde doch noch gut tun; „Dan man spricht 
witz kompt nit vor jaren." 

Wild läßt dagegen die Frau erwidern: 

„Ist wol eim eitern widerfaren / 
Der ein Rossz gebe vmb ein pfeyffen /" 

Ob sie damit auf einen bekannten Schwank anspielt, vermag 
ich nicht zu sagen, möchte es aber annehmen. 

Gleich darauf kommt Florenz hoch zu Roß einhergeritten. 
Klemens weiß sich vor Wut kaum zu fassen: 

,,Das wer die drußbeul vnd hertzritten / 
So hat er vns gewiß vnd eben / 
Das Gelt als vmb dz Pferd aussgeben." 

Die Erzählung des Florenz von seinem günstigen Kaufe lehnt 
sich eng an das Volksbuch an, ebenso die Schilderung der Wut 
des guten Klemens, der den ungeratenen Sohn halb tot prügelt, 
wovon ihn seine Frau nur mit größter Mühe abhalten kann. Neu 
hinzugedichtet ist nur eine kleine Stelle, die das Verhältnis der 
beiden Brüder zueinander gut charakterisiert: wie Claudius kommt, 
meint Klemens: 

„Lass sehen wie jms gfallen werdt" (nämlich das Pferd). 
Aber Florenz erwidert geringschätzig: 

,,Er soll vil kennen an ein Pferdt / 
Ja wanns ein rodt Gold Cronen wer / 

So wer er da geb ein Wechßler / 
Pferdt kauffen wirdt jm nit gebüren / 
Er dörffts mit keim finger anrühren." 

Mit der nächsten Szene beginnt ein ganz neuer Abschnitt 
der Geschichte: der Sultan schickt einen Boten an den König von 
Frankreich mit einem Brief, in dem er ihn auffordert, vom christ- 
lichen Glauben abzulassen, sonst werde er ihn mit seiner unge- 
heueren Truppenmacht vertilgen. Wild läßt sich auch hier die 



— 111 — 

Gelegenheit nicht entgehen, einen schönen, feierlichen Brief zu 
schreiben^). Unterzeichneter ist: 

„Datum Damptmartin / geben den 21. May. Wir Soldan 
zu Babel / König vnd Herr des gantzen vmbkreiß der, Erden / 
Cito / cito / cito / Franckreich." 

In der nächsten Szene kommt der Bote zu König Dagobert, 
dem schon Kaiser Octavian aus Rom, der deutsche und der eng- 
lische König und andere Fürsten zu Hilfe gekommen sind. Kaum 
ist dieser Bote verabschiedet, so kommt sogleich ein anderer, ein 
„hofferter vngestalter" von der Marcibilla, die um Verschonung 
ihres Lagers bei Martroburch (Montmartre) bittet, zugleich aber 
zum Kampf mit ihrem Verehrer, dem König der Riesen, auffordern 
läßt. Ein junger Ritter meldet sich sofort zum Kampf. Im nächsten 
Auftritt wiederholt der König, dessen Ähnlichkeit mit Goliath 
sehr groß ist, die Herausforderung: 

,,Hiestreyt hie streyt von wegen gar/ 

Meiner Liebhaberin fürwar / 
Wer lustig ist kom auff die bahn / 
Ich will sein gar nit fehlen than." 

Und wirklich geht es dem Ritter auch schlecht genug: wäh- 
rend sich das Volksbuch damit begnügt, daß der Riese den be- 
siegten Ritter auf den Armen ins feindliche Lager trägt, nimmt 
er bei Wild auch noch das Pferd dazu in die Arme. 

Er schenkt ihn dann der Marcibilla, verläßt sie aber schnell 
wieder, da er noch mehr ,,Wildpret fahen" will. 

Der alte Klemens erzählt in der nächsten Szene voll Grausen, 
daß der RiesenkCnig den jungen Ritter gefressen habe. Aber 
Florenz weiß, daß er ihn seiner Liebsten geschenkt hat; dieses 
Geschick erscheint ihm nicht so unangenehm, 
,,Dann mit Jungfrawen so ist gut/ 
Detingen sie hand kurtzen mut / 
Vnd lange Kleyder lauts Sprichwort." 

Trotz der Bitten seiner Eltern rüstet er sich zum Kampf, 
und da können ihn die alten rostigen Waffen seines Vaters auch 
nicht von seinem Plane abbringen. Der Speer diente den Hühnern 



1) Vgl. dazu vor allem den ,,Be!iar', dann die „Weisen Meister" und 
den „Nabot". 



— 112 — 

als Sitzgelegenheit, im Helm hausten die Mäuse, und das Schwert 
ist so in die Scheide eingerostet, daß Klemens und Florenz zu 
Boden fallen, als es ihnen gelingt, an den beiden Enden reißend, 
das Schwert aus der Scheide zu ziehen. Ohne Rücksicht auf den 
berechtigten Spott reitet Florenz auf den Kampfplatz hinaus. 

Der vierte Akt zeigt uns auf der Bühne den Kampf mit dem 
Riesen. Tieck sah wohl ein, daß es besser sei, den Kampf nur zu 
schildern. Statt aber einen trockenen Botenbericht zu geben, 
führt er uns die ganze Menge der Zuschauer in einer vorzüglichen 
Teichoskopie vor, welche durch die Begeisterung des alten Kle- 
mens — vor Aufregung fällt er fast von der Stadtmauer auf den 
Kampfplatz hinunter — einen Höhepunkt der komischen Episoden 
der Dichtung bildet. Hier hat ihm Sachs vorgearbeitet. Zwar 
stellt er auch den Kampf auf der Bühne dar, aber Klemens will 
ihm von der Mauer aus zusehen; deshalb tritt er ,,auff ein ort''^) 
und feuert von da seinen Sohn zur Tapferkeit an. Diese Szene 
kann man als wenig gelungen bezeichnen. Wild dagegen führt 
alle Phasen des Kampfes vor, die das Volksbuch erzählt. Als der 
Riese schon fast besiegt ist, droht er noch, er werde Florenz auf- 
fressen, was dieser mit den schönen Versen beantwortet: 
„0 du Drach vnd hellscher Teüffel / 
Du frist mich nit ohn allen zweyffel." 

Nach der Besiegung des Riesen übergibt er seinem Vater das 
abgeschlagene Haupt des Feindes, damit dieser es dem König 
bringe, er selbst reitet in das feindliche Lager, eilt zu Marcibilla, 
„Vmbfecht sie / vnd thut sam wöU ers wegfüren". Daran wollen 
ihn zwei heidnische Könige hindern; er erschlägt sie, aber merk- 
würdigerweise geht er ab, ohne die Geliebte mit sich zu nehmen. 
Hier ändert Wild seine Vorlage aus technischen Gründen; das Volks- 
buch berichtet von einer beschwerlichen, langen Flucht, bei der 
Florenz die Geliebte vor sich auf dem Sattel hält; aber er wird von 
der feindlichen Übermacht so bedrängt, daß er sie endlich zurück- 
lassen muß. Diese Abänderung hat aber Wild sehr bald wieder 
vergessen; kurz darnach erzählt Marcibilla von dem kühnen Ritter, 
„Der mich necht zohe auff sein Pferdt". 



1) Diese für die Büiine des H. Sachs außerordentlich wichtige Stelle 
hat auch Glock leider nicht berücksichtigt; dagegen tut dies Kaulfuß. 



— 113 — 

Die Verzweiflung des Sultans über den Tod des Riesen und 
den der beiden anderen Könige, sowie der Empfang des jungen 
Helden sind genau nach der Vorlage geschildert. 

Nachdem Marcibilla ihren Dienerinnen ihre Liebe eingestanden 
hat, hält Florenz einen Monolog: 

,,Hat man mich nicht zu Ritter gschlagen". 

Wild läßt hier die ganze Zeremonie des Ritterschlags aus; das 
erscheint umso unbegreiflicher, als gerade diese Szenen zu den dra- 
matisch wirkungsvollsten der ganzen Erzählung gehören. Sie 
hätten auch wohl großen Beifall gefunden, trotzdem sicher kein 
,,jovialisches Lustspiel" daraus geworden wäre, wozu einem A. W. 
Schlegel diese Motive geeignet erschienen. Leider ließ auchTieck 
die burlesken Szenen aus, wie der alte Klemens die Musikanten 
fortjagt, weil sie das Fest noch mehr verteuerten, oder wie er den 
Gästen die Mäntel wegräumt, damit sie ja die Zeche bezahlten; 
was ihn dazu bewog, ist nicht recht einzusehen. 

Dann besucht Florenz seine Geliebte in der Maske eines 
Unterhändlers; natürlich müssen sich die beiden Liebenden vor 
dem alten Sultan verstellen, aber bei Wild fehlt jede Andeutung 
davon, daß die wenig liebenswürdigen Worte, die die beiden wech- 
seln, anders gemeint sind. Das war wohl ganz dem jugendlichen 
Schauspieler — und einen solchen müssen wir uns in der Rolle der 
Marcibilla vorstellen — überlassen. 

Auch hier muß Florenz wieder vor der Übermacht der Feinde 
fliehen; Wild hat auch diese zweite Flucht ins Zimmer verlegt, 
wobei Florenz in aller Gemütsruhe wieder drei Könige erschlägt. 
Der Sultan ist wütend und zürnt seinem Gott ,, Machmet", der 
nicht einmal so viel wert sei wie ein toter — das Volksbuch sagt 
noch kräftiger: wie ein stinkender — Hund. 

Zu Beginn des achten Aktes erzählt ein Bote den Fürsten, 
was wir eben auf der Bühne gesehen haben. Da in Wilds Vorlage 
nun stand: ,,Florentz wurde vast eerlich empfangen als dann 
billich was", konnte es Wild nicht übers Herz bringen, diesen Auf- 
tritt auszulassen; und was war natürlicher als daß Florenz — wenn 
auch in aller Kürze — sein Abenteuer noch einmal erzählt. 

Lange dauert aber die Trennung der beiden Liebenden nicht. 
Florenz kommt durch die Seine ins Lager der Marcibilla geschwom- 
men; er sagt, seine Liebe sei so groß, 

XLVllI. Brandl, S. Wild. g 



— 114 — 

„Das ich hab mein leben gewagt / 

Durch das tieff Wasser vnuerzagt / 
Allein von ewrend wegen doch". 
Im Laufe des Gespräches erzählt Marcibilla, ihr Vater sei nie 
zu fangen, solange er sein Roß Pontipher habe, dessen Schnellig- 
keit ihn immer vor seinen Feinden rette. Daß sie dann dem Ge- 
liebten ihre goldene Kette umhängt, steht nicht in Wilds Quelle; 
er hat das aus der ,,Magelone" übernommen. Darnach verabreden 
sie den Plan zur Entführung. 

Dem alten Klemens ist die Erzählung von dem ,, Bestienpferd, 
der Missgeburt", wie sein Weib Susanne bei Tieck sagt, zu Kopf 
gestiegen. Während er bei Wild nur erklärt, daß er zu dem Wagnis 
bereit sei, und sich seine Pilgerkleider geben läßt, beschwört dieser 
Entschluß bei Tieck eine große häusliche Szene herauf, in der uns 
der Alte anschaulich geschildert ist: 

,, . . . wie ein junger Haselant, 
So wie ein Kohlenbrenner, wie der Teufel, 
(Gott steh' uns bei) steht er drin in der Stube, 
Gesicht und Hände ganz mit Ruß gefärbt. 
Gekleidet in dem Pilgeranzug, wie er 
Vor zwanzig Jahren nach Jerus'lem ging..." 
Bei seiner Ankunft im heidnischen Lager gibt er sich als 
Wahrsager aus, der das Alter jedes Pferdes bestimmen könne, 
sobald er nur darauf sitze. Anstandslos wird ihm dies bei Pon- 
tipher zugestanden; als er sich auf das Pferd geschwungen, pro- 
phezeit er: 

,,Heut lebt es mir vnd stirbet dir" 
wirft den lästigen Mantel ab und sprengt davon. 

Auf dies hin hält der Narr, der auch in diesem Spiel nicht 
fehlen darf, dem Kaiser eine große Strafpredigt: 
,,Du bist der gröste Narr auff Erdt / 

Das du soltest dein gutes Pferd / 
Vmb disen Bettelmandel geben / 

Schaw wol thun die leüß darob schweben / 
Ist voll Löcher vnd fleck darzu / 

Ich bin zwey mal so gscheyd als du / 
ich hab wol gspürt des Allten list / 



— 115 - 

Mich wundert dast so nerrisch bist / 
Thust ein Rossz vmb ein Pfeyffen geben" ^). 

In der nächsten Szene berichtet Florenz dem König Dagobert 
von der Heldentat seines Vaters und schenkt ihm das Pferd, wofür 
er zwei Schlösser bekommt; dann muß Klemens selbst sein Aben- 
teuer noch einmal erzählen! 

Der Sultan wird in einer letzten Schlacht wieder besiegt; als 
er auch noch die Kunde von der Entführung seiner Tochter erhält, 
fällt er in Ohnmacht, 

Der zehnte Akt versetzt uns nach ,,Acriß", über die Anord- 
nung dieser Szenen wurde schon oben gesprochen. Die Kaiserin 
erzählt uns ihre ganze Geschichte, die wir zu Beginn des Dramas 
selbst auf der Bühne gesehen haben. Aber die Bemerkung des Volks- 
buches: ,,Vn hiemit zeygt sy dem Künig alle geschichten an / wie 
es sich zwischend dem Keyser vnd jr / auch des Keysers muter ver- 
louffen hett", konnte Wild in seiner Redseligkeit nicht übergehen. 

Der nächste Auftritt bringt uns wieder nach Paris, wo man 
sehr besorgt um das Verschwinden von Octavian und Florenz ist. 

Sofort darauf treffen wir Lyon mit seinen Soldaten schon in 
Italien. Es gelingt ihm den Sultan zu fangen und die beiden Ge- 
fangenen zu befreien. Sobald Octavian Florenz und Lyon neben- 
einandersieht, hält er sie — wie im Volksbuch — für Brüder. Wie 
Octavian alsbald seine Gemahlin erkennt und sich mit ihr ver- 
söhnt, wie er dann in Lyon seinen einen Sohn findet, ist äußerst 
trocken und nüchtern dargestellt. Jetzt fällt auch der Kaiserin 
die Ähnlichkeit zwischen den beiden jungen Helden auf; aber über 
die Herkunft des Florenz läßt sich nichts Sicheres erfahren. Der 
Sultan gibt geschwind noch seinen Segen zur Hochzeit, und die 
Tragedj hat ihr Ende gefunden. 

Erst im Beschluß erfahren wir den eigentlichen Ausgang: die 
Erkennung des zweiten Sohnes und damit die glückliche Vereinigung 
der ganzen Familie. Dieselbe Ungeschicklichkeit fand sich auch 
schon im Weihnachtsspiel und im ,,Thitus", Dann schildert der 
Herold die Hochzeit mit all ihrem Gepränge, wie das im Fastnachts- 
spiel durchaus gebräuchlich ist. 

Zum Schlüsse kommt noch die Nutzanwendung: Gott hilft 
immer wunderbar. 



^) Zu diesem Ausdruck vergleiche S. 110. 

8* 



116 



Die letzten Worte sind sicher durch W. Saltzmann und dessen 
Empfehlung der alten Historien in der Einleitung beeinflußt^). 
„Wie jr offt lesend in den alten / 

Hystorien / welche ohne noth / 
Alle seind zuerzelen / Gott / 

Wöll noch erhalten die begeren / 
Sich ehrlich vnd Christlich zu neren / 

Darmit seyt befolhen dem Herren". 

Darunter steht die Bemerkung: „Gedicht durch Sebastian 

Wilden / zuhalten mit 18. personen / sonst mit 74. hat 10 Aktis". 

Im ganzen sind es 74 Personen, aber wahrscheinlich wurden 

die Rollen, die zum Teil sehr kurz sind, so unter die Schauspieler 

verteilt, daß 18 zur Aufführung genügten. 

Erst nachdem wir Wilds Drama ganz betrachtet haben, wollen 
wir uns Sachs zuwenden. Es wurde schon erwähnt, daß er an seinem 
Stoffe große Streichungen vornimmt. Daß er die Königin den 
Raub ihrer Kinder erzählen läßt, ist nur zu billigen. Dann aber läßt 
er die ganze Jugendgeschichte der Söhne des Klemens aus; wir 
hören nichts von den schlimmen Streichen, die Florenz macht und 
die doch seine hohe Abkunft deutlich machen sollen. Sofort, nach- 
dem Klemens das kleine Kind gekauft hat, tritt ,,Tagabertus" ein 
und spricht über den Angriff der Türken; gleich darauf kommt 
„Heraclius" — so heißt bei Sachs Octavianus^) — ihm zu Hilfe; 
die anderen Fürsten werden nur erwähnt, wenn sie um Hilfe ge- 
beten werden, sonst treten sie überhaupt nicht auf. Nach dem 
Kampf des jungen Ritters mit dem Riesen tritt der erwachsene 
Florenz mit seinem Vater ein; er ist auch schon gerüstet und sein 
Vater schildert seine Kleidung: 

„Ach, dein rüstung ist viel zu schlecht. 

Dein hämisch ist rostig und schwartz, 

Vol muckendreck sam brentes hartz. 

In dein helmlin habn unerlogen 

Ratzn und meus junge außgezogen. 

So sindt auch auff deiner reittglennen 

Langzeyt gesessen han und hennen. 



») s. S. 104. 

') Er regiert auch in Konstantinopel. 



— 117 — 

Dein sclnverdt is wol stehle und gut, 
Jedoch der rost es fressen thut". 

Aber nicht nur die komischen Episoden des alten Klemens 
ließ Sachs weg, sogar iMarcibilia ist vollständig übergangen; sie 
tritt nicht einmal auf, von den Besuchen des Florenz im feindlichen 
Lager hören wir nichts, auch nichts von der Entführung; nur der 
König sagt am Schlüsse: der Sultan solle sich samt seiner Tochter 
taufen lassen, 

,,Die wöll wir geben zu der ehe 
Dir, du kühner ritter Florentz". 

Daß so das ganze Stück äußerst trocken und langweilig wird, 
braucht nicht erst gesagt zu werden. 

Im fünften Akt tritt die Kaiserin mit ihrem Sohne Florenz 
auf; kaum haben die beiden die Bühne betreten, da erzählt die 
Mutter ihrem Sohne die Geschichte ihres Unglücks, sowie seine Ent- 
führung durch die Löwin und seine Rettung! Das Wiedererkennen 
der verschiedenen Familienmitglieder ist äußerst trocken geschil- 
dert. Alles in allem gehört dies Drama zu den unglücklichsten des 
Hans Sachs. Wir werden hier — eine große Ausnahme! — Wild 
den Preis zuerkennen müssen, denn sein Drama hat gegenüber dem 
anderen noch Leben und steckt voll ,, Poesie" — wenn man diesen 
Ausdruck überhaupt gebrauchen darf. Auch ist hervorzuheben, daß 
Wild hier in gar keiner Weise von Sachs beeinflußt ist. 

Daß Sachs ganz von Saltzmanns Übersetzung abhängig ist, 
wenn er auch des Kaisers Namen und Regierungssitz ändert, sei 
nur deshalb erwähnt, weil es sonst noch nirgends geschehen ist. 

Daß trotzdem Wilds Drama, für sich betrachtet, nicht viel 
besser als seine übrigen ist, dürfte schon die Inhaltsangabe be- 
wiesen haben. Auch seine Technik hat sich in nichts gebessert; 
von selbständiger Erfindung ist gar nichts zu spüren; denn die 
verschiedenen kleinen Züge, die hie und da erwähnt werden mußten, 
fallen nicht ins Gewicht. 



Am geeignetsten für eine Dramatisierung ist unter den von 
Wild bearbeiteten Volksbüchern das von der schönen Magelone, 
Es schien sich auch bei den Zeitgenossen einer größeren Be- 
liebtheit zu erfreuen, wenigstens als Drama. Denn den Octavianus 



— 118 — 

benützte außer Wild nur noch Sachs in einer, wie wir sahen, un- 
bedeutenden und wenig bekannten Komödie^); von der Magelone 
haben wir innerhalb des kurzen Zeitraums von 26 Jahren drei 
Dramen: 

1540 erschien in Augsburg bei Heinrich Stainer eine ,,Histo- 
ria Magelone / Spilweiß in Teutsche reimlein gebracht / Durch 
einen Studenten, Mit einem nutzlichen vnderricht Georgij Spa- 
latini"2). 

Am 28. Februar 1554 schrieb Hans Sachs eine Erzählung 
in Reimen „Historia der schönen Magelone, eins königs tochter zu 
Neapolis"; und schon 1555 arbeitete er diese Erzählung um in die 
„Comedi mit 19 personen, die schön Magelonaa / vnnd 
hat 7 actus". 

Diese beiden Dramen, wie auch das von Wild gehen auf die 
alte Erzählung zurück, 

,, Welche in teutsch thet transferiern 

Magister Veit Warbock, hocherfarn, 

Auß frantzhösischer sprach vor jarn". (Sachs.) 

Die Geschichte behandelt die Trennung und wunderbare Wie- 
dervereinigung zweier Liebenden. Der Stoff stammt aus der Pro- 
vence, ebenso seine erste Bearbeitung, welche dem Stiftsherrn 
Bernard de Treviez zugeschrieben wird; später soll Petrarca diese 
Erzählung umgearbeitet haben. Von beiden Fassungen ist nichts 
erhalten. 

Aus dem Vorwort des Magisters Veit Warbeck, dessen Über- 
setzung 1536 zum ersten Male erschien, ergibt sich, daß die Ge- 
schichte 1453 in (nord-) französischer Sprache niedergeschrieben 
wurde. 

Der junge Graf Peter aus der Provence zieht in die Fremde, 
lernt in Neapel, wo er sich im Turnier durch große Tapferkeit aus- 
zeichnet, die Tochter des dortigen Königs, Magelone mit Namen, 



^) Rist berichtet von einer Aufführung des ,, Peter Squenz" in 
Hamburg durch englische Schauspieler; in dem Schauspielverzeichnis der 
Handwerker wird eine Tragödie vom Octavianus erwähnt. Vielleicht 
liegt diesem, allerdings unzuverlässigen Bericht das Drama von Sachs zu 
Grunde (vgl. Vierteljahrsschrift fLG I, 195); auch hier ist Sachs nicht 
genannt. 

-) Der auch zu Warbecks Ausgabe einen ,,Sendbrieff" schrieb. 



— 119 — 

kennen und gewinnt ihre Liebe. Da sie einen anderen ungeliebten 
Ritter heiraten soll, läßt sie sich von dem jungen Edelmann, dessen 
fürstliche Abstammung sie allein kennt, entführen. Bei einer Rast 
in einem Walde schnürt der Ritter der schlafenden Geliebten, von 
Liebe überwältigt, das Mieder auf, dabei fällt ein kleines Bündel- 
chen heraus, in dem sie drei Ringe, das Brautgeschenk ihres Lieb- 
sten, bewahrte. Diese packt ein Vogel und fliegt damit davon, 
Peter will dem Vogel seine Beute abjagen, aber dieser fliegt übers 
Meer; da besteigt Peter einen Kahn und wird zur Strafe seines Ver- 
gehens auf das offene Meer hinausgetrieben. Hier fangen ihn See- 
räuber und schenken ihn ihrem Herrn, dem Sultan. Die verlassene 
Magelone pilgert nach Rom und zieht dann in die Heimat Peters 
und widmet sich der Fürsorge armer Kranken in einem von ihr 
selbst erbauten Spital. Die Eltern Peters verkehren viel mit ihr 
und erzählen ihr von ihrem Unglück, ohne zu ahnen, daß sie mit 
der Braut ihres verschollenen Sohnes sprechen. Nach langen 
Jahren wird Peter von dem Sultan in die Heimat entlassen; er 
verliert auf der Überfahrt sein Vermögen, wird krank und kommt 
so in das Spital der Magelone. Durch einen Zufall erkennen sich 
die beiden, und die Hochzeit wird mit großer Pracht gefeiert. 

Außer in den verschiedenen deutschen Übersetzungen des 
Romans treffen wir dasselbe Motiv in dem mittelhochdeutschen 
Gedichte ,,Der büsant", das Friedrich von der Hagen in seinen 
„Gesamtabenteuern" veröffentlicht hat^), und in Valentin Schu- 
manns ,, Nachtbüchlein" (1558) unter dem Titel ,,Ein schön 
hystoria vonn einem jungen Grafen auss Mümpelgert und eines 
hertzogen tochter aus Engellandt"^). 

Hugo Holstein hat 1886^) die drei Dramen, von dem Stu- 
denten, Sachs und Wild, miteinander verglichen und kam dabei 
zu der schärfsten Ablehnung Wilds. Dies scheint mir auch in diesem 
Zusammenhange nicht gerechtfertigt. Wilds Drama zeigt unleug- 
bar große Schwächen; dazu möchte ich weniger die sklavische Ab- 



1) Nr. XVI. I, 331 ff. Stuttgart 1850. Auf die Ähnlichkeit mit dem 
französischen Gedichte aus dem 13. Jahrhundert ,,L'Escoufle" weist 
R. Köhler hin (Germ. XVI 1, 62). 

2) Bolte weist auf ein davon abhängiges Prosadrama in Danzig hin. 
(Vgl. seine Ausgabe Schumanns, Bibl. d. Lit. Ver. CXCVII, 397). 

3) Zfd Phil. XVII. 



120 



hängigkeit von der Quelle rechnen — denn dadurch unterscheidet 
er sich weniger von den anderen — als vielmehr die äußerst 
ungeschickte Akteinteilung: Der erste Akt bringt bloß den Ab- 
schied Peters von seinen Eltern; im zweiten kommt Peter nach 
Neapel, siegt im Turnier und gewinnt die Liebe der Magelone, mit 
der er die Entführung verabredet. Der dritte Akt besteht aus 
einer einzigen Szene: die Flucht der Liebenden wird entdeckt, und 
der König läßt sie verfolgen. Im vierten Akt führt uns Wild die 
Trennung der beiden vor; nach manchen kleinen Szenen kommt 
Peter zum Sultan, Magelone in die Provence. Der fünfte Akt er- 
müdet uns durch die häufigen Besuche des alten Grafenpaares bei 
der Magelone; das Wiederfinden endlich ist kurz und trocken dar- 
gestellt. 

Außerdem liegt,Wilds Schwäche darin, daß er längere Partien 
seiner Vorlage nicht zusammenfaßt, sondern unverändert drama- 
tisiert; hier ist vor allem an die Rolle der Amme zu denken. Wäh- 
rend Sachs und der Student wenigstens einen Gang, den die 
Amme von der Magelone zu Peter zu tun hat, auslassen, folgt Wild 
getreulich seiner Vorlage. So eilt die Amme ganze Szenen lang un- 
aufhörlich zwischen den beiden Liebenden hin und her, wie — um 
einen ziemlich geschmacklosen, aber treffenden Vergleich Görres' 
zu gebrauchen (S. 152) — ,,eine emsige Biene, die zwischen zwei 
einsam stehenden, fern einander entrückten Palmen hin und wieder 
fliegt und den Samenstaub von einer zur andern trägt und das 
Ferne aneinanderknüpft". 

Ähnlich ungeschickt stellt V/ild die verschiedenen Besuche dar, 
welche die Eltern Peters der Magelone in ihrem Spital machen. 
Bei dem Studenten tritt nur einmal die Gräfin auf, klagt um ihren 
Sohn und erzählt, daß die Ringe, welche sie ihm vor der Abreise 
geschenkt habe, beim Schlachten eines Fisches in dessen Magen 
gefunden wurden. Magelone tröstet sie, trotzdem sie selbst von 
tiefstem Schmerz erfüllt ist. Noch glücklicher verbindet Sachs 
diese Ereignisse miteinander: Graf und Gräfin besuchen Magelone; 
diese läßt für ihre hohen Gäste ein Mittagessen herrichten, und beim 
Schlachten des Fisches findet man die drei Ringe. Wild macht 
daraus vier langweilige Szenen, in denen die Handlung vollständig 
stille steht. 

Auch reicht Wilds technisches Können nicht aus, das Wieder- 



- 121 - 

erkennen der Liebenden wirklich dramatisch zu gestalten. War- 
beck berichtet, Peter habe der Spitalmeisterin seine ganze Ge- 
schichte erzählt, allerdings ohne einen Namen zu nennen; daran 
erkannte ihn die Geliebte. Diesen Bericht übernimmt Wild bei 
seiner uns zur Genüge bekannten Vorliebe für Wiederholungen: 
Peter berichtet also den ganzen Inhalt des Dramas, das sich soeben 
vor unseren Augen abgespielt hat. Magelone verläßt hierauf das 
Zimmer, und Peter sagt: 

,,Yetzt fehlst du mir aber in sinn / 
Ach dise Spitelmaisterin / 
,. Ermandt mich meiner Liebsten gar /" 

Damit tritt sie wieder ein mit königlichen Kleidern angetan; 
aber erst als sie den ,, rußigen'' Schleier abwirft, erkennt er sie. 
Dann berichtet Warbeck ehrlich: „Ich kan nit die helfften er- 
zelen der freuden so sie heften ' denn ich solchs gib eim jeglichen 
selber zu bedenckcn / solche ding läßt sich auch baß bedencken 
den schreiben". Leider beherzigt Wild diese sehr verständige Be- 
merkung nicht, sondern quält sich mit einer verliebten Unter- 
redung ab. 

Daß sich unser Drama mit dem lebensvollen, frischen Werke 
des Hans Sachs nicht messen kann, ist ohne weiteres klar. Bei 
einem Vergleiche aber mit dem Drama des Studenten zieht Wild 
trotz der angegebenen großen Schwächen nicht den Kürzeren. 

In der Erkennungsszene ist der anonyme Dichter ebenso unge- 
schickt wie Wild; hat bei diesem Peter die Magelone fast erkannt, 
so erklärt hier sie: 

„Mir ist komen ein frembder gast 

Er ist gestalt doch eben fast / 

Fast wie der liebste Peter mein". 

In der ersten Szene des zweiten Aktes stellt der Student den 
Zweikampf auf der Bühne dar, ebenso den zweiten zwischen Peter 
und Friedrich von der Krone. Wie das geschah, kann man infolge 
des Mangels einer Regiebemerkung nicht feststellen. Wild be- 
schränkt sich darauf, das Turnier im ersten Falle bloß anzudeuten: 
der König sieht mit Frau und Tochter dem Kampfe zu, ,,in dem 
erhebt sich ein gerespel / wanns still wirf / so wend sich der König 
vn die Königin vom Schrancken" und sprechen über die Tüchtig- 



— 122 — 

keit des ihnen unbekannten Ritters. Den folgenden, ganz über- 
flüssigen Zweikampf hat Wild ausgelassen. 

Die größte Schwierigkeit bereitete allen Dichtern die Ausge- 
staltung der Szene, in welcher der Vogel die Ringe raubt. Sachs 
fand den einzigen Ausweg: Peter tritt auf und erzählt den Vorgang. 
Allerdings ist der Standpunkt gegenüber dem alten Liebesromane 
stark verschoben: darüber, daß er der Geliebten das Mieder auf- 
geschnürt hat und so die Schuld daran trägt, daß der Vogel die 
Ringe stehlen konnte, empfindet er kein Schuldbewußtsein. Nur 
eines kümmert ihn: 

,,Sind wohl drey tausent crona wert". 

Peter wird dann auch im Walde gefangen und nicht auf hoher 
See; diesen Ausweg haben alle drei Bearbeiter eingeschlagen; sie 
sind trotzdem ganz unabhängig von einander. 

Der Student macht sich die Sache sehr leicht. Wie Peter 
Magelone ,, schlaffende im schoss" hat, befiehlt die Regiebemerkung 
,,Hic rapiuntur Annuli" und Peter fragt: 

„Wo mögen sie doch hin sein kommen". 
Damit geht er von Magelone weg, ohne ein Wort darüber zu sagen; 
im folgenden Monolog klagt er auf einmal, daß er Magelone ver- 
loren habe. 

Auch bei dieser Szene konnte Wild von seiner Gewohnheit 
nicht lassen, die wichtigsten Szenen auf der Bühne vorzuführen, 
wenn sie auch noch so große technische Schwierigkeiten bereiteten. 
Das Aufschnüren des Mieders ist in der Erzählung Warbecks hübsch 
zu lesen; auf der Bühne aber muß diese ganz und gar undramatische 
Szene steif und langu'eilig wirken. ,, Peter preist sie ein wenig auf / 
findt die Ring in jrem Busen inZendel eingewickelt." Er sieht nach, 
und wie er die Ringe sieht, bemerkt er gleichmütig: 
„Ich wills wider zsam binden eben". 
,,In dem lasst er ein Vogel fliegen"^) und spricht: 

,,Sich diser verfluchte Vogel / 
Hat mir die Ring wegzucket schnell /" 

Er will ihn geschwind einholen, solange Magelone noch schläft, 
und geht ab. Magelone erwacht gleich darauf. Darüber, daß sie 
allein ist, ist sie sehr erstaunt, nicht im geringsten aber über den 

') Vgl. S. 156 f. 



— 123 — 

Zustand ihres Kleides: „Sieht sich auch vornen offen / manglet 
der Ring und spricht: 

„Ach ich hab auch die Ringe mein / 
Verloren auß dem Busen all /". 

Dann beginnt sie um Peter zu klagen; ihr Schmerz und ihre 
Verzweiflung sind in glücklicher Weise ausgedrückt; auch versucht 
Wild den langen Monolog durch stummes Spiel zu beleben: ,, Feilt 
darmit nider / rieht sich widerumb auff /" oder: ,,Sie steht auff / 
geht einmal oder zwey herumb / vnnd spricht weyter". 

So löste Wild nicht ungeschickt die sehr schwierige Frage der 
Dramatisierung dieser Szene; um so weniger ist Holsteins Urteil 
zu verstehen, der gerade diese Szene als Beweis der Überlegenheit 
des Studenten über Wild anführt. 

Sonst bietet Wilds Drama wenig Bemerkenswertes. Die einzig 
selbständige Erfindung — wenn man so überhaupt sagen darf — 
ist wieder der Narr. Hier beschränkt er sich darauf, kurz vor der 
Hochzeit zu sagen: 

,,Ho ho/d'Schuch ab vnd zun Bebt/ 
Diser Heyrat ist schon besteht". 

Der Beschluß schildert wieder die Hochzeit, bei der eigens 
bemerkt wird: 

„Schöner Comedj hielt man vil". 
Die Moral der Geschichte beruht bei den drei Dichtern in ver- 
schiedenen Lehren. Sachs betont die Notwendigkeit einer guten 
Erziehung und die Gefahren der Liebe; die Kinder sollen ihren 
Eltern gehorsam sein und 

, »sparen in lieb biß in die eh, 

Denn haben ein lieb und keine meh, 

Auß den in rumb und ehr erwachs 

Im ehlichen standt, wünscht Hans Sachs". 

Dieselbe Moral hatte er schon 1515 aus dem ,, Kampfgespräch 
von der Lieb" gefolgert: 

,,Spardt ewr lieb biß in die Eh, 
Denn habt ein Lieb, sunst keine meh, 
Die selbig Lieb die ist mit ehrn. 
Wie vns die Heylig schrifft ist lern". 



— 124 — 

Beim Studenten spricht der Narr Morio den Epilog und be- 
tont: Das Glück ist voll böser Tücke; darum muß man in aller Not 
auf Gott vertrauen; viel Unglück kann aber vermieden werden 
durch eine gute Erziehung. 

Es nimmt uns Wunder, daß der Schulmeister Wild diese Lehre 
nicht seinen Zuhörern einschärfte; auch über die verbotene Liebe 
sagt er nichts. Allerdings hat die Amme in ihren Unterhandlungen 
mit Peter oft und aufdringlich genug von dem Vorzug der lauteren 
Liebe gesprochen. 

Wild weist uns hin auf die Wandelbarkeit des Glückes: als 
die Liebenden im Walde sich am glücklichsten wähnten, verkehrte 
Gott ihr Glück in Unglück. So darf man dem Glücke der Welt 
nicht vertrauen, 

,,Dann es ist rundt vnd schlüpfferigk" ; 
als einzige Hilfe bleibt dem Menschen das Vertrauen auf Gott. 

Eine merkwürdige Stelle aus der Magelone muß noch erwähnt 
werden, die einzige in sämtlichen Werken Wilds, an der sich sein 
Protestantismus polemisch äußert: Magelone kommt von Rom 
zurück; die ,, Bürgerin" fragt sie, ob man dort die Pilger lieb habe. 
Darauf erwidert Magelone: 

„Ja liebe Fraw welcher Gellt hat''. 

Sonst ist in sämtlichen Dramen und Meistergesängen Wilds 
nicht eine leise Andeutung mehr zu spüren von den großen Fragen, 
welche die Zeit vor wie nach der Reformation bewegten. 

Im ganzen ist der Ton in der Magelone frischer und die Dar- 
stellung weniger ermüdend, als in den beiden anderen Dramen; 
seinen epischen Grundzug kann natürlich auch der Stoff dieser 
Geschichte nicht verleugnen i), aber er stellte einer Dramatisierung 
nicht unüberwindliche Hindernisse entgegen; so gelang auch Wild 
eines seiner frischesten Dramen. 



^) Tieck arbeitete bekanntlich das alte Volksbuch in eine sentimen- 
tale Erzählung um, die Steiner mit Recht verurteilt, was ja Tieck auch 
schon selbst im ,,Phantasus" tat; von einem geplanten Drama ist nur ein 
phrasenhafter Prolog übriggeblieben, der keinen Schluß auf die beabsich- 
tigte Fortsetzung zuläßt. 



„Asinus vulgi". 



Wilds letztes Drama „Ein schöne Tragedj auß dem 
Esopo gezogen von dem Doctor der den Esel je tryb/ 
je zoch / je er oder sein Son rytte / und zuletzt er- 
trencken thet / In summa wie er sich mit dem Esel 
hielt / gefiel als der Wellt nit" ist das lebendigste und 
volkstümlichste infolge seiner nahen Verwandtschaft mit dem 
Fastnachtsspiele. Wir haben hier den im ästhetisch so skrupellosen 
16. Jahrhundert nicht seltenen Fall der Dramatisierung einer 
Parabel (vgl. Everyman, Verlorener Sohn usw.); nur eignet 
sich die vorliegende am wenigsten für die Bühne. Gerade sie recht- 
fertigt Lessings — im übrigen auf falschen Voraussetzungen 
beruhende^) — Forderung des Lakonismus in der Fabel; denn eine 
Verbreiterung bedeutet hier gleichzeitig eine Verwässerung. 

So vielfach die anderen Parabeln dramatisiert wurden, so 
bedeutende Dichter sich mit ihnen beschäftigten (Macropedius 
und vor allem der genialste Dichter des 16. Jahrhunderts Thom. 
Naogeorgus), von der Parabel vom „Asinus vulgi"^) sind uns 
nur zwei Bearbeitungen von unbedeutenden Dichtern erhalten: 
Greff 1538, Wild 1566.3) 

^) Er hielt die zusammenfassenden Inhaltsangaben der lateinischen 
und byzantinischen Paraphrasen für die Originalfassungen der Fabeln. 

2) Diesen Titel trägt die Fabel in den ,,Fabulae Aesopi" des Joach. 
Camerarius Tübingen 1542 (f. 88 v). Auch Goedeke benützt ihn. 

3) Goedeke weist (Grdr. F, § lOO. 5. 21 S. 476) auf das Buch von 
Heinr. Kerkring hin ,,Verzeichniß von denen adelichen Familien. Der 
Zirkel-Gesellschaft in Lübeck. Lübeck 1689"; in diesem Werk, das ich 
nicht bekommen konnte, wird berichtet: ,,An. 1451 wahr daß Jener mit 



— 126 — 

Der Inhalt der Fabel ist bekannt: Vater und Sohn treiben 
einen Esel zu Markte; von allen, welchen sie begegnen, werden 
sie getadelt, entweder weil sie beide zu Fuße neben dem Esel her- 
gehen, oder weil der Sohn, oder weil der Vater, oder weil endlich 
sie beide reiten; da versuchen sie es den Leuten dadurch recht zu 
machen, daß sie den Esel zusammen auf der Schulter tragen. 
Aber auch damit erreichen sie ihr Ziel nicht; so sehen sie schließlich 
ein, daß man sich um die Meinung der Welt nicht kümmern darf. 

Der orientalische Ursprung dieser Fabel, sowie ihre Verbreitung 
ist in diesem Zusammenhange nicht von Bedeutung, im übrigen 
von Karl Goedeke längst klargelegt. Wichtig sind hier nur die 
beiden Hauptrichtungen: In der besten Fassung will der Vater 
seinem Sohne den Lauf der Welt zeigen, um ihn von seiner Un- 
schlüssigkeit, welchem Rate er folgen solle, zu heilen; so erzählt 
Don Juan Manuel 1335 in seinem Buch ,,Patronio", bekannter 
als ,,E1 Conde Lucanor"^). Die andere Wendung findet sich 
in Boners ,, Edelstein" (zw. 1324 und 1349)2); hier ist auch der 
Vater ein Tor. Dazukommt eine wirkliche Dummheit: das Tragen 
des Esels auf der Stange. 

Im 16. Jahrhundert war diese Parabel weit verbreitet; vor 
allem durch Johann Paulis ,, Schimpf und Ernst"^), das seit 
1522 in zahllosen Auflagen, Umarbeitungen und Nachahmungen 
erschien*). Aber hier fehlt die letzte und größte Dummheit: das 
Ertränken des Esels. 



dem Esel keinen Danck verdienen kondte, er ritte oder ginge zu Fuße. 
Tichtere Lütje und Hermann Beere, Hanß Berckefeld, Jordan Pleßkauw. 
de nenen danck verdende mit dem esel, he reet effte ginck". Mit diesem 
Drama beschäftigt sich C. Walther (Jahrbuch des Vereins für nieder- 
deutsche Sprachforschung VI [1880] S. 6 ff . u. XXVll [1901] S. 1 ff.); 
er hält für die Quelle die ,,Scala Coeli" des Predigermönches Joh. Junior 
(1. Hälfte des 14. Jahrhunderts). 

^) Übersetzt von Joseph von Eichendorff als „Der Graf Lucanor", 
Berlin 1840. Die Fabel findet sich hier im 24. Kapitel. 

2) Ausgabe von Fr. Pfeiffer, Leipzig 1844. 

2) Die vorzügliche Ausgabe von H. Oesterley (Bibl. d. Lit. Ver. 
LXXXV; 1866) bringt S. 539 eine große Menge von Literaturnachweisen, 
wobei nur korrigiert werden muß: Goedeke in Orient und Occident I 
(statt 11). 

*) Aufgeführt in J. M. Lappenbergs Ausgabe des ,,Ulenspiegels" 
(Leipzig 1854) S. 363-380. 



— 127 — 

Das treffen wir zuerst bei Poggio. Dieser sah wohl, als er 
bei Gelegenheit des Konstanzer Konzils nach deutschen Hand- 
schriften suchte, eine der zahlreichen Bilderhandschriften des 
,, Edelsteins", wenn man den Anfang der Facetie so auslegen darf. 
Hätte er etwa eine Abschrift des ,, Schachzabelbuchs" von Konrad 
von Ammenhausen^) gesehen, wäre das gleichgültig; denn beide 
Werke enthalten die Fabel in derselben Grundfassung. 

Poggio scheint dann selbständig noch die größte Dummheit 
hinzugefügt zu haben, eben das Ertränken des Esels. So konnte 
er mit vollem Recht der Facetie den Titel geben ,,Rustica sim- 
plicitas"2). 

Diese Fabel übernahm — außer 48 anderen — Sebastian 
Brant (wörtlich) von ihm, als er für seinen Sohn Onuphrius einige 
Fabeln von Aesop, Avian usw. zusammenstellte. Sie erschienen 
1501 mit dem Druckvermerk: 

,,Mythologi Esopi clarissimi fabulatoris: vna cum Auiani et 
Remicij quibusdam fabulis: per Sebastianum Brant nuper reuisi: 
additisque per eum ex varijs autoribus / centum circiter et qua- 
draginta elegantissimis fabellis / facetis dictis / et versibus: ac 
mundi monstruosis compluribus creaturis: Impressi Basilee opera et 
impensa magistri Jacobi de Pfortzheim: Anno dominice incar- 
nationis primo post quindecim. centesimum: feliciter finiunt."^) 

Von diesen Fabeln erschienen Übersetzungen: 

,,In disem buch ist des ersten teils: das leben vnd fabel 
Esopi: Auiani: Doligani: Adelfonsi: mit schympffreden Pogij 
Des andern teils vßzüge schöner fabeln vn exempeln Doctoris S. 
Brant: alles mit synen figuren vn Registern." 

,,Getruckt zum Thiergarten durch Joannem Prüß burgern 
zu Strasburg: In dem Augstmonat des MCCCCC vnd achtsten 
jares." (2°)^). 



1) Herausgegeben von F. Vetter, Frauenfeld 1886—92 (Ergänzungs- 
heft zur Bibl. älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz). 

2) In der (italienischen) Ausgabe Straßburg 1513 trägt sie keine 
Nummer. In der Ausgabe München 1910 (herausgegeben von H. Flörke) 
Nr. 100. 

3) München ÜB. Auct. gr. 4 (f. 124-202). Göttingen ÜB. Fab. 
Rom. I, 5345. 

*) München StB. A. gr. b. 14. 2". 



_ 128 — 

Ganz dieselbe Übersetzung w rde wieder gedruckt in 4°.i): 

„Esopus leben vnd Fabeln: mit sampt den fabeln Auiani: 
Adelfonsi / vnd etlichen schimpf f reden Pogij. Darzu vßzüge 
schöner fabeln vn exempeln Doctors Sebastian Brant / alls klärlich 
mit schönen figurn vn registern vßgestrichen." 

„Gedruckt zu Freiburg im Breyßgaw/ durch Joannem Fabrum 
Juliacensem / Im ]ar MDXXXV im monat Februario." 

Die Holzschnitte der Straßburger Ausgabe sind dieselben wie 
in der lateinischen ; nur sind die Stöcke mehr abgenutzt. Die Frei- 
burger Bilder sind naturgemäß viel kleiner, und im Verhältnis 
zu den anderen roher und unbeholfener. Sie zeigen aber ganz 
dieselben Szenen; auch die Anordnung und die Hauptbewegungen 
sind die gleichen, nur sind sie umgekehrt 2); der Zeichner arbeitete 
also, ohne viel umzustellen, nach den Holzstöcken. 

Außer Brant ist von Poggio auch Hans Sachs abhängig in 
seinem Schwank: „Der waldbruder mit dem Esel. Der argen Welt 
thut nyemandt recht"^) vom 6. Mai 1531; wenn auch an Stelle 
des Ertränkens das Erschlagen des Esels tritt, ändert dies ja in 
der Wirkung nichts. Aber ein großer Unterschied ist gegen den 
Italiener zu bemerken: Hans Sachs nimmt die alte Form der Moral 
wieder auf, daß der Vater den Sohn belehren will; unter wessen 
Einfluß dies geschehen ist, vermag ich leider nicht anzugeben^). 

Aber Sachs hat auf die Dramatisierung dieser Fabel noch 
einen größeren Einfluß, er zeigte den Weg, auf dem überhaupt erst 
eine solche möglich war: er individualisierte die dem Vater 
und seinem Sohne begegnenden Personen, die bisher nur als „non- 
nulli" oder ,, einige" oder ähnlich bezeichnet waren. Durch diese 
Erzählung ist Joachim Greff zu seiner Tragödie^) angeregt worden. 
Schon der Titel 



1) München ÜB. Auct. gr. 25 (schadhaft). Göttingen ÜB. Fab. 
Rom. I, 5265. Wörtlich übereinstimmt damit die Ausgabe von Stephan 
M. Graft zu Freiburg 1545 (München StB. A. gr. b. 56). Diese Über- 
setzungen sind verzeichnet: Goedeke P § 99. Facetien, 8. 3. S. 441. 

2) Außer den Bildern der Fabeln: 3. 6. 15. 34. 52. 53. 60. 64 (nur 
die linke Seite!). 94. 126. 129. 140. 

3) Werke IV (Bibl. d. Lit. Ver. CV), S. 300. 

*) A. L. Stiefel „Über die Quellen der Fabeln und Schwanke des 
H. Sachs" (Nürnberg 1894) geht auf diese wichtige Frage nicht ein. 
5) Ich benütze das Exemplar der Königsberger Universitätsbibliothek. 



— 129 — 

,,Mundus Ein schöus newes kurtzes spiel von der Welt art 
vnd natur / durch Joachimum Greff zusammengebracht / nützlich 
vnd fast kurtzweilich zulesen. 

Wiltu wissn der WELT art vnd sin 
Das magstu gentzlich lernen hierin / 
Inn diesem buch / wiewol nicht gros 
Doch wird dirs gfalln vber die mas 
Kauffs nur vnd lies darnach mit vleis 
Sol dich nicht rewen vorwar ich weis." 
zeigt die Moral, die ganz mit der Manuels und Sachsens über- 
einstimmt; ebenso ist auch bei beiden der Vater zu einem Ein- 
siedler geworden, der sich mit seinem jungen Sohn in eine Wüstenei 
zurückgezogen hat; und bei beiden Bearbeitern möchte der Sohn 
die Welt sehen, kehrt aber, eines Besseren belehrt, wieder in die 
Einsamkeit zurück. 

Ein weiterer Beweis für die Abhängigkeit Greffs von Sachs 
zeigt sich, wenn man vergleicht, welche Personen bei den ver- 
schiedenen Anlässen die beiden Wanderer tadeln. Auf die Reihen- 
folge braucht man natürlich nicht einzugehen, diese war ja leicht 
zu verändern. Wichtiger ist wohl folgende Zusammenstellung der 
tadelnden Personen: 

Sachs Greffi) 

Der Esel geht leer (I) Kriegsmann (III) Miles 
Der Sohn reitet (II) Altes Weib (II) Civis 
Der Vater reitet (III) Bauer (I)) Duo Rustici 

Beide reiten (IV) Bettler (IV) Monachus^) 

Sie tragen den Esel (V) Edelmann (V) Nobilis. 

Ausgenommen die geringfügige Änderung, den Bürger an 
Stelle des alten Weibes zu setzen (die uns noch dazu gerechtfertigt 
erscheinen wird) ist nur ein größerer Unterschied zu bemerken: 
bei Sachs erschlagen die beiden den Esel, bei Greff will es der 

^) Die römischen Zahlen bedeuten die Reihenfolge der Fälle in der 
Handlung. 

2) Die Verwandlung des Bettlers in einen Bettelmönch entspricht 
der protestantischen Gesinnung Greffs; so war eine Polemik gegen die 
Katholiken möglich, die er auch mit großem Eifer führt. Als Hauptbei- 
spiel für diese Gesinnung Greffs sei die Identifizierung der Wechsler im 
Tempel mit dem Papst und der Kurie im ,,Zacheus" (1546) angeführt. 

XLVIII. Brandl, S.Wild- g 



— 130 — 

Sohn tun, aber der Vater duldet es nicht. Diese Handlung schien 
Greff eben zu dumm, da uns doch der Vater der Typus des klugen 
Menschen sein soll. 

Außer H. Sachs war für Greff noch von maßgebendem Ein- 
fluß die alte Gattung der Revue; dabei wurden ja gewöhnlich 
die einzelnen Stände durch einen Einsiedler vorgeführt und samt 
ihren Vorzügen und Schwächen geschildert. Zuerst wurde diese 
Revue im Fastnachtspiele dramatisch verwertet, man denke 
an die verschiedenen Bearbeitungen der Sage vom getreuen Eckart 
vor dem Venusberg. Später erst kam die erzählende Revue auf; 
ihr künstlerischer Höhepunkt ist Murners ,,Geuchmatt", wo 
der Dichter selbst als Kanzler uns die Geuch vorstellt. 

Ebenso wie in den einfachen Revuen i) ist die Anordnung bei 
Greff ganz schematisch. Zuerst tritt eine Person auf und hält 
einen Monolog, dabei klagt ein Stand über den anderen: der Bauer 
über den Städter und umgekehrt, der Bettelmönch über den Scha- 
den, den Luther den Klöstern zugefügt, der Edelmann über die 
parvenuhaften Bürger usw. Nach diesem Monolog^) tadelt die 
Person den Vater in vier Zeilen wegen seiner Handlungsweise; 
dieser fertigt sie grob ab, und sie geht, ohne ein Wort zu sagen; 
nun klärt der Vater den Sohn über ihr Wesen und ihren Charakter 
auf. Da Greff natürlich nicht alle Stände auftreten lassen konnte, 
muß der Vater am Schlüsse in einer ungeheuer langen Rede die 
nicht erschienenen Personen (Papst, Fürsten usw.) charakterisieren. 

Gegenüber diesem ziemlich ungeschickten Werke 3) steht Se- 
bastian Wild auf einem bedeutend höheren Niveau. Er geht wohl 
auch von Sachs aus; daß er auch Greff kannte, ist aber schwerlich 
anzunehmen, obwohl die Verse des Herolds an den Titel ,,Mundus" 
anzuklingen scheinen: 

„Darumb seyt still vnd mercket auff / 
So möcht jr hören der Wellt lauff /". 



1) Vgl. auch Gengenbach. 

-) Der einzige Versuch, die beiden Bauern miteinander einen Dialog 
führen zu lassen, ist mißglückt. 

^) Scherers Urteil über Greff halte ich für zu schroff ablehnend. 
Leider verfiel R. Buchwald in den entgegengesetzten Fehler; besonders 
die Verdienste Greffs um das deutsche Volksdrama scheinen mir zu hoch 
angeschlagen. 



131 



Dieser Titel scheint überhaupt verbreitet gewesen zu sein; 
so enthält Philipp Wackernagels „Das deutsche Kirchenlied" 
im II. Bande (S. 843 ff., 1075 ff. und 1077) drei Lieder, die den 
nämlichen Titel tragen, sich aber nicht auf unseren Stoff beziehen, 
sondern nur allgemeine moralische Betrachtungen enthalten. 
Aber ein Punkt vor allem ist es, worin Wild über Sachs und 
Greff hinauskommt: die Art und Weise, wie die einzelnen Per- 
sonen tadeln, steht in innerer Beziehung zu ihrem Charakter^). 

Alle Vorgänger Wilds berichten nur, daß Vater und Sohn 
neben dem Esel hergehen; Wild sucht diese einfache Tatsache 
auszuschmücken. Zuerst gehen die beiden hinter dem Esel her-). 
Da begegnet ihnen ein nicht näher charakterisierter Abenteurer, 
der sie als Trabanten des Esels verspottet; er empfiehlt ihnen am 
Schluß, im nächsten Wirtshaus ein Seidel Wein zu trinken: 
,,So möcht jr dem Herren Esel 
Dester besser nachfolgen schnell." 

Auf diese Verspottung hin nehmen die beiden Reisenden den 
Esel am Zaume; allerdings ist hier der Sohn der Klügere: 
,,Ey nein er förcht er lauff vns hin / 
Vnd verlieren jn auff der Strassen." 

Jetzt begegnen ihnen ein Bader und ein Bauer. Der Bader, 
der sehr gut geschildert ist, hält den Esel für krank. Als ihm der 
Doktor seinen Stand mitteilt, fühlt er sich seiner Sache noch 
sicherer und empfiehlt ihm, den Esel in die ,,Aapodeck" zu führen 
und dort die Handlungen mit ihm vorzunehmen, die im Fastnacht- 
spiel vom Arzt immer wieder vorkommen 3). Der Bauer dagegen 



^) Die Rahmenszenen sind später zu betrachten. 
^) Die Regiebemerkung lautet: sie ,, treiben den Esel vor jn her"; 
allerdings sagt der ,,Abenthewrer": 

,,In disem Landt hab ich nye kein 

Esel sehen Trabandten haben / 
Welche neben jm einher traben". 
Das scheint bloß ein Versehen zu sein, denn die Trabanten gehen 
doch wohl eher hinter drein. 

3) Die letzten Verse der Seite LH V v (bei Tittmann S. 223, 65-71) 
hatte wohl der Bader zu sprechen. Außer der inneren Wahrscheinlichkeit 
spricht die ganze Anordnung dafür: mit der Zwischenrede des Bauern 
ist seine Rolle fertig. 

9* 



— 132 — 

meint, er solle wenigstens den Knaben reiten lassen; er selbst habe 
einen alten Esel zu Hause, den er aber nie schone. 

Währenddessen kommt der Schultheiß und der Wirt. Der 
Schultheiß fragt sofort nach Namen, Stand und Wanderziel wie 
eine richtige Obrigkeit; als er aber den Namen ,,Dr. Rechtthon" 
erfährt, kann er es sich nicht versagen, bitter zu spotten: der 
Doktor wolle wohl in der Stadt Kunst und Weisheit in solcher 
Menge kaufen, daß er jetzt das arme Tier schonen müsse. Darüber 
erzürnt der Doktor sehr: 

,,So vil Kunst hab ich wol bey mir / 
Das ich ewr aller meinung spür/"; 
aber er besinnt sich auf seinen Namen und seinen Ruhm: 
,,Darummen will ich euch recht than / 
Vnd meinen Son jetzt reiten lahn / 
Nach außweisung meines namens schlecht 
Das ich euch allen will thun recht". 
Doch der Schultheiß spottet weiter: 

„Herr tragt den Esel in die Stadt / 
Er wirt sonst müth". 
Da bringt der Wirt das Gespräch und damit den ganzen Akt 
dadurch zum Abschluß, daß er die anderen auffordert, den Doktor 
Doktor sein zu lassen und in sein Wirtshaus zu kommen, was alle 
mit Freuden tun. 

Bei Beginn des dritten Aktes reitet der Sohn. 
,,Auff das wir nit von ander Leuten 
Aber mal geuexieret weren". 
Da treffen sie einen Kaufmann, einen Bürger und einen 
Edelmann; auch sie bringen dem Doktor mit seinem anmaßenden 
Namen das größte Mißtrauen entgegen. Der Kaufmann fragt ihn 
nach seiner Frau; wie dabei der Doktor bekennen muß, daß manch- 
mal ,,das Wetter schlecht ein", ist eigentlich der Beweis erbracht, 
daß er seinem Namen nicht gerecht werden kann. Aber er meint, 
sein Name beziehe sich bloß auf das ,,was in das Regiment ge- 
hört", nicht auf häusliche Angelegenheiten. Die ganze Szene zeigt 
ein glückliches Zurückgreifen Wilds auf die sehr beliebten Fast- 
nachtspiele mit häuslichen Konflikten. Durch solche kleine Züge 
wird die Verbindung des volkstümlichen Spieles mit dem Schul- 



— 133 — 

drania wiederhergestellt und dadurch das deutsche Volksschau- 
spiel auf eine kultiviertere Stufe gehoben. Der Tadel, daß der 
Vater nicht reitet, wird zum Schlüsse ganz äußerlich angehängt; 
aber auffallend schnell lassen sich Vater und Sohn von ihm be- 
stimmen. 

Nun kreuzen ihren Weg ein Bettler und eine Bettlerin; der 
Vater fordert den Vitzentz^) auf, ihnen drei Groschen zu geben. 
Da erbarmt sich voll Dankbarkeit die Bettlerin über das Kind 
— eine ausgezeichnete Motivierung! — , das schwitzend auf dieser 
,, rauchen Strassen" zu Fuß gehen müsse, und der Bettler schließt 
sich ihren Bitten an, der Vater möge doch den Sohn auch mit- 
reiten lassen. Die Bedenken wegen der zu schweren Last zerstreut 
ein Müller, der ja in diesem Falle Sachverständiger ist: sein Esel 
sei bloß halb so stark, müsse aber doch ein ,, schaff körn" und ihn 
selbst tragen. So läßt sich der Vater überreden, den Knaben mit 
auf den Esel zu nehmen. 

Kaum haben diese drei Wanderer die Bühne verlassen, da 
kommt ein Handwerksmann und ein Pf äff 2); diese haben natürlich 
wieder Mitleid mit dem Esel. 

Jetzt stehen sich Vater und Sohn ratlos gegenüber; da fällt 
dem Jungen zum Glück der Rat des Schultheißen ein, den sie 
vorher in ihrer Verblendung für Spott gehalten hatten. 
„Fürwar wir werden wol bestehn / 

So wir vnsern Esel tragen / 
Ich will jn vornen auf mich legen / 

So greif f du binden dran hergegen^) 

Wir wollen mit zum Keyser gähn." 
Naiv bemerkt der Sohn dazu: 

„ Ich mein es werd lachen der Mann / 
Wann er vns sieht den Esel tragen". 



1) Nur an dieser Stelle erfahren wir, wie der Knabe heißt und daß 
er das einzige Kind des Vaters ist; ebenso wie nur im Gespräch mit dem 
Kaufmann erwähnt wird, daß die Frau des Doktors noch Jebt. Viel besser 
ist es, wenn Sachs und Greff die Mutter schon gestorben sein lassen. 

2) Man denkt an den Prolog zu Greffs „Mundus": 

„Ir wist es ist kein spiel so klein. 

Es wil einn alt weib oder Münnich drin sein". 

3) Vgl. S. 156. 



— 134 — 

Und wirklich kommen gleich lachend und spottend ein Hand- 
werksgesell, ein Bote und ein Landsknecht; besonders der letztere 
bewundert immer den großen Hasen, den der Doktor geschossen 
und nach Schlesien tragen wolle; er hält ihn für ,, aller Hasen 
Mutter groß"^). Dann aber lacht er den Doktor weidlich aus, daß 
er den Esel auf sich reiten lasse. Auf die gereizte Antwort des 
Vaters, er heiße ,,Rechtthon", entgegnet er spöttisch: 
,,Du hast der rechten Stund verfehlt / 
Heüt am Morgen mit dem Auffstahn"^). 
Die anderen ziehen unter großem Gelächter ab und lassen 
„den Esel reyten 
Auff seinem Doctor in die weyten". 
Da ergreift den Vater gerechte Wut und er schleudert den Esel 
ins Meer 2), was der Sohn mit den gefühlvollen Worten begleitet: 
,,Gehin du fauler Eselstropff / 

Wol hast du mir ertruckt den kopff / 
Wol hab ich so hart an dir tragen". 
Doch ihre Hoffnung, damit allen Tadel aus der Welt geschafft 
zu haben, erfüllt sich nicht. Ein Reiter bedauert sie wegen ihres 
weiten Marsches; aber wie er vom Ende des Esels hört, ruft er aus: 
„Du nennest dich aus vppigkeit 
Einen Doctor aller weyßheit / 
Du bist der gröste Narr allein /" 
Wild läßt den Doktor beschämt, aber auch gebessert gehen. 
Soweit konnte Wild Sebastian Brant folgen; auf diese Quelle 
hingewiesen zu haben, ist Goedekes Verdienst. Da diese Brant- 
fabeln mit der Aesop-Übersetzung Steinhöwels zusammenge- 
druckt sind^), konnte Wild schreiben ,,aus dem Esopo gezogen". 

1) Die Schlesier hatten einst, wie die Bürger der Stadt Drausfeid 
bei Göttingen, einen Esel seiner Ohren wegen für einen Hasen gegessen 
(Tittmann). 

2) Vergl. Anm. 1 auf Seite 135. 

3) Vgl. S. 155. 

*) Die ersten Zeilen der Vorrede in der Straßburger und Freiburger 
Ausgabe stimmen wörtlich mit dem Vorlu-richt zu der Aesop-Ausgabe 
von J. Zainer in Ulm (o. J.) überein, wie sie Lessing — der auch auf 
diesem Gebiete noch heute jeder wissenschaftlichen Arbeit Anregungen 
gibt — in dem Aufsatz über ,,Romulus und Rimicius" aufgezeichnet hat. 
(Werke, Lachmann-Munckcr XP S. 365 f.) 



135 



Das Exemplar der Straßburger Ausgabe, welches die Staats- 
bibliothek zu iMünchen besitzt, trägt auf dem ledergepreßten 
Deckel den einfachen Titel ,,Esopus"; das Göttinger Exemplar 
der Freiburger Ausgabe hat auf dem Pergamentrücken die hand- 
schriftliche Bezeichnung ,,Esopus durch Doctor Brant"; ein Be- 
weis dafür, daß diese Bezeichnung ganz gebräuchlich war. 

Aber dieses Resultat ist unzuverlässig, denn es zieht die Rah- 
menszenen nicht in Betracht. 

Der Kaiser klagt zu Anfang über die Unmöglichkeit, es aller 
Welt recht machen zu können; der Marschalk sucht ihn zu trösten: 
,,Der muß am Morgen früh auffstahn / 
Der allen Menschen recht will than".i). 
Aber der Kaiser ist der Regierung müde und bietet seinem 
Marschalk wenigstens für ein Jahr die Krone an; der weigert sich 
aber ganz entschieden. Zum Glück fällt diesem der Doktor ein, 
der sich rühmt, es allen Leuten recht zu machen; zufällig kommt 
er auch gerade herbei und erklärt stolz: 

,,Gnediger Herr ich hab bey allen 
Menschen kein vngunst auff erdtreich". 
Aber ehe er die Krone nimmt, will er zuerst den Beweis für 
seine kühne Behauptung erbringen. Der Kaiser ist es zufrieden, 
obwohl der Hofnarr — sehr frisch und witzig — den Doktor als 
seines gleichen anspricht und mit demselben Rechte die Krone be- 
anspruchen zu können glaubt. Zum Abschied ermahnt der Kaiser 
den Doktor: 

,,So thut bey zeyt auffstahn". 
Als aber der Doktor erst um 9 Uhr kommen will, fragt der 
Monarch verwundert: 

,,Wilt du allen Menschen thon recht 
Und- wilt schlaffen bis neune schlecht?" 
Doch will er die Probe wagen, trotzdem auch schon der Mar- 
schalk den Doktor für einen ,,Geugelmann" hält. 

Wie dann am Schlüsse der gedemütigte Doktor zum Kaiser 

1) Vgl. Brants ,, Narrenschiff" Kap. 41 : ,,Wer yedermann künd 
dienen recht / Der must syn gar eyn guter kneht / Und früg vor tag dar 
zu vffston". Zarncke führt in seiner Ausgabe (Leipzig 1854) mehrere Pa- 
rallelstelien an, aber Wild nicht. 



— 136 — 

kommt, ihm seine Beschämung eingesteht und die Krone ausschlägt, 
verspricht der Kaiser, ihm den Esel zu ersetzen, und ernennt ihn 
und seinen Sohn zu Hofräten. Gewiß soll das kein Schwankmotiv 
sein, wie Goedeke meinte; der Kaiser hat gesehen, daß die beiden 
genug Weltkenntnis auf ihrer Reise gesammelt haben, diesen 
wichtigen Posten auszufüllen. 

Für diese Einkleidung vermag ich keine Quelle anzugeben. 
Sicher war eine solche vorhanden: denn eine so glückliche Er- 
findung und einen so guten Aufbau kann man Wild nicht zutrauen; 
ganz abgesehen davon, daß solch künstliche Einrahmungen im 
Drama des 16. Jahrhunderts eine äußerst seltene Erscheinung 
sind, trotz der großen Beliebtheit von Zwischenspielen, welche 
allerdings meist komisch waren i). 

Dieses Rätsel kann auch eine Mitteilung Joh. Joach. 
Eschenburgs, des bekannten Freundes Lessings^), nicht lösen. 
Dieser berichtet im ,, Neuen literarischen Anzeiger" 1807 von einem 
Holzschnitte ohne Jahr und Signatur, dessen Entstehung er in die 
erste Hälfte des 16. Jahrhunderts verlegt. 

,,Das erste und letzte Fach dieser Tafel gehört nicht zu dem 
Inhalte der Fabel, sondern scheint sich auf irgend einen, wahren 
oder angenommenen, Anlaß zu ihrer Erzählung zu beziehen. In 
dem ersten scheint ein Bote von einem kaiserlichen Herold einen 
Auftrag zu erhalten, und in dem achten der Herold dem Kaiser 
und dem Papste Bericht von dieser Sendung abzustatten, vermut- 
lich mit Erzählung und Anwendung der Fabel. Möglich auch, daß 
unter dem Boten im ersten Fache die Hauptperson derselben zu 
verstehen ist; denn dieser heißt beim Poggi (sie!) senex, beim 
Boner schlechthin Mann, und späterhin erst ward ein Müller daraus. 

Die übrigen sechs Abteilungen verfolgen die Geschichte ganz 

in der Ordnung, welche die älteren Erzählungen halten Hier 

gehen zuerst Vater und Sohn neben dem Esel her; dann reitet ihn 
der Sohn, dann der Vater, darauf beide; dann trägt der Vater den 
Esel auf der Schulter und der Sohn hilft ihm nach; endlich stürzen 
beide vor Ungeduld den Esel ins Wasser." 

Als Goedeke die Ähnlichkeit mit der Wildschen Komödie 
sah, glaubte er eine Illustration nach einer Aufführung des Wild- 

^) Vgl. die Schrift von Fr. Hammer. 
2) Er kannte aber Wild nicht. 



l 



— 137 — 

sehen Stückes vor sich zu haben. Mit Recht legt er keinen großen 
Wert auf die Zeitbestimmung Eschenburgs. Es dürfte noch heute 
einem Kunsthistoriker unmöglich sein, einen primitiven Holz- 
schnitt genau zu datieren. Da Eschenburg keine Angabe über den 
Besitzer macht, ist die Nachforschung noch mehr erschwert. So 
führten auch meine Erkundigungen zu keinem Resultat. 

In seiner Entdeckerfreude ist Goedeke wohl etwas zu weit 
gegangen. Aber schon Jul. Tittmann wirft die Frage auf, ob 
dieser Holzschnitt Illustration oder Quelle sei. Als unmittelbare 
Quelle ist aber dies Bild keinesfalls anzusehen; daß Wild daraus 
die ganze Rahmenerzählung sich kombiniert hätte, kann man seiner 
Phantasie nicht zutrauen. Wenn wir Eschenburg glauben dürfen, 
daß der Bogen nicht zum Zerschneiden in einzelne Bilder bestimmt 
war, wäre ein solches fliegendes Blatt ein Beweis für die Volkstüm- 
lichkeit des Stoffes in dieser Einkleidung. Sollte die Aufführung, 
nach der die Zeichnung angefertigt wurde ^), wirklich die des Dramas 
unseres Basti Wild sein — und als solche wäre sie ein sehr wert- 
voller Beitrag für die Kenntnis seiner Bühne — , schließt das natür- 
lich nicht aus, daß er eine Vorlage hatte, der er jedenfalls ziemlich 
sklavisch folgte. Sicher muß man annehmen, daß Wild diesen für 
seine Begriffe sehr komplizierten technischen Apparat nicht selbst 
erfunden hat; die anderen Dramen verbieten eine solche Annahme. 

Ein Verdienst ist aber Wild doch zuzuschreiben: die ,,Tragedj" 
ist frisch und lustig, und die Personen sind — zum größten Teil 
wenigstens — so lebendig gezeichnet, daß man hier wohl eigene 
Arbeit Wilds annehmen muß. Wie ist z. B. der stolze Doktor treff- 
lich geschildert, wie er in seiner ,,Schaube" und seinem breiten 
Hut — „Ich glaub es sey ein Cartinal" — gravitätisch einher- 
schreitet, verächtlich auf die Leute herabsieht, die ihn wegen 
seines Dünkels verhöhnen; wie er beleidigt ist wegen der Frage, 
ob er seinen Sohn in die Lehre oder in die Schule schicken will: 
,,Mein lieber Freündt, er ist mein Sun". So ließen sich noch mehrere 
gute Züge anführen; auf die Charakterisierung der Nebenpersonen 



1) Für eine zugrunde liegende Aufführung spricht das von allen 
Quellen abweichende Tragen des Esels auf der Schulter, das sich durch 
Rücksicht auf die Bühnenverhältnisse dagegen leicht erklären läßt. Vgl. 
S. 156. 



— 138 — 

wurde gelegentlich schon hingewiesen; vor allem ist der Hofnarr 
nicht zu vergessen, der in diesem Drama wenigstens einigermaßen 
witzig ist. 

Getrübt wird der erfreuliche Eindruck, den dies Drama macht, 
durch den Beschluß: ein Meistersinger und Schulmeister oben- 
drein mußte natürlich dem Stück eine fromme Moral anhängen; 
H. Sachs hätte wohl irgend eine Lebensweisheit am Schlüsse aus- 
gesprochen, Wild aber greift zu allegorischer Auslegung. 
,,Diser Doctor bedeutet hie 
All fromb einfeltig Christen die 
Sich fleissen thon in zucht vnd ehren" 
und alles für Gott opfern. Und wie der Kaiser dem guten Doktor 
Rechtthon seinen Esel ersetzt, so wird Gott dem frommen Menschen 
die für ihn gebrachten Opfer ersetzen. 

Wild merkt gar nicht, wie fehl am Ort diese Moral ist. Der 
Doktor handelt ja nicht auf göttlichen Befehl oder nach sittlichen 
Grundsätzen, er verliert den Esel aus Dummheit; so scheint der 
Vergleich mit dem opferfreudigen frommen Christen nicht ganz 
zu passen. 

Ebenso ungeschickt wie dieser Prolog ist wieder der Aufbau: 

I. Akt: Szene am Kaiserhof. 

II. Akt: Vater und Sohn gehen hinter und vor dem Esel. 
III. Akt: Alle andern Fälle. 

Schlußszene am Kaiserhof. 

Daß der ,,Asinus vulgi" Wilds bestes Drama ist, ist kein Zu- 
fall. Mit ihm hatte er den Weg beschritten, der dem deutschen 
Theater eine konsequente Entwicklung bewahrt hätte: das Schul- 
drama, das vom Humanismus stammt, und das volkstümliche Fast- 
nachtsspiel vereinigten sich; aus dieser Synthese hätte eine natio- 
nale Kunst entstehen können, wie sie sich z. B. in England auf 
demselben Wege entwickeln konnte. 



Reimchronik und Meistergesänge. 



Außer den Dramen sind uns von Wild noch einige Meister- 
gesänge und eine gereimte Kaiserchronik erhalten. 

Im Jahre 1565 malte der vierundachtzigjährige Georg Sorg, 
„der loblichen vnnd des Heilligen Reichs Staatt Augspurg Maller", 
für den bayerischen Pfalzgrafen Albrecht die Bilder aller römi- 
schen, griechischen und deutschen Kaiser. Die begleitenden Verse 
dazu stammen von Wild. Zu jedem Kaiser schrieb er eine kurze 
Erklärung, die eine halbe bis eine ganze Folioseite ausfüllt. 

Das Werk, welches die Münchener Staatsbibliothek besitzt 
(Cgm 960), trägt den Titel: 

,,Volgen hierin Beschriben alle Römische vnd 
Theutsche Kaiser thaten Vnnd Leben etc. Von Julio 
Cesari ann biß auff Maximilianum den anderen dis namens auß 
warhafftigen vnnd gründlichen Historien als ein Chronica zu- 
sammengesucht, wie des Herolts spruch vorherr Vermag". 

Wer nun aber annimmt, daß der Herold^) Aufschluß über die 
zu dieser Dichtung benützten Historien geben werde, täuscht sich. 
Wir bekommen nur gute Lehren zu hören. 

Welche Vorlage Wild benützt hat, vermag ich nicht anzugeben. 
Seiner Arbeitsweise nach ist zu vermuten, daß er eine Chronik fast 
wörtlich ausschrieb und nur kleinere Teile aus anderen übernahm. 



^) Daß möglicherweise der Herold, wie er am Schlüsse des Buches 
abgebildet ist, Wilds Züge trägt, hat schon Hartmann gesagt. Für die 
Herausgeber des offiziellen Führers zum Erler Passionsspiel ist diese Ver- 
mutung schon zur Gewißheit geworden. Im übrigen ist dieses Bild ganz 
schablonenhaft, ohne individuelle Züge. 



— 140 — 

Schedels und Francks Weltchroniken, deren genauer Titel 
S. 79f. zitiert wurde, enthalten in einem besonderen Teile die Reihe 
der Kaiser und Päpste von Julius Cäsar bis Karl V.; ebenso Ege- 
nolffs 1535 in Frankfurt erschienene ,,Chronika"i) und die „Chro- 
nica durch Magistrum Johan Carion fleissig zusamen gezogen/ 
menigklich nützlich zu lesen" 2)^ die durch Melanchthons Bear- 
beitung und Fortsetzung bekannt wurde und ein damals viel ge- 
brauchtes Schulbuch war. Hans Sachs schrieb am 12. Februar 
1530 eine ,,Historia. All römisch kayser nach Ordnung, wie lang 
yeder geregiert hat, zu welcher zeit, was sitten der gehabt vnd was 
todtes er gestorben sey, von dem ersten an biß auff den yetzigen 
großmechtigsten kayser Carolum 5."^). Er nahm seine Angaben 
teils aus Schedel, teils aus einem merkwürdigen Büchlein, das 1522 
in Basel erschienen und von dem Freiburger Doktor Jakob Mennel 
(Manlius) verfaßt ist*): „Keyserall vnd BapstalT'^). Hier 
werden in Tabellenform die Regierungsjahre, Todesarten und die 
Taten der römischen, griechischen ^) und deutschen Kaiser registriert. 

Da die Geschichtsschreiber des 15. und 16. Jahrhunderts, die 
im wesentlichen nur Kompilatoren waren, ihre Werke meist gegen- 
seitig abschrieben, sind die Unterschiede der verschiedenen Chro- 



1) „Chronica / Beschreibung vnd gemeyne anzeyge / Vonn alier 
Wellt herkommen / Fürnämen Lannden / Stande / Eygenschafften / 
Historien / wesen / manier / sitten / an- vnd abgang. Auß den glaub- 
wirdigsten Historien / On all Glose und Zusatz /Nach Historischer Warheit 
beschriben". 

'-) 1532 in Augsburg gedruckt. 

3) H, 353 ff. - Vgl. Drescher, S. 21 ff. 

4) ADB XXI, 358. - Münchner ÜB Hist. 256 4». - StB Eur. 507 m. 

5) ,,In disem Büchlin findstu kurtzs begriffs aller Römischen Keyser 
vnd Bäpst historien / das ist / die zeyt wenn vnnd wie lang ein yeglicher 
regiert hab / was geschlechts / auch was eygenschafft er an im gehapt / wie 
vnn wo er gestorben /auch was für dreffenlichs seiner zeyt geschehen ist/ 
Darbey was ein yeder Bapst sonderlichs geordnet vnd der kirchen guts 
gethan hat etc. Alles lüstig vnd nutzlich zelesen". Anno MDXXH. — 
Der Verfasser umschreibt seinen Namen in der 1507 erschienenen ,,Cronica 
Habspurgensis nuper Rigmatice edita" (Münchener StB P. 0. germ. 
23b f.) gelungen: 

„Er heist nit Mennlin auch nit mann 
Des mittel sol man nemen an". 
") Die griechischen (byzantinischen) Kaiser werden dazu benützt, 
die Lücke zwischen den römischen und deutschen Kaisern auszufüllen. 



— 141 — 

niken nicht sehr groß. Die Reihenfolge der Kaiser ist überall die- 
selbe — was vor allem bei den griechischen Kaisern ins Gewicht 
fällt — und die Jahreszahlen weichen nirgends sehr viel vonein- 
ander ab. Der Hauptunterschied besteht darin, daß der eine ein- 
mal eine Anekdote mehr oder weniger berichtet. Die Charakte- 
ristik der Herrscher ist schablonenhaft, manchmal bei den ver- 
schiedenen Verfassern ganz entgegengesetzt. 

Wild hat anscheinend alle diese Bücher nicht als Vorlage be- 
nützt. Die Jahreszahlen stimmen mit der Chronik des Carion 
vollkommen überein; auch die Lebensbeschreibung Julius Caesars 

Carion: Wild: 

,,vn dazumal hat Cesar Die kunst mathematicum genand 
das jar im gantzen Römi- Brecht ehr mit auß Egiptenland . . . 
sehen Reich nach der Son- Darnach ehr Im gantzen Reich da, 
nen lauff ordnen lassen. . . Die Jarstzeit gordiniret hat/ 
Dazu hat er ein trefflichen Nach der sunen lauff". 
Mathematicum mit sich 
auss Egypto gefürt." 

Sonst findet sich aber bei keinem Kaiser eine Stelle, die mit 
Carion übereinstimmt, ausgenommen natürlich solche, die alle 
Berichte gemeinsam haben. 

Man muß vielleicht als Quelle eine Bearbeitung der Chronik 
des Carion annehmen; ob diese gedruckt vorlag oder nur hand- 
schriftlich, läßt sich auch nicht entscheiden, denn Wild hatte 
z. B. sicher Beziehungen zu dem Lehrer Schieß, der — wie schon 
erwähnt^) — eine Reimchronik schrieb. So wäre es möglich, daß 
er durch mündliche Mitteilungen den Stoff für die verschiedenen 
Kaiser bekommen hätte. Jedenfalls kann aber der Literarhistoriker 
nicht eher zu einem abschließenden Urteil kommen, als bis die 
Historiker sich genauer mit der Geschichtsschreibung des 16. Jahr- 
hunderts beschäftigt haben 2). 

Es ist vielleicht für die künftige Forschung von Vorteil, hier 
eine Anekdote über Friedrich Barbarossa mitzuteilen, die sich 
in den angeführten Chroniken nicht findet; unter Umständen kann 
man dadurch später einmal auf die richtige Spur kommen: 



1) Vgl. S. 13. 

2) Jeachimsens vortreffliche Arbeiten beschäftigen sich in erster 
Linie mit der Geschichtsschreibung des Humanismus. 



— 142 — 

Als Barbarossa Venedig belagerte, schwur er, nicht früher 
Frieden zu schließen, ehe er ,,sant mary blan" (= Piazza) zu einem 
Acker und ,,sand Maxkirchen" zu einem Pferdestall gemacht habe. 
Damit die Venezianer Frieden bekamen, 

,,Gosen sie klockspeisine pferdt^) / 

Steltens in send marx kirchen werd, 
Pflesterten den platz biffing weiß / 

Ehr hecht vnd furchten drein mit vleiß. 
Das er noch aim acker gleich sieht". 
Daß Wild bei Karl V. Luther und die Reformation nicht er- 
wähnt, scheint mir nicht schwerwiegend zu sein. Er konnte doch 
nicht in einem Buche, das einem katholischen Fürsten gewidmet 
werden sollte, die Ideen der Reformation, die damals noch in allen 
Köpfen gährten, berühren. 

Daß die Krönungsfeierlichkeiten Maximilians II. in Frankfurt 
so ausführlich dargestellt sind, bedarf keiner Erklärung; er war 
der damals herrschende Kaiser, und das Werk klingt aus in ein 
Lob für ihn und in Glückwünsche für seine Zukunft. 

Die Tendenz der Einleitung ist stark moralisierend: Wild will 
die schlimmen Seiten der Herrschaft zeigen und dadurch vor Ehr- 
geiz und Neid warnen. Der Schluß bringt uns die bereits aus dem 
,,Asinus vulgi" bekannte Lehre: Nie ist die Welt mit ihrer Obrigkeit 
zufrieden, und niemand kann es ihr recht machen. Von einer mora- 
lischen Tendenz ist in den einzelnen Lebensbeschreibungen gar 
nichts zu spüren. Die Reime unterscheiden sich nicht von denen 
der Dramen Wilds; auch der Schluß ist ganz ähnlich: 
„Derhalben ist zu biten hie / 

Das vns got allzeit bei stand die, 
Durch sein gnadreich erbarmung mild / 
Spricht vnd lerdt Sebastian Wild". 

Die zweite größere Dichtung Wilds gehört dem Meistergesänge 
an: sie ist ein sogenannter ,,Hort"; dieser Kunstausdruck der 
Meistersinger bedeutet eine zusammengehörige Reihe von Liedern, 
von denen jedes in einem anderen Ton gesungen isf-^). 

') Vgl. s. 80. 

2) Solche sind in Cod. Aug. 370. 4" erhalten von Sachs, Spreng und 
zwei von Onuffrius Schwartzcnbach. — Stofflich interessant ist ein solcher 



— 143 — 

Wilds Hort behandelt: „Die histori der Zerstörung Je- 
rusalim" und steht im Cgm 5103 (f 180 — 199); dieser Sammel- 
band enthält 162 Meisterlieder, die von verschiedenen Leuten ge- 
schrieben wurden. Vielleicht liegt uns hier ein Autogramm Wilds 
vor; das erste Blatt ist von einer anderen Hand geschrieben worden. 

Diese „Zerstörung Jerusalems" ist verfaßt „in drejzehen 
thön sewastian wilden". Diese sind: 

1. Die „hoff weis"; 2. die „junkfrau weis"; 3. die „frid 
weis"; 4. die „flucht weis"; 5. die „kurze nachtweis"; 6. die 
„nasse gsangweis"; 7. der „crönnte thon"; 8. der „wilt thon"; 
9. der „lange Thon"; 10. die „gülden schal weis"; 11. der „über 
lange Thon"; 12. der „über lengte löwen thon"; 13. die „über 
lengte stras weis". 

Das Gedicht ist — wie Wild selbst angibt — nach der jüdischen 
Geschichte des Flavius Josephus verfertigt. Diesem folgte 
auch Hans Sachs in seiner „Tragedia mit 17 personen, die Zer- 
störung zu Jerusalem zu agiren, vnnd hat 6 actus" i) und der Augs- 
burger Lehrer Hans Rogel, der ein langes Gedicht schrieb: „Von 
der Zerstörung der Stat Jerusalem Vnd dem grausamen / er- 
schrückenlichen jamer / so sich darinnen verlauffen"^). Ob Wild 
diese beiden Werke gekannt und benützt hat, läßt sich nicht mit 
Bestimmtheit sagen. Allerdings ist der Umstand, daß auch Rogel 
sein Gedicht anfängt mit der Erwähnung des Mannes, ,,der schrei 
we dag und nachte" (Wild), verdächtig, zumal die Ausgaben und 
Übersetzungen des Josephus diese Geschichte erst später berichten; 
aber beweisend ist dieser Umstand natürlich nicht. 

Ebenso wenig läßt sich entscheiden, welche Übersetzung des 
Josephus Wild benützt hat, da diese sehr wenig von einander ab- 
weichen. Die bekannteste Übersetzung ist die von Kaspar Hedio, 
welche 1531 in Straßburg erschienen ist^). Aber schon die Welt- 
Hort Adam Puschmanns (Göttingen Cod. MS. philol. 197) in 13 Tönen H. 
Sachsens ,,Vom münster zu strassburg", das als erster Murner in seiner 
,, Geistlichen Badenfahrt" gepriesen hatte. 

1) Als Quelle erwähnt er auch noch Egesippus. 

-) ,, Gezogen auß Josepho dem geschieht schriber / Vnd durch Hans 
Rogel / in Reymen weyß gestellet. Allen Christen / zu erinnerung / eines 
Gott seligen lebens/ seer nutzlich zu lesen". Straßburg bei J. Frölich (o.J.). 

=') In dieser Folio-Ausgabe ist nicht nur der jüdische Krieg, sondern 
sind alle Werke des Josephus enthalten. 



144 



Chronik Schedels berichtete von der Belagerung und Zerstörung 
Jerusalems, auch im Anschluß an Josephus; davon schrieb Franck 
das betreffende Kapitel seiner Chronik ab. Nimmt man dazu noch, 
daß sich Joh. Spreng schon damals mit einer Übersetzung des 
Josephus befaßte und daß Wild sicher den Entwurf Sprengs ge- 
sehen hat, so wird es unmöglich, eine sichere Vorlage für Wild zu 
bestimmen, zumal, soweit ich sehe, wörtliche Übereinstimmungen 
mit diesen Werken fehlen. Schließlich ist diese Frage ja von unter- 
geordneter Bedeutung. Darauf, daß zwischen diesem Hort und 
dem Drama vom kranken Kaiser Titus^) ein naher Zusammenhang 
besteht, braucht nur kurz hingewiesen zu werden, 

Wild verwendet in diesem Gedicht seine ganze Kunst auf die 
möglichst grausige Ausmalung der Hungersnot in Jerusalem. 
Im ganzen genommen ist diese Reimerei recht wertlos. 

Die Frage, wie viele Meistergesänge Wilds wir kennen, 
hängt von der Lösung einer Chiffre ab. In Cgm 5102 befinden sich 
einige Lieder, die mit ,,B. W." unterzeichnet sind. Friedrich 
Keinz schließt daraus auf den Sattler Bartlme Welser. Dies ist 
ebensowenig zu beweisen wie die Annahme, daß ,,B. W." bedeutet: 
Basti Wild. Doch kann dafür ein kleiner Stützpunkt angegeben 
werden: in Cgm 5102, f 375, Nr. 266 steht ein Gedicht „In der 
Kurtzen Nachtweiß B. W."; das ist bekanntlich ein Ton Wilds. 
Unterzeichnet ist das Gedicht auch mit ,,B. W.". Also scheint der 
Name Basti Wild gebräuchlich gewesen zu sein. Wahrscheinlich 
hätte der Dichter für den Verfertiger des Tones eine andere Ab- 
kürzung gewählt, wenn Mißverständnisse nahegelegen wären; 
zudem haben sich zwei gleichzeitige Dichter wohl nicht derselben 
Abkürzung bedient. Aber diese Hypothese wird wieder unsicher, 
wenn wir das Gedicht Nr. 29 auf f. 51b des Cgm 5102 betrachten. 
Es ist abgefaßt ,,In der Guldin Schalweiß S. W.", aber unter- 
zeichnet ,,B. W.". So wird man sich weder für den einen noch für 
den anderen Verfasser unbedingt aussprechen können. Stilistische 
Gründe für die Autorschaft eines Meisterliedes lassen sich nicht 
beibringen. Blättert man einen Band von Meistergesängen durch, 
so gleichen sie sich alle in ihren holperigen Versen und in ihrer 
gekünstelten Ausdrucksweise wie ein Ei dem anderen. 

1) Vgl. s. 83. 



— 145 — 

Im ganzen stehen im Cgm 5102 fünf Lieder, die mit ,,B. W." 
unterzeichnet sind. 

Von einer Meistersingerhandschrift in Steierl) in Ober- 
österreich teilt Hartmann mit, daß darin drei Lieder Wilds stän- 
den in seinen eigenen Tönen. Auch sonst waren diese Töne an- 
scheinend sehr beliebt. Hartmann zählt dann diejenigen auf, die 
in dieser Handschrift vorkommen. Leider schließt er zu summarisch : 
,, Lieder, in diesen Tönen Wilds durch ihn und andere gedichtet, 
bilden einen Teil der Steierer Handschrift". 

Über die Verfasser der drei Gedichte in Wilds Tönen, die in 
der Kolmarer Meistersinger-Handschrift (Cgm 4944) stehen, wissen 
wir auch nichts. 

Sie sind überschrieben: 

,, Sebastian Wilden Wilder Thonn"; ,, Bastian Wildenn Ge- 
krönter Thonn" und ,,In der Nassen Gsangweiß Bastian wilden". 

Die allerdings sehr vorsichtige Folgerung, die Hartmann an- 
scheinend aus diesen Titeln zieht: ,,Die beiden ersten Stücke 
scheinen eigene Gedichte Wilds, das dritte nur in einem seiner 
Töne verfaßt", ist nicht zu beweisen. 

So haben wir außer den drei Gedichten in der Steierer Hand- 
schrift, die biblische Texte behandeln, nur eines, das sicher von 
Wild verfaßt ist: es steht in einer Handschrift, die jetzt in Göt- 
tingen aufbewahrt wird (Philol. 197), auf f20. „Der polnisch 
König mit der tisch zucht". ,,In der sauer weiß heinrich enders." 
Unterschrieben ist es ,, Sebastian wilt / dicht". Es behandelt eine 
alberne Episode, wie ein Jude den König von Krakau über Höflich- 
keit beim Essen lehrt. 

Sicher sind sehr viele Meistergesänge Wilds verloren oder sie 
stehen an Orten, wo man sie nur zufällig findet. Aber der Verlust 
ist nicht groß. Sicher sind diese Lieder das am wenigsten Originelle 
in Wilds an und für sich nicht originellem Schaffen. 

Aber ein wertvolles Dokument des Meistergesanges unseres 
Sebastian Wild ist uns erhalten: die eben erwähnten Lieder in 
Cgm 4944 sind mit Noten versehen. So ist uns der „Wilde Ton", 
der ,, Gekrönte Ton" und die ,, Nasse Gsangweiß" erhalten. Leider 



1) Die Handschrift, die ich nicht selbst einsah, ist beschrieben durch 
Schröer in Bartsch' „Germ. Studien" Bd. II. — Der Dichter heißt hier: 
,,Sewast. Wilden". 

XLVIII. Brandl, S.Wild. jq 



— 146 — 

sind die Silben nicht direkt unter die betreffenden Noten geschrie- 
ben, sodaß die Art und Weise des Gesanges unklar bleibt. Solche 
Aufgaben zu lösen, muß der Musikwissenschaft überlassen bleiben, 
die sich durch solche Forschungen ein großes Verdienst um die 
Literaturgeschichte erwerben würde. 

Über die Vers technik Wilds ist wenig zu sagen, erfolgt 
darin hauptsächlich Hans Sachs, wie alle Meistersinger. 

In den Dramen benützt er die allgemein übliche Versart: 
vier mal gehobene Reimpaare, und selbstverständlich zählt er die 
Silben. Der stumpf gebundene Vers mußte acht, der klingende 
neun Verse haben i). Wild zählt die Reime viel genauer als zum 
Beispiel Hans Sachs. Rachel bemerkt über ihn sehr richtig: 
,,Er ist auch in seinen Dramen noch ganz Meistersänger geblieben". 
Dafür sind aber auch seine Verse viel schlechter und holperiger. 
Der Vers Hans Sachsens ist — wenn auch Wolfgang Menzel 
urteilte: ,, Seine Sprache ist fast ohne Ausnahme ohrzerreißend, 
unerträglich hart"^) — bedeutend glatter; er zählt ja auch die 
Silben, aber aus einem gewissen instinktiven Gefühl heraus be- 
tont er sehr oft richtig. Bei Wild dagegen ist man fast versucht zu 
sagen: Mit einer unheimlichen Sicherheit betont er die Verse falsch. 
Dazu kommt noch der Mangel, der in der Form selbst liegt: jede 
Person muß so viel sprechen, daß ihre Worte mindestens eine Zeile 
füllen. Man hat ja gelegentlich Ausnahmen von dieser Regel ge- 
macht: Sachs schiebt kleine Interjektionen ein, die außerhalb des 
Verses stehen, und Paul Rebhun hätte auch auf diesem Gebiete 
reformatorisch wirken können, denn er verteilt in seiner ,, Susanne" 
einen Vers unter mehrere Personen — aber diese Ausnahmen waren 
sehr vereinzelt, und wir wundern uns nicht, daß Wild brav bei der 
alten Regel bleibt. So entsteht ein Vers, den man mit den Worten 
Vilmars als ,, endloses Geklapper" bezeichnen möchte. 

Es ist nicht nötig hier besondere Beispiele anzuführen. Die 



^) Zesen schreibt darüber in der ,,Scala Heliconis Teutonici" Am- 
sterdam 1643: Poetica Germanica vetus est facultas quae ... certum 
syllabarum numerum attendit, nulla habita metri ratione . . . Eiusmodi 
rhythmis utebantur Prisci, inprimis a: octosyllabicis mascuiinis jambicis 
(quos Knittelhardos, knittel-versche, Pritzschmeister-versche vocant). 

-) Deutsche Dichtung 11, 12. 



— 147 — 

in der Besprechung der Dramen eingefügten Zitate dürften ge- 
nügen, wurden sie doch auch aus diesem Grunde in so großer Anzahl 
gebracht. 

Es seien nur einige Stellen angeführt, die zeigen sollen, wie 
Wild den Text einer Vorlage verändert. Zwei größere Reden, 
die er nach Luthers Bibelübersetzung fertigte: die Rede des alten 
Simeon aus dem Weihnachtsspiel und die beiden Reden Gamaliels, 
die in ,,Der Jünger Gefängnis" und im „Stephanus" stehen, 

Simeon auf Seite Diiijb: 

,,Herr biß gelobet Ewigklich / 

Da du hast lassen leben mich. 
So lang biß das die äugen mein / 

Haben gsehen den Heyland rein. 
Nun Herr lass deinen Diener / in / 

Friden faren / wie du vorhin. 
Gsagt hast / dann meine äugen hie / 

Sehen den trost Israels hie. 
Welchen du hast bereytet eben / 

Für alle Völcker / vnnd darneben. 
Ein Liecht zu erleuchten die Heyden / 

Vnd zum preyß deines Volcks bescheyden. 
Sihe Joseph vnd Maria / 

Diser wirt nun gesetzet da. 
Zum fall vnd aufferstehung eben / 

Vilen in Israel darneben. 
Zu einem Zeychen dem auff Erd 

Wider sprechen wirt / vnd ein schwerdt. 
Wirt dein Seel durch dringen / auff das / 

Viler Leüt gedancken für baß. 
Werden geoffenbaret fein." 

Rede des Gamaliel: 
Im ,, Stephanus": 

„ Ir wist vor kurtz verschinen tagen / 
Etlich Junger auch gfangen lagen. 
Welche man auch hat tödten wollen / 
Da thet ich euch die zwen fürstellen. 

10* 



— 148 — 

Den Theüdas vnd auch den Judas / 

Welcher ein Galileer was. 
Dise hiengen an sich ein Rott / 

Vnd wollten gar viel sein vor Gott. 
Aber jr sach bestund nit lang / 

Vnd nam ein spöttischen außgang. 
Wie ich euch näher mals thet sagen / 

Also wirt es sich auch zutragen. 
Mit disen / wo jr sach nit von / 

Gott ist / so mag sie nit bestohn. 
Ist sie aber von Gott beschaffen / 

So solt jr dise Leüt nit straffen. 
Auff das jr nit werd fanden wie / 

Di so wider Gott streyten hie". 

Im „Gefängnis": 

„Dann jr wisst das in kurtzen tagen / 

Sich in der Statt hat zugetragen / 
Mit Theudas der vier hundert Mann / 

An sich hencket / vnd sein Person / 
Ward bald erschlagen / vnd all die / 

Sich an jn henckten seind nun hie / 
Zerstrewt / verjagt / vertriben ach / 

Bald nach demselbigen auffbrach / 
Judas von Galilea / der / 

Verfüret vil Volcks hin und her/ 
Diser ist auch umbkommen eben / 

Vnd all die jm glaubten darneben / 
Seind verjagt / hin vnd her zerstreyt / 

Darumb so lassend ab bey zeyt / 
Von disen Menschen yetzt also / 

Dann ich sag euch gewißlich wo / 
Der raht oder das Werck ist von / 

Den Menschen / so wirdts nit bestahn / 
Ist dann das werck von Gott beschaffen / 

So werd jr es nit mögen straffen / 
Dann die Göttliche Mayestat / 

Lasst nicht zertrennen seinen raht /". 



— 149 — 

Im ,,Octavianus" heißt es: 
Volksbuch: Wild: 

,, Hie streit hie streit / „Hie streyt hie streyt von wegen gar 

von wegen meiner al- Meiner Liebhaberin fürwar / 

lerliebsten köm wel- Wer lustig ist kom auff die bahn / 
eher lustig sey / so wil Ich will sein gar nit fehlen than." 

ich sein nit fälen." 

Hier zeigt sich die Technik Wilds: er gebraucht nicht mehr 
Flickverse, wie das besonders im 15. Jahrhundert gebräuchlich 
ist; ein einziges Mal kommt ein solcher vor: Im „Octavianus" 
bringt „ein hofferter Bott" eine Botschaft von Marcebilla, in 
deren Wortlaut hinein er sagt: 

„Das sagt sie euch durch meinen Mund". 
Sonst arbeitet Wild nur mit Flickwörtern: frei, rein, eben, 
darneben, da, also, recht, schlecht, klar, hergegen, teuer, bei den 
Sachen — das sind seine gebräuchlichsten Reimwörter, die er 
einfach in den Text, den er versifizieren will, einsetzt. 

Um Reime zu bekommen, schließt er manchen Vers mit 
einem Artikel oder einem unbetonten Wort. Das schönste Bei- 
spiel ist der Anfang der Passion: 

„Lieben Herrn euch ist bewust/wie/ 

Einhälig ist bschlossen / als die. 
Synagog war bey einander / 

So bald der verfürer kem her. 
Das man jn solt greyffen vnd tödten /". 
Hie und da trennt er die Worte am Ende der Zeile und reimt 
die nächste auf den ersten Bestandteil des getrennten Wortes: 
anzeygen ver- 

eygen- Volget.. Herr ver- 

schaft künden . . . vetter 

Dagegen hat Wild nicht die Untugend Greffs, die dessen Lek- 
türe so wenig genußreich macht: das Wiederholen einzelner Aus- 
drücke, ja halber Sätze. Das schon angeführte Beispiel (S. 65) 
ist das einzige bei Wild. 

Gleiche Reime kommen bei Wild nicht vor; das verboten ja 
auch die Satzungen der Meistersinger. Die eine Stelle in der Rede 
des alten Simeon steht ganz vereinzelt. 



— 150 — 

Wenig Kopfzerbrechen macht sich Wild, wenn es gilt einem 
Verse einen Fuß wegzunehmen oder einen hinzuzufügen. Er zieht 
einfach ein Wort zusammen, indem er einen Vokal ausläßt, oder 
er fügt einen überflüssigen Vokal dazu. Bildungen wie ,,gsell- 
schafft, zwenig, gsungen" sind ja weiter nicht zu beanstanden; 
aber er gebraucht auch Verstümmelungen wie „gsungn" als ein- 
silbig!^) Hat der Vers einen Fuß zu wenig, so entstehen Wortbil- 
dungen wie: ,,vorhine, plose (= bloß), der Tage" usw. 

Wichtig ist die Verwendung der Reimbrechung, bei der Wild 
dem Vorbild des Hans Sachs folgt. Wild wendet die Reimbre- 
chung, die ein gutes Mittel dafür ist, die Reden zweier Personen 
zu verbinden, immer an. Zwei Stellen (S. Vij^ und Rriiij^) haben 
keine Reimbrechung; das scheint ein Versehen zu sein, denn ein 
Grund ist nicht einzusehen. Natürlich wird dieser Kunstgriff 
nicht gebraucht, wenn eine neue Szene beginnt. Die Folge davon 
ist, daß am Schluß einer Szene oft jemand noch etwas Unmotiviertes 
oder Sinnloses sagen muß, nur um den Reim zu schließen. 

Auch der Gebrauch des Dreireims bei Wild ist von Sachs 
beeinflußt: Sachs schließt gewöhnlich den Prolog des ,,Ernhold" 
— dieser Name kommt bei Wild, nebenbei bemerkt, nie vor — 
mit einem Dreireim, ebenso enthalten die letzten Worte des Dramas 
gewöhnlich einen solchen. Den Beschluß endet fast ausnahmslos 
ein Vers, in dem er seinen Namen nennt. 

Auch Wild schließt die erste Rede des Herolds mit einem Drei- 
reim, außer im ,,Nabot", in der ,,Magelone", in den ,, Weisen Mei- 
stern" und im ,,Asinus vulgi". Am Ende des Dramas bringt er 
dagegen gewöhnlich keinen Dreireim; nur in der Passion und im 
„Titus" steht ein solcher. Daß Wild gerne seinen Namen in den 
letzten Vers einflicht, ist schon berührt worden. In Reimen aufseinen 
Namen hat er keine große Auswahl 2) ; meistens gebraucht er ,,mild" 
oder ,, unmild"; sonst auch ,, stillt", ,,aufquilt" und ,,fürbildt". 

Der Dialekt Wilds ist oberdeutsch; nur ist nicht viel davon 
zu bemerken, denn die meisten Reime gehen auf die schon genannten 
Reimwörter aus. Dann ist noch ein wichtiger Faktor in Betracht 
zu ziehen: wie weit hat der Setzer die Reime verändert? Schon 



^) Das schlimmste Beispiel derart hat Pape geliefert im „David 
victus et Victor" 1602: ,,obrstn". 

2) Rachels Angabe, er kenne nur den Reim : ,,mild — Wild" ist unrichtig. 



— 151 — 

1538 mußte Paul Rebhun in dem Nachwort zu seiner „Hochzeit 
zu Cana" klagen: „Werden fast in allen gedruckten Deutschen 
reymen an der Orthographia vnd Prosodia vielmals irrung be- 
funden". Zudem ist Wilds Sammlung sehr nachlässig gedruckt, 
sinnstörende Druckfehler findet man in Menge. Man wird z. B. 
bei dem Reime „ein — Röcklin" nicht entscheiden können, ob 
Wild schon Röcklein sprach oder ob dieser Reim für ihn unrein 
war^) oder ob ein Druckfehler vorliegt. 

Aber Reime wie ,,Mon — kan — bestan" oder ,,son — nun" 
weisen auf oberdeutsches Sprachgebiet. Diese Frage ist schließlich 
für den Dichter Wild von untergeordneter Bedeutung. Dagegen 
seien solche, die über den Wortschatz des 16. Jahrhunderts einmal 
arbeiten wollen, angelegentlichst auf Wild verwiesen; die Arbeit 
wird nicht umsonst sein. Eine Zusammenstellung der merkwürdig- 
sten Wörter, die Wild gebraucht, würde aber den Rahmen dieser 
Abhandlung sprengen. 



^) Das ist nicht sehr glaubhaft; dieses Versehen wäre ihm von den 
Meistersingern sehr verübelt worden. 



Bühnenverhältnisse. 



Zum Schlüsse haben wir nur noch die Bühne Wilds zu be- 
trachten; hier sind wir nur auf Vermutungen angewiesen, da uns 
bestimmte Zeugnisse fehlen, Pater Expeditus Schmidt hat sich 
die größten Verdienste um unser Wissen von der Bühne des Schul- 
dramas erworben 1); er hat zuerst auf die „Badhütten "-Bühne der 
Humanisten hingewiesen und dann auch immer wieder die größte 
Einfachheit der Bühnengestaltung im 16. Jahrhundert betont. 
Der letztere Gesichtspunkt ist wohl für das protestantische Schul- 
drama der wichtigste. 

Wir haben im 16. Jahrhundert verschiedene Bühnentypen. 
In der Schweiz und im Elsaß liegt eine Modifizierung der alten 
Mysterienbühne vor, das heißt: es treten noch alle Spieler zusammen 
auf und nehmen bestimmte Plätze ein; auch im einfachen Fast- 
nachtspiel betreten alle Personen gemeinsam das Zimmer, und der 
Herold stellt sie den Zuschauern vor. Daneben existiert die schon 
erwähnte ,, Badehütten-Bühne"; für Sixt Birck und auch für Greff 
wird man sie unbedingt annehmen müssen, wohl auch für die Auf- 
führung des Magelonen-Dramas des Studenten. Ganz vereinzelt 
steht ein Stück aus dieser Zeit: Agricolas Drama ,, Johannes Huß", 
das man mit Recht als Märtyrerspiel bezeichnet hat^). Dieses 
wurde in der Kirche aufgeführt; in den Pausen wurde die Orgel 
,, geschlagen", ,,Der Ladonensis Bischoff" hält einen ,, Sermon auff 
der Cantzel"; Huß betet am Hochaltar. 



*) Eine wertvolle Fortführung dieses Buches lieferte Kaulfuß-Diesch. 
2) So ist er ein Vermittler zwischen den mittelalterlichen Märtyrer- 
spielen und den modernen von Calderon, Gryphius und Cronegk usw. 



— 153 — 

Das protestantische Schuldrama wurde meistens ohne viel 
Vorbereitung gespielt: im Schulzimmer oder in einem größeren 
Saal, wobei nur eine ganz einfache Bühne aufgeschlagen war. Ku- 
lissen dürfen wir wohl nicht annehmen'^); es ist auch das Verdienst 
von Pater Exp, Schmidt auf die „gesprochene Dekoration" auf- 
merksam gemacht zu haben. Am berühmtesten ist die Stelle aus 
dem Prolog zu dem Susannen-Drama eines Unbekannten (ge- 
druckt 1535): 

„Das ist auch der schöne garten... 

Diser gart ist gar hübsch vnd schön 

Von kreutern vnd vil beumen grün, 

Welchen so euch zu sehen glust 

Gar scharff brillen jr haben must"^). 
Hie und da treffen wir eine ähnliche Andeutung auch bei 
Wild: wenn der Landsknecht von dem Gebüsch spricht, an dem 
der Doktor mit dem Sohne und dem Esel herumgeht, oder wenn 
Belial die Hölle mit dem gebundenen Luzifer beschreibt; denn 
jedenfalls stand Luzifer nur gebunden auf der Seite. 

Über die sonstige Einrichtung der Bühne Wilds wissen wir 
wenig. Hinten abgeschlossen wurde sie durch einen Vorhang: im 
,,Asinus vulgi" treten Vater und Sohn mit dem Esel hinter dem 
Vorhang hervor, und im ,, Goldenen Kalb" spricht Gott ,,hinder 
eim Fürhang / das man jn nicht sihet". Wenn dann Gott Mose 
auffordert, Aaron mit auf die Spitze des Berges zu nehmen, heißt 
es: ,, Moses tritt mit Aaron zu demvmbhang"; dann gehen Moses 
und Josua ,,in die dunckle des Berges"; dies wird angedeutet: „So 
schlieffen Moses und Josua zu Gott hinter dem Fürhang". 

An dieser Bühnengestalt werden wir festhalten müssen, und 
wir dürfen uns durch unklare Angaben Wilds nicht irre machen 
lassen. Im ,, Goldenen Kalb" und in ,,Der Jünger Gefängnis" er- 
scheint bei Wild ein Ausdruck, der der theatergeschichtlichen For- 

^) Etwas Ähnliches scheint aber hier und da gebraucht worden zu 
sein; der S. 61 erwähnte Cgm 3635 schreibt bei der Schöpfung an mehreren 
Stellen vor: ,, Allda mueß herfür gezaigt werden ein papierne tafel, daran 
vil tier" oder „alda mueß angemalt sein die flammisch hell vnd darin vill 
deifel" oder ,,alda miessen feigpietter sein, als werden si von ainem paum 
herabgenommen, der gemalt mueß sein". 

-) Gedruckt in Scherers deutschen Studien III (Sonderdruck aus 
den Wiener Sitzungsberichten 1890, S. 185 ff.). 



— 154 — 

schung schon viele Rätsel zu lösen gab, die „Brücke", Es ist nicht 
Aufgabe dieser Abhandlung, sich in den Streit der Meinungen zu 
mischen; es sei nur wieder auf Pater Schmidts Buch verwiesen. 
Eine Stellungnahme zu dieser Frage ist hier kaum nötig, weil 
Wild diesen Ausdruck, der anscheinend so Verschiedenes bedeuten 
konnte, ohne bestimmte Absicht gebraucht haben wird. Sehen wir 
uns die einzelnen Stellen näher an! 

Die Juden haben das von Aaron gefertigte goldene Kalb be- 
kommen, das auf einer Säule steht. „Gehn dar mit ab / dantzen 
vnd schreien v n d e n all durcheinander / wens still wirdt / so schlieff t 
Moses vn Josua hinder dem Fürhang von Gott herauß". Der Herr 
befiehlt ihnen, vom Berge herunter zu steigen. ,,Sie treffen vom 
Fürhang auff die Brück ein mal oder zwey herumb / in dem erhebt 
sich wider ein geschrey vom Volck durcheinander tantzen vmb den 
newen Gott wanns still wirdt / spricht Josua": Er höre ein großes 
Geschrei. Moses fürchtet gleich, die Juden hätten sich in seiner 
Abwesenheit einen neuen Gott gemacht. ,,Gehn darmit ab/ 
Cora Datan vnd Abyram^) gehn ein /Mose vnd Josua gleich 
hinnach". Dann fragt sie Moses: 

,,Was ist das? was bedeüt doch die 
Saul vnd das guldin Kalb darauff". 

Man könnte zunächst meinen, die Szene sei auf einer mittel- 
alterlichen Bühne gespielt worden, deren hinterer Teil ein wenig 
höher liegt als der vordere, und diesen Teil habe Wild als Brücke 
bezeichnet^). Dagegen sprechen aber die Angaben, daß die Juden 
abgehen, ehe Moses vom Berge herabkommt, und daß Moses die 
Bühne verläßt, um nach den lärmenden Juden zu schauen, und 
dann mit den Juden wiederkommt. Vielleicht haben wir uns die 
Darstellung so zu denken: Das goldene Kalb auf der Säule war so 
klein, daß es von der Bühne getragen werden konnte. Die Israeliten 
empfangen es also von Aaron und nehmen es mit sich. Von außen 
hört man dann das Geschrei und den Tanz des Volkes. Wenn dann 
die Juden mit Mose wieder die Bühne betraten, mußten sie wieder 
das Kalb mitbringen, da es Josua auf der Bühne in Scherben schlägt. 

1) Das sind die Anführer der Juden. 

2) Dafür spricht auch die Bemerkung: ,,Sie richten ein guldin kalb 

an einer saul vntcr dem Volck auff die herunden im Spil besonder seind". 



— 155 — 

So läßt sich die anscheinend komplizierte Bühneneinrichtung ganz 
einfach deuten. 

Ähnlich ist es mit der Szene aus „Der Jünger Gefängnis". 

Der Hauptmann befiehlt den gefangenen Petrus und Johannes: 
„Da müßt jr in die Gfengknuß ein". 

Hierauf heißt es: „Verstecken sich unter die Brugk". Wenn 
die Schriftgelehrten abgegangen sind, kommt ein Engel und ruft 
die Gefangenen. „Petrus vnd Johannes gehen herfür." 

Daß ein Teil der Bühne so viel über den anderen erhöht war, 
daß zwei Menschen sich darunter hätten verstecken können, ist 
nicht anzunehmen; so hoch dürfen wir uns jedenfalls nicht einmal 
den Aufbau der mittelalterlichen Bühne vorstellen. Ich möchte 
auch nicht an einen — nur für diese Vorstellung bestimmten — 
Einbau denken; denn in der nächsten Szene wird der Hauptmann 
angewiesen, die Gefangenen zu holen. Dazu verläßt er die Bühne, 
kommt aber gleich wieder und berichtet, daß die Gefängnisse ver- 
sperrt gewesen wären; sie hätten sie ganz durchsucht, aber die Ge- 
fangenen nirgends gefunden. Wahrscheinlich wurden die Gefange- 
nen in der ersten Szene nur hinausgeführt. Heißt es der Naivität 
des damaligen Publikums zu viel zutrauen, wenn man annimmt: 
die Jünger seien unter die Bühne geschlüpft, die sich vielleicht 
einen Meter über den Zimmerboden erhob, und hätten unten manch- 
mal die Bekleidung des Gerüstes — wahrscheinlich einen Vorhang 
— bei Seite geschoben und herausgeschaut, um ihre Anwesenheit 
im Kerker zu zeigen? Dann wäre in beiden Fällen der Ausdruck 
,, Brücke" äußerst einfach erklärt; er bedeutete dann eben die 
Bühne selbst i). 

Dann dürfte sich auch unsere Annahme halten lassen, die 
Bühne Wilds sei ein einfaches Gerüst gewesen, das hinten durch 
einen Vorhang abgeschlossen war. Hinter diesen oder zur Seite 
hinaus warfen wohl auch der Vater und der Sohn ihren Esel, wenn 
sie ihn ins Meer schleudern wollten. 

Von Versatzstücken ist in allen Dramen Wilds nur eines 



^) Damit stimmt auch eine Mitteilung von Kaulfuß (S. 18) überein: 
Eine Aufführung von Wilds Passion hätte im ,, Tanzhause" stattgefunden, 
„weil eben der personen zu viel, vnd sich solche Comedi ohne eine Trupp 
nit halten liesse". Über diese Aufführung weiß ich nichts Genaueres. Viel- 
leicht ist sie identisch mit der aus dem Jahre 1588, welche S. 162 erwähnt ist. 



— 156 — 

direkt angeführt: der Stuhl in der Synagoge, auf dem zuerst der 
Älteste der Schule und dann der junge Christus sitzt. Aber jeden- 
falls saß auf diesem Sessel auch Gott (im „Belial"); wahrscheinlich 
auch der Richter in den verschiedenen Gerichtsszenen; wir sehen 
also auch hier die denkbar größte Einfachheit. 

Von dieser sticht der Gebrauch des Esels und der Pferde 
wunderlich ab. Wahrscheinlich benützte Wild einen alten Palm- 
esel; dieser ließ sich auf der Bühne leicht hin- und herschieben i). 
Dafür spricht auch noch ein Umstand: In allen Erzählungen bindet 
der Vater und der Sohn den Esel mit den Füßen an der Stange 
fest; bei Wild sagt der Vater: 

„Ich will jn vornen auff mich legen/ 
So greiff du binden dran hergegen". 
Sie tragen ihn also auf der Schulter; dazu paßt dann auch die Be- 
merkung: ,,Doctor legt den Esel ab". 

Wie Wild aber die Pferde darstellen ließ, vermögen wir nicht 
zu sagen. Sicher geschah dies aber in einer so primitiven und naiven 
Weise, daß wir uns dazu gar kein ernsthaftes Publikum mehr denken 
können. Vielleicht waren es ähnliche Tiere, wie heute die Pferde 
aus Papiermachee, in denen der Reiter geht und springt. Dieses 
Pferd — denn es ist nur eines notwendig — war wohl ein besonderer 
Anziehungspunkt für Wilds Theater. 

Denn immer wieder sucht er es auf die Bühne zu bringen. Be- 
sonders im ,,Octavian" kann er sich damit nicht genug tun; und 
wie kühn sind diese Szenen! ,,Florentz sitzt auff / sprengt ein mal 
oder zwey herumb". Oder beim Kampf des jungen Ritters mit dem 
Riesen wird angegeben: ,,Der jung Ritter rendt sein Spieß an jhm 
ab / der Ryß greifft jn an / tregt jn lebendig hinweg / mit sampt 
dem Roß". Das Volksbuch begnügt sich noch damit, daß der Riese 
den Ritter allein hinausträgt! 

Wichtig ist noch eine Stelle in der ,,Magelone". Peter und 
seine Liebste sind im Wald; er hat ihr das Mieder aufgeschnürt und 
die Ringe entdeckt. ,, Indem leßt er ein Vogel fliegen". Das scheint 
noch ganz in der Art der alten Passionsspiele gemacht worden zu 

') So wird es auch bei Greff gewesen sein und in Rollenhagens ,, Abra- 
ham"; in diesem Drama steht der Esel und das Opferlamm sogar im Per- 
sonenverzeichnis! „Esel mit dem Holtz / Kober / Flaschen / Schlacht- 
meser / Fewrtopff / das Opferlamb in der Hecken hengend". 



— 157 — 

sein, wo Christus bei seinem Tode eine weiße Taube fliegen ließ, 
Judas dagegen einen schwarzen Vogel. Wahrscheinlich hatte Peter 
einen kleinen Käfig hinter sich stehen, den er an der bestimmten 
Stelle öffnen mußte, und zur Freude der Zuschauer flog ein rich- 
tiger Vogel davon. Dagegen vermögen wir nicht zu sagen, wie 
folgende Anweisung im ,,Octavian" ausgeführt wurde: „Die Kinder 
werden jhr hinweggenommen weyl sie schiäfft". 

Die anderen Anordnungen Wilds sind ohne weiteres verständ- 
lich; wir finden sie ebenso bei Hans Sachs^). 

Wenn eine Schlacht geschlagen oder ein Turnier ausgefochten 
wird, erhebt sich draußen ein ,,lermen" oder ein ,,gerespel" oder 
,,ein getühmel vnd klingen mit Fechtschwerter". Das ,,Erdpidem" 
wird durch ein Gepolter angedeutet worden sein; wenn Gott die 
zehn Gebote verkündet, wird ein ,, blitz vnd donnerschlag" gemacht. 

Die Kostüme der Darsteller waren jedenfalls äußerst ein- 
fach; wir erfahren sehr wenig darüber 2), Von der ,,Schaube" und 
dem breiten Hut des Doktors Rechtthon wurde schon gesprochen 3). 
Einigen Aufschluß vermag uns noch ein Wort des Herolds aus dem 
^,Belial" zu geben. Wie der Teufel kommt, ruft er aus: 
,,Behüt vns Gott Herr König fron / 
Wol bin ich erschrocken so sehr / 

Ein schwartzer Man kompt zu vns her 
Ich glaub daß es ein Teüffel sey". 

Die Teufel Wilds sind im übrigen höchst langweilige Gesellen; 
höchstens daß sie auf die Bühne springen und ebenso wieder in 
die Hölle zurückgelangen, oder daß sie sich bei einer traurigen 
Botschaft ,,übel geheben". Keine Andeutung spricht dafür, daß 
sie einigermaßen zur Erheiterung der Zuschauer beigetragen haben, 
vielleicht taten sie das durch ihre Ausrüstung, wie Cgm 3635 vor- 
schreibt: der eine hat eine eiserne Zange, der zweite eine Ofen- 
gabel, der dritte eine eiserne Kette. 



1) Vgl. Glock, s. 24. 

2) Vielleicht war Gott so gekleidet, wie es der oben (S. 61) erwähnte 
Cgm 3635 vorschreibt: „Gott der vatter hat ein überschlagne chron mit 
himlischen glänz, zum ersten ein pristerrock, ein Alben, ein Stollen, ein 
kormantel, und hat ein kugl in der hant, auch soll jm ein gemalte kugl 
mit dem himlischen gestirn vorgetragen werden". 

3) Vgl. S. 137. 



— 158 — 

Die Anweisungen für die Schauspieler sind bei Wild 
nicht so häufig wie bei H. Sachs. Das beste Beispiel, der lange 
Monolog der Magelone, wurde schon erwähnt i). Oder es geht ein- 
mal der König (im „Nabot") traurig ab, oder Peter tut „einen 
grossen seuftzer", oder Magelone weint vor Glück, wie sie Peter 
wieder findet. Leider fehlen solche Angaben zur Steinigung des 
Stephanus, die auf der Bühne stattfand; Sachs gibt bei der Stei- 
nigung des Nabot wenigstens an, dass mit ,, gemachten Steinen" 
geworfen wurde 2). Im übrigen sind alle Angaben Wilds ziemlich 
konventionell. 

Sehr schlecht gelingen Wild die Aktschlüsse. Er muß immer 
alle Personen von der Bühne abgehen lassen, denn einen Vorhang 
gab es damals nicht, und die nächste Szene spielt unter Umständen 
an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit; sehr oft liegt 
zwischen den Auftritten eine Nacht, manchmal aber auch ein viel 
größerer Zeitraum. So hört z. B. die vertriebene Kaiserin im 
,,Octavian" von der Löwin, die ein kleines Kind in ihrer Höhle 
hat; sie eilt trotz der Abmahnungen dorthin. In der nächsten 
Szene tritt sie auch mit dem Kinde auf, erzählt uns aber: 
„Gott im Himmel sey lob vorab / 
Ich hab erraicht das heylig Grab". 

Darum müssen also alle Personen die Bühne verlassen. Am 
besten ist es noch, wenn sie zum Mittagessen gehen wie der alte 
Nabot — diesen Zug hat auch Sachs vielfach verwendet — oder 
wenn sie ins Wirtshaus gehen oder wenn sie etwas anschauen oder 
jemanden aufsuchen wollen. Sind aber wirklich einmal einige 
Personen zwei Szenen unmittelbar hintereinander auf der Bühne 
notwendig, so „treten sie einige male auf und ab". Dadurch soll 
nicht das Zurücklegen einer Wegstrecke angedeutet werden, son- 
dern das Vergehen einiger Zeit^). 

Ganz schlimm aber sind bei Wild die Schlüsse der Dramen 
selbst. Auch hier müssen alle Personen die Bühne verlassen; wenn 



1) Vgl. s. 123. 

-) X, 411. — Am lebendigsten sind diese Angaben im „Huß" von 
Agricola. 

^) Bei H. Sachs ist dies ein Zeichen der Ortsveränderung: in der 
„Griseldis" oder noch deutlicher im ,,Josua", wo dadurch der Durchzug 
durch den Jordan dargestellt wird. 



159 



sie nur immer zur Hochzeit oder zum festlichen Male ziehen woll- 
ten! Das Weihnachtsspiel aber schließt mit der Szene des zwölf- 
jährigen Jesus im Tempel. Die Schriftgelehrten reden über das 
gescheite Kind, und der dritte sagt: 

„Er vbertrifft mich yetzund schon". 
Und fügt dann vollständig unvermittelt hinzu: 
,,Wir wollen gehn auch zu hauß gohn". 
Etwas besser ist es, wenn Lyon am Schlüsse des „Octavian" 
den Wunsch ausspricht: 

,,Wir wölln auch gehn Pariß nahen / 
Mich verlangt fast die Statt zu sehen". 

Da er aus weiter Ferne kommt, ist der Wunsch gewiß begrün- 
det, wenn er auch an einer recht ungeschickten Stelle vorgebracht 
wird. Nur einen guten Schluß brachte Wild zusammen: im „guldin 
Kalb". Die Juden trauern über ihren Abfall von Gott: ,,Aaron 
geht mit allen denen im Spil ein / als ein Priester / die andern in 

klag kleyden Sie knyen all nider / Aaron macht ein rauch / 

in dem geht der Engel ein", der sie auf Gottes Geheiß weiter führen 
soll; ,,Gehn darmit all dem Engel nach ab". 

An dieser Stelle ist vielleicht auch eine Bemerkung gestattet 
über die Titel ,, Tragödie" und ,, Komödie". Man hat darüber 
schon viel gestritten, aber jedenfalls machten die Dichter der da- 
maligen Zeit nicht viel Unterschied — die Humanisten ausge- 
nommen, die entweder Seneca oder Terenz folgten. 

Allerdings spricht Greff in seiner Übersetzung der ,,Aulularia" 
von einer Vierteilung: 

,, Tragedia ward also genannt 
Darinn ein Fürst sein mangel fandt 
Comedia auff die Bürger stach 
Die Satyra frey jedermann zusprach 
Des gleich die Mimi gingen ober aus 
Die strafften jedermann auch jnn seim haus^). 
Von dieser engen Klassifizierung weiß Wild nichts. 



^) Diese Vierteilung stammt nach der Annahme Buchwalds aus der 
„ars grammatica" des Diomedes, welche 1551 von Rivius in Venedig her- 
ausgegeben wurde. Jedenfalls aber war das keine unmittelbare Quelle. 



— 160 — 

Goedekes Angabe i), bei Sachs hieße ein Spiel mit Kampf- 
szenen Tragödie, gilt nicht nur nicht für Wild, sondern Sachs kehrt 
sich selbst nicht an eine solche Regel; als Beweis sei nur sein Octa- 
viandrama erwähnt. 

Von einer sorgsamen Wahl des Titels ist jedenfalls gar nie die 
Rede; und bestimmte Regeln werden sich erst recht nicht auf- 
stellen lassen. Eine bis ins einzelne gehende Untersuchung würde 
wahrscheinlich kein anderes Resultat ergeben. Über diese Äußer- 
lichkeit bei der Wahl der Bezeichnungen hat schon Gryphius ge- 
spottet: im ,, Peter Squenz" (wahrscheinlich 1657 erschienen) sagt 
der Meister Lollinger: ,,Der alt berühmbt deutsche Poet und 
Meister-Singer Hans Saxe schreibet: wenn ein Spiel traurig aus- 
gehet, so ist es eine Tragödie. Weil sich nun hier 2. erstechen, so 
gehet es traurig aus, ergo". Dem erwidert aber Pickelhäring: 
„Contra! Das Spiel wird lustig ausgehen, denn die Todten werden 
wieder lebendig, setzen sich zusammen und trincken einen guten 
Rausch; so ist es denn eine Comödie". Und schließlich einigen sie 
sich auf einen Titel, der verblüffend echt klingt: „ein schön Spiel, 
lustig und traurig, zu tragiren und zu sehen" 2). 



1) Grd. II 2, 409. 

2) Kürschners DNL XXIX, 206. 



Nachwirken Wilds. 



Wilds direkter Einfluß auf seine Zeitgenossen und auf die 
folgende Generation scheint nicht groß gewesen zu sein, trotzdem 
er unter den Augsburger Meistersingern eine so geachtete Stellung 
eingenommen hatte. 

Allerdings, Hans Sachs hatte einmal in einem Tone Wilds 
gedichtet, ,,Inn dem Cröntten thon Sebastian wilden"; das Ge- 
dicht, das aus dem Jahre 1555 stammt und die Unterschrift trägt 
,,Han (sie!) Sachs", steht in Cod. 370 4^ der Augsburger Stadt- 
bibliothek. In Cod. 218 4 ° ist uns ein Gedicht von Daniel S t ei- 
ch el in erhalten, das in der „nassen gsangweiß S. wilden" verfaßt 
ist. In Cod. Aug. 219 4 •^ steht eine durch Joh. Spreng verfertigte 
Bearbeitung des 143. Psalms ,,Inn dem Wilden Thon Sebastian 
Wildens". Die Bezeichnung eines Gedichtes im Cgm 5103 ,,Inn 
der Fluchweis S. willers" (1580) scheint trotz der Korruption 
der Bezeichnung auf einen Ton Wilds zurückzugehen. Auf die 
Steirer Handschrift braucht nicht mehr verwiesen zu werden^). 

Die oben erwähnten, mit ,,B. W." bezeichneten Gedichte 
dürfen hier nicht mehr genannt werden. 

Am auffallendsten aber ist, daß in dem Gemerkbuch der Augs- 
burger Meistersinger (Augsb. Cod. 217 4^)^), das 1610 angefangen 

1) Vgl. S. 145. 

2) ,, Actum Primo Augusti 1610. Als Inn disem Jar Abraham Niggel 
vnd Lucas Gsell Mercker vnd Rudolph Bosshaet vnd Jonas Höckinger 
Bichsenmaister waren, wurde dises Gemerck Buech angefangen, Inn 
wölches auf allen Schuelen alle Text so gesungen, auch was ein Jeder 
versungen hat, vom Jüngeren Cronmaister sollen vleissig eingeschriben 
werden. Gott geb gnad zum anfang mitel vnd ende Amen". 

XLVIIl. Brandl, S. Wild. U 



— 162 — 

wurde, kein einziger Ton Wilds verzeichnet ist. Auf keiner Sing- 
schule sang man in einem seiner Töne. 

Über Aufführungen der Dramen Wilds wissen wir auch 
sehr wenig. Diese spärlichen Nachrichten verdanken wir dem Rektor 
Beyschlag des St. Anna-Gymnasiums, der schon damals auf die 
handschriftlichen Quellen zurückging. Wenn wir hören, daß 1558 
ein Osterspiel und 1588 eine Passion aufgeführt worden sind, 
wissen wir noch nicht, ob das die Bearbeitungen Wilds waren; bei 
der häufigen Bearbeitung dieser Stoffe ist es sogar zweifelhaft, ob 
man nicht schon 1588 wieder eine neue Passion hatte. Sicher 
scheinen zwei Daten zu sein. Diese berichten von Aufführungen 
der , »Weisen Meister". Da wir nun kein anderes Drama kennen, 
das diesen Stoff behandelt hat, liegt es nahe, hier an Wild zu denken. 
Am 11. Februar 1609 wurde dem Augsburger Weber und Meister- 
singer H. Weidner die Erlaubnis erteilt, die,, Weisen Meister" drei- 
mal aufzuführen, und am 9. Mai wurde die Erlaubnis ausgedehnt 
auf drei weitere Vorstellungen im Monat Mai. Sonst haben wir 
keine Nachrichten über Aufführungen; diese haben natürlich in 
der Schule stattgefunden, und der Rat hatte mit ihnen nichts zu tun. 

Außer der Gesamtausgabe von Wilds Werken sind uns von 
dreien seiner Dramen Nachdrucke erhalten: 

Uhland besaß eine Ausgabe des ,,Asinus vulgi", die in Augs- 
burg bei Val. Schönigk erschienen war; in dieser Ausgabe wird 
leider die Jahreszahl nicht genannt. 

In Berlin befindet sich ein Sonderdruck des Dramas „Der 
Jünger Gefängnis" (Heyses Bücherschatz Nr. 2219); diese ist 
1613 in Augsburg bei Val. Schönigk gedruckt und stimmt mit der 
Ausgabe von 1566 genau überein i). 

Am interessantesten ist ein Neudruck der Passion. Er wird 
auf der Staatsbibliothek in München aufbewahrt 2). Leider fehlen 
Angabe des Druckortes und des Jahres. Aber schon aus der Ortho- 
graphie kann man ersehen, daß der Druck bedeutend später als 
die Gesamtausgabe erschienen ist. Auch ist das Drama sprachlich 
stark geändert worden; an Stelle älterer, schwer verständlicher 
Worte sind andere gesetzt worden. Für die Datierung ist am 
wichtigsten die Abänderung der Verse. Der Bearbeiter zählt nicht 

1) Berliner K. Bibliothek: Jg. 10. 

2) P. 0. germ. 1626. 



— 163 — 

mehr bloß die Silben, sondern sucht die Verse sinngemäß zu be- 
tonen^). So wird diese Bearbeitung wohl frühestens in der ersten 
Hälfte des 17, Jahrhunderts entstanden sein. 

Allem Anschein nach fehlen uns über Wilds Nachwirken 
wichtige Zeugnisse; denn es ist nicht anzunehmen, daß die Werke 
eines Dichters, der sofort dem Vergessen anheimgefallen war, etwa 
fünfzig Jahre nach dem Erscheinen noch einmal gedruckt wurden. 

Dagegen spricht auch der Umstand, daß Wilds Passion den 
Grundstock der Passionen von Oberammergau und Erl bildet. 

Da das Kloster Ettal zur Erzdiözese Augsburg gehörte, 
hatte es jedenfalls lebhafte Beziehungen zu dem geistigen Leben 
dieser Stadt. So konnte Wilds Drama sehr wohl dahin und in das 
benachbarte Oberammergau gelangen. Daß das Drama von 
einem Protestanten gedichtet war, wußte man entweder nicht 
mehr oder man legte keinen besonderen Wert darauf. 

Wie aber Wilds Drama nach Erl kam, das am Inn auf der 
Spitze des äußersten Vorsprungs Tirols gegen Bayern liegt, ist uns 
bis jetzt ein Rätsel; es zu lösen besteht nur dann Aussicht, 
wenn einmal der Weg erforscht ist, den literarische Werke damals 
nahmen. Nur eine genaue Durcharbeitung der noch vorhandenen 
Archive 2), deren es leider wenig genug gibt, kann dieses Dunkel 
aufhellen. Dann werden vielleicht gewisse Richtungen sich zeigen, 
nach welchen literarische Produktionen sich verbreiteten. Führte 
aber keine dieser Linien nach Erl, so bliebe noch die Möglichkeit, 
daß ein wandernder Geselle aus Augsburg gegen Erl kam und sich 
dort niederließ oder sonst den Erlern irgendwie die Wildsche 
Passion brachte. Sicher ist nur, daß die Handschrift einer Passion, 
die Teile des Wildschen Dramas enthielt, 1697 dem „Anntany 
Simeringer" in Erl gehörte. 



1) So heißt z. B. die Seite 149 zitierte Stelle in dieser Fassung: 

„Ihr Herrn ihr wisset wie nach Rath 

Das Synagog beschlossen hat, 
Als sie einhellig warn beysam, 

So bald der Verführer kam an", etc. 

2) Wie sie Karl Trautmann in den schwäbischen Reichsstätten in 
mustergiltiger Weise vornahm. Es wäre nur zu wünschen, daß der ver- 
dienstvolle Gelehrte diese Publikationen dort fortsetzte, wo sie seinerzeit 
aufhörten, als Schnorrs ,, Archiv" einging. 

11* 



— 164 — 

So ist es also heute noch nicht möglich, die wichtigste Frage 
zu lösen, die eine Arbeit über Sebastian Wild zu lösen hat, die 
Frage: wie stark und wie lange wirkte der Dichter auf die deutsche 
Literatur ein, wenn auch im allerengsten Kreise? Denn geheime 
Fäden spinnen sich gerade in der Geschichte des Geisteslebens 
vom Kleinsten zum Größten. Eine befriedigende Antwort auf 
diese wichtigste Frage läßt sich erst finden, wenn alle dichtenden 
Zeitgenossen Wilds einmal grijndlich untersucht sind, wenn wir 
die Beziehungen der einzelnen Schriftsteller systematisch fest- 
stellen können, ohne zum großen Teil auf den Zufall angewiesen 
zu sein, wie es heute noch das Schicksal des Forschers ist. 

Das Resultat der vorliegenden Arbeit ist negativ, wenn man 
die Aufgabe der Literaturgeschichte darin erblickt, dichterisch 
Wertvolles ans Tageslicht zu fördern oder auf bedeutende Geister 
hinzuweisen, die die Mitwelt verkannt hat. Aber positiv darf das 
Ergebnis der Arbeit trotz des jämmerlichen Dichters, den sie 
behandelt, genannt werden, wenn man die Literaturgeschichte in 
einem weiteren Sinne, in dem Sinne Herders auffaßt, dem diese 
,, Galerie verschiedener Denkarten, Anstrebungen und Wünsche" 
den Geist der ,, Zeiten und der Nationen" näher brachte als die 
,, täuschenden, trostlosen Wege ihrer politischen und Kriegsge- 
schichte". 

Die vorliegende Arbeit, die nur als ein Versuch gewertet werden 
darf, kann und muß ergänzt, überholt und richtiggestellt werden. 
Damit aber dies möglich wird, müssen eine Reihe derartiger Ar- 
beiten entstehen, sodaß man die einzelne Erscheinung in den größe- 
ren Kreis einreihen kann. Sollte durch diese Arbeit der eine oder 
der andere auf derartige, trotz aller scheinbaren Trockenheit 
höchst anziehende Untersuchungen gelenkt werden, so wäre das 
ihr bester Gewinn. ,,Le plus vif plaisir", sagt Hipp. Taine, 
,,d'un esprit qui travaille consiste dans la pensee du travail que 
les autres feront plus tard." 




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